Der Dichter Bernd „Harlem“ Fischle Heimatgedichte der anderen Art

Von Thomas Morawitzky 

Heimatgedichte der anderen Art waren es, die Bernd Fischle damals, als noch nicht 30-Jähriger, schrieb. Die Umdeutung des Heimatbegriffs lag im Trend der Zeit, und Fischle wetterte in noch viel kürzeren, bissigen und poetischen Zeilen gegen das große Geld, die Investoren. „Damals“, sagt er, „war das eine Schablone: Alles ist schlecht, aber wenn man aufsteht und etwas tut, dann wird alles gut.“ Naiv findet er dieses Denken heute. „Verändert hat die Stadt sich schon, aber vielleicht auch in eine andere Richtung, als ich dachte.“ In Stuttgart – besser: in Bad Cannstatt – lebt Fischle immer noch sehr gerne. „Warum“, so ließ er 1976 eines seiner Gedichte beginnen, „sollte es / ausgerechnet hier anders sein / als in irgendeiner sterbenden Großstadt?“

Fischle hat nur vier schmale Bände mit Gedichten veröffentlicht. Geschrieben hat er unablässig, vieles für die Schublade, viele Briefe auch. „Ich war immer ein bisschen frech und habe einfach Leute angeschrieben“, sagt er. „Und bei manchen hatte ich dann auch Erfolg.“ So entstanden Brieffreundschaften – mit dem Liedermacher Franz Josef Degenhardt, den Schriftstellern Hermann Peter Piwitt und Wolf Wondratschek (der aber nur selten antwortete). Mit Harry Rowohlt hielt er zwölf Jahre lang einen Briefkontakt aufrecht.

Bernd Fischle ist ein widersprüchlicher Mensch, bescheiden und doch äußerst hartnäckig. Er hat immer weitergemacht, ohne zu fragen. Der Vorwurf, er sei ein Dichter, der nicht dichten könne, stört ihn nicht sehr. „Ich schreibe so vor mich hin und versende die Sachen dann“, sagt er. „Ich denke, die Welt wartet nicht auf meine Gedichte. Es gibt so viel Literatur, die viel bedeutender ist.“

Seltsam, dass gerade einer, der mit solchem Eifer Kontakte pflegt, seine Zeitgenossen mit den Elementen seines privaten Kosmos überschüttet, vom Internet nichts wissen will. Aber vielleicht weiß er einfach genau, dass E-Mails und Postings sich allzu leicht in einen Papierkorb verschieben lassen. Die großen braunen Umschläge, mit denen Bernd „Harlem“ Fischle die Welt beglückt, beklebt mit ausgeschnittenen Zeitungsschlagzeilen und natürlich Sondermarken, liegen derweil seltsam sperrig auf den Tischen und wollen gelesen werden. Wer Post bekommt von diesem sturen Mail-Art-Künstler, der findet in den Umschlägen nicht nur Fischle-Texte, sondern immer auch ein Sammelsurium an Zeitungsausschnitten, Bildern, Kopien, Briefen, über die sich die sorgfältige kleine Handschrift des Autors hinzieht.

„Ich will eigentlich gar nicht so viel lesen“

Vom La Concha aus sind es nur wenige Minuten bis zum Café Weiß, dorthin, wo Bernd „Harlem“ Fischle nun wieder lesen wird, zum ersten Mal seit so vielen Jahren. Am Donnerstag tritt er auf, mit Hawelka, der Stuttgarter Band, die sich im Abseits der verrauchten Kneipen mindestens so wohlfühlt wie er. Diese Vorliebe hat sie zusammengebracht, den Hinterhofdichter und die Band mit dem Namen eines Wiener Cafés. „Ich will eigentlich gar nicht so viel lesen“, sagt er mit gewohnt vorsichtiger Zurückhaltung. „Die meisten Leute kommen doch sicher wegen der Band.“

Ein bisschen zitterig, erzählt Bernd „Harlem“ Fischle, fühle er sich auch noch bei der Auswahl seiner Texte, obwohl er seit 2010 wieder eine ganze Reihe an Gedichten verfasst hat. Das letzte von ihnen entstand erst im Dezember 2016, es heißt „ToNite I serve NoBody“ – eindeutig übersetzt: Heute Nacht diene ich niemandem. „Aber es ist schon sehr gut“, sagt Fischle, „wieder einmal an die Öffentlichkeit zu gehen.“

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