Pro 1: Die Spielanlage Es lässt sich ohne Übertreibung festhalten, dass der VfB von allen Abstiegskandidaten mit dem Ball am meisten anzufangen weiß. Als einziges Team im Tabellenkeller haben die Stuttgarter einen Ballbesitzanteil von mehr als 50 Prozent, worauf auch Sportdirektor Sven Mislintat nicht ohne Stolz verweist: „Man darf schon sagen, dass wir ein ziemlich gutes Positionsspiel haben. Wir können Mannschaften wie Bielefeld gut bespielen.“
Und: Dass es sich um brotlosen Ballbesitz ohne Zielstrebigkeit handeln würde, muss sich der VfB auch nicht vorwerfen lassen: In den vergangenen Spielen gab es mehrere richtig gute Torgelegenheiten – in jeder einzelnen Partie fraglos genügend für den Sieg.
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Contra 1: Die Effektivität Vor dem gegnerischen Tor ist es dann allerdings meist vorbei mit der Stuttgarter Herrlichkeit. Immer wieder in dieser Saison erweist sich der VfB als Meister im Auslassen von Großchancen, was ein klares Manko im Vergleich zur Konkurrenz bildet: Fast sieben Tore weniger haben die Stuttgarter in dieser Saison erzielt, als es den Expected Goals zufolge aufgrund der Chancenqualität zu erwarten gewesen wäre. Hertha BSC zum Beispiel liegt in dieser Statistik in der oberen Hälfte der Bundesliga mit einem Wert nahe null.
Mislintat erklärt die mangelnde Effizienz ein Stück weit mit dem jungen Altersschnitt seines Teams: „Es ist völlig klar, dass unsere Jungs noch nicht so ausgereift sind, wie sie dann irgendwann mal mit 26, 27 Jahren sein werden.“ Unliebsame Wiederholungen in puncto Abschlussschwäche seien daher keineswegs auszuschließen: „Das ist etwas, was unserer Mannschaft auch immer wieder mal passieren wird. Das ist ganz klar.“
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Pro 2: Der Spielplan Auf den ersten Blick scheint das Restprogramm anspruchsvoll. Drei der letzten fünf Spiele muss der VfB auswärts bestreiten, darunter ist auch die schwerste aller Aufgaben beim FC Bayern München. Bevor es aber zum Rekordmeister geht, können die Stuttgarter gegen drei Teams die Weichen stellen, die ihnen in der Hinrunde lagen: Sieben Punkte sprangen aus den Duellen mit dem FSV Mainz 05, Hertha BSC und dem VfL Wolfsburg heraus. Vor allem das Spiel gegen verunsicherte Berliner bietet die große Chance, einen Mitkonkurrenten im direkten Duell abzuschütteln.
Die beiden Heimspiel-Gegner – der VfL Wolfsburg (32. Spieltag) und der 1. FC Köln (34. Spieltag) – könnten zudem zum jeweiligen Zeitpunkt der Partie gegen den VfB schon im tabellarischen Niemandsland sein und die letzte Schärfe vermissen lassen.
Contra 2: Die individuellen Patzer Dass Gegentore im Fußball nach Fehlern fallen, ist eine Binsenweisheit. Der VfB aber reizte zuletzt die Skala der Schwere seiner individuellen Patzer weit nach oben aus und hatte so einen erheblichen Eigenanteil an den Gegentoren. Zum Beispiel am vergangenen Spieltag gegen Borussia Dortmund: Erst rasselten Konstantinos Mavropanos und Atakan Karazor unkoordiniert zusammen und verschafften dem BVB so freie Bahn, dann sah Torwart Florian Müller bei einem nicht wirklich platzierten Schuss von Julian Brandt aus rund 20 Metern alles andere als gut aus.
„Es ist sicherlich so, dass individuelle Fehler zu den Gegentoren geführt haben“, sagt auch Mislintat. Vor allem Keeper Müller steht seit Wochen in der Kritik und wird sich steigern müssen, um zum dringend nötigen Rückhalt im Saisonfinale zu werden.
Pro 3: Die Ruhe im Umfeld Lange galt Stuttgart als komplizierter Bundesliga-Standort, geprägt von der hohen Erwartungshaltung eines anspruchsvollen Publikums. Derzeit ist davon aber wenig zu spüren. Von den Rängen kommt konstant positive Energie, auch nach Niederlagen überlagert der Applaus die Pfiffe. Dass das keine Selbstverständlichkeit im Abstiegskampf ist, zeigt der Blick in die Hauptstadt. Nach der Pleite im Derby gegen Union Berlin stand den Hertha-Profis ein unangenehmer Gang in eine wütende Fankurve bevor.
Beim VfB schätzen sie die Unterstützung, jedenfalls loben Spieler und Verantwortliche den Anhang bei jeder sich bietenden Gelegenheit. „Die Fans sind ein echtes Pfund“, sagt Mislintat, „diese Geschlossenheit ist ganz wichtig für den Club.“
Contra 3: Der Faktor Zeit Wäre jetzt Herbst und ein Großteil der Saison noch Zukunftsmusik, müsste man sich vermutlich keine Sorgen um den VfB machen. Wie ein Absteiger spielt er nicht, auf Dauer sollten die derzeitigen Leistungen also reichen. Es ist aber Frühling – und die Spiele gehen aus, um die soliden Auftritte auch in Siege umzumünzen.
Je mehr sich die Entscheidung zuspitzt, desto stärker steigt der Druck auf die junge Stuttgarter Mannschaft – und desto eher kann ein einzelner formschwacher Tag verhängnisvolle Konsequenzen haben, da kaum noch Zeit zur Korrektur bleibt. Gerade mal fünf Spiele stehen noch aus. Entscheidende Duelle, in denen der VfB liefern muss.