Der Dichter Bernd „Harlem“ Fischle Im Dreck von New York

Von Thomas Morawitzky 

Der linke Schriftsteller Peter O. Chotjewitz, 2010 in Stuttgart gestorben, rezensierte einst „Die Helden des Rückzugs“, Fischles Band mit Biereck-Gedichten, für die Zeitschrift „Konkret“. „Harlem“, schrieb Chotjewitz, „ist nicht nur der Heimatdichter der ‚Negerprovinz‘, er ist auch ein waschechter Wortakrobat. Nicht Ironie, Besinnlichkeit und schwarzer Humor sind seine Fermente, sondern der Ingrimm, der Döblin dazu trieb, ‚Berlin Alexanderplatz‘ zu schreiben.“

In Harlem, New York, war Bernd Fischle wirklich, dort holte er sich seinen Beinamen. Heute will er kein Aufheben mehr machen von der Reise, die er 1986 antrat, mit einem Stipendium des Schomberg Center for Research of Black Culture. Neun Monate dauerte sein Aufenthalt. „Ich habe mich für James Baldwin interessiert“, erzählt er. „Ich habe viel gelesen dort, aber vor allem habe ich die Stadt genossen. In den 1980er Jahren war in New York ja noch alles schmutzig, dreckig. Drogen und so weiter. Es war viel spannender als heute. das alte Harlem gibt es ja nicht mehr.“ Jahre später reiste Fischle noch einmal nach New York, dieses Mal gemeinsam mit seiner Frau, um den Kulturschock zu erleben, den die Stadt, die niemals schläft, für einen Schwaben bedeutet. „Ansonsten“, sagt er, „war ich eigentlich immer in Stuttgart.“

1986, im Jahr seines Harlem-Aufenthalts, nahm Fischle auch seinen Hinterhof-Rap auf. „Hinterhöfe sind mir nicht fremd / Hinterhöfe kenn’ ich schon als Kind / Fußballspiel an grauen Mauern / Hinterhofkinder sind zu bedauern“, singt er mit scharfer Stimme zu scharfen Beats. Aus Harlem kehrte er heim mit einer Faszination für die neue schwarze Musik, auch mit Miles Davis’ Trompete unterlegte er seine Rap-Zeilen. Ein Schreiben der Ralph-Siegel-Musikverlage, bei denen die Rechte für das Davis-Stück liegen, bewahrt Bernd „Harlem“ Fischle bis heute in einem seiner vielen Ordner auf: die Genehmigung, diese Musik zu verwenden – „einmalig in einer Jugendsendung des Südfunks“.

Er will sich abgrenzen vom Literaturbetrieb

Auch das Unwort „Neger“ geistert seither durch Fischles Texte, als ein Stigma, das er angenommen, sich von der schwarzen Kultur der USA geliehen hat. „Soul, und später Hip-Hop, das Interesse an schwarzer Kultur und dem schwarzen politischen Engagement, an der Bürgerrechtsbewegung, das war eine meiner größten Leidenschaften“, sagt er. „Ich weiß nicht mehr, woher das kam. Aus der Musik wohl und aus einem jugendlichen Gerechtigkeitsdenken. Weil ich gesehen habe, dass Amerika nicht das Paradies ist, aber ohne dabei je in einen Antiamerikanismus zu verfallen.“

Vom Kulturverständnis der Stuttgarter Halbhöhe will Fische sich ebenso abgrenzen wie vom Literaturbetrieb: „Mein Buch heißt nicht umsonst ‚Die Helden des Rückzugs‘.“ Aus persönlichen Gründen hat er sich lange Zeit zurückgezogen. Einen „gewissen Überdruss“ – den allerdings empfand er auch. Den Intellektuellen gegenüber, der Literatur. „Das war ein schleichender Prozess. Aber das literarische Leben kreist eben immer nur um sich selbst. Dafür bin ich viel zu breit aufgestellt.“ Er interessiert sich für Fußball, für Popmusik und Kochen. Er sieht sich populäre Fernsehsendungen an, über die manche die Nase rümpfen. Er hat keine Berührungsängste. Selbst mit dem verpönten deutschen Schlager kann Fischle etwas anfangen: „In meiner Kindheit gab es keine Popmusik. Da liefen eben Schlager.“ Fischle ist einer, der zu seinem Leben steht und sich nicht verbiegen lassen will. Von niemandem.

Dabei wirkt der Mann, der im La Concha in seinen Gedichten blättert, vorsichtig, fast schüchtern. Von der Schärfe des Hinterhof-Raps spürt man in seiner Stimme nichts mehr. Weit mehr als zehn Jahre sind vergangen, seitdem Bernd Fischle zuletzt öffentlich aus seinen Gedichten las, im ­Depot am Ostendplatz, auf Einladung des Buchhändlers Wendelin Niedlich. Fast 40 Jahre ist es her, seitdem er seinen ersten Band mit Gedichten veröffentlichte. „Aus der Hüfte kommt der Schwung“ hieß dieses Buch, das 1981 in der Edition Künstlerhaus Stuttgart erschien. Manfred Esser, Autor des „Ostend-Romans“, und Wolfgang Kiwus unterstützten Fischle. Man traf sich im Waldheim Gaisburg: „So bin ich in literarische Kreise gekommen.“

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