Der Dichter Bernd „Harlem“ Fischle Hinterhofpoet aus Cannstatt

Von Thomas Morawitzky 

Bernd „Harlem“ Fischle ist ein Heimatdichter der besonderen Art. Er schreibt von schäbigen Hinterhöfen, verrauchten Spelunken, von Schädelharry und anderen schrägen Typen. Ein Jahrzehnt lang hat man nichts von ihm gehört. Nun taucht er wieder auf.

Bescheiden und doch äußerst hartnäckig: Bernd „Harlem“ Fischle  im Café Weiß Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Bescheiden und doch äußerst hartnäckig: Bernd „Harlem“ Fischle im Café Weiß Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Aus den Lautsprechern kommt die alte Rockmusik, Bernd „Harlem“ Fischle schätzt sie sehr. Von Musik hat er sich schon früh zu Gedichten inspirieren lassen, vor allem von Blues, Soul und Hip-Hop. Im La Concha am Stuttgarter Wilhelmsplatz ist es Eric Clapton, der im Hintergrund Gitarre spielt. Dazu das scharfe Knallen der Würfel auf dem Backgammonbrett. „Früher“, sagt Fischle, „war das La Concha meine Stammkneipe.“

Damals, in den Achtzigern, lebte Fischle in einer WG in der Alexanderstraße, oberhalb des Wilhelmsplatzes. Er arbeitete für die Stuttgarter Jugendgerichtshilfe mit straffällig gewordenen Jugendlichen, kehrte nach Feierabend in der Kneipe ein. Nun sitzt er an einem Tisch abseits der Backgammonspieler und blättert in seinen Gedichten, auf losen Blättern, blättert in dem Band „Die Helden des Rückzugs“, den der Ludwigsburger Kleinverlag Killroy Media 2009 veröffentlichte. Langzeilige Gedichte sind es zumeist, in kleinformatigen Typoskripten, Wortfelder, aus denen immer wieder an unerwarteten Stellen Großbuchstaben herausragen und andere, seltsame Lesarten vorschlagen. Einem Gedicht gegenüber liegt stets eine Buchseite mit einem grobkörnigen, fotokopierten Foto.

Auf den Fotos: Vorbilder, Idole, bekannte, unbekannte Gesichter, beliebige Szenen. Der Stuttgarter Hauptbahnhof, unscharf, verwaschen, helle Flecken der Straßenlaternen, Zebrastreifen. Miles Davis, Brendan Behan, Rolf Dieter Brinkmann, William Burroughs, Robert Crumb, Werner Schwab, Jeff Tweedy von Wilco, Sonny Barger von den Hell’s Angels. Ein Foto aus dem Café Lehmitz, ein frühes Bild von Donald Fagen. Isaac B. Singer und Rainer Werner Fassbinder. Ist das Johnny Cash? – „Ich weiß es nicht mehr.“ Vorsätzlich unscharf sind diese Bilder, Fragen des Urheberrechts will Fischle aus dem Weg gehen. Er ist ein Sammler, einer, der aufliest, was am Rande liegt, und es in seine Ordner, Umschläge, Gedichte packt. „Mir geht es darum, die kleinen Dinge des Alltags, Wortschöpfungen und Gesehenes, in eine Reihenfolge zu bringen“, sagt er. „So, dass daraus vielleicht eine Geschichte in einem Gedicht entsteht, oder eine Stimmung, oder, bestenfalls, beides. Meine Gedichte sind alle ein Gemisch aus persönlichen ­Erlebnissen und anderen Geschichten.“

Der Erzähler trifft sich mit Schädelharry in der Bar „Zur hoffnungslosen Jugend“

Zum Beispiel „Die Kolonie der Gesetzlosen“: „In HARLEM wurde es langsam kühler und die NEGER / holten ihre SOULmäntel aus den GHETTOschränken“ – so beginnt das Gedicht. Der Erzähler trifft sich mit „Schädelharry“ in der Bar „Zur hoffnungslosen Jugend“. Sie steigen über umherliegende Crack-Babys hinweg und finden einen von Kugeln durchsiebten Lottokönig auf einer Nappaledercouch. „Schädelharry“, sagt Bernd Fischle, „war tatsächlich ein Jugendlicher im Jugendhaus Hallschlag. Der konnte so gut Kopfball. Aber ein bisschen gangsterhaft klang das schon.“

Im Jugendhaus Hallschlag, heute gelegentlich Konzertlocation, früher eher eine Problemzone der Stuttgarter Jugendarbeit, war Fischle Sozialarbeiter, bevor er 1990 zur Jugendgerichtshilfe kam. Davor hatte er eine Ausbildung zum Notar abgebrochen, die Fachhochschulreife nachgeholt und in Esslingen Sozialpädagogik studiert. „Bezirksnotar“, sagt er, „wollte ich nicht werden, weil’s mir zu unlebendig war, dauernd nur Gesetze zu lernen.“ Seine Anstellung als Jugendgerichtshelfer war ihm später der Brotberuf. Seit neun Jahren ist er im Vorruhestand.

Geboren wurde Bernd Fischle 1951 im Stuttgarter Osten: „Am Schlachthof, beim Gaskessel, da bin ich groß geworden.“ Längst hat er seine Heimat in Bad Cannstatt gefunden, in einem Backsteinbau, mit viel Nachbarschaft. Dort fühlt er sich wohl. Dort befindet sich auch das Biereck, die Kneipe, die in vielen seiner Gedichte auftaucht, die er mit Gestalten und Geschichten bevölkert hat. „Tatsächlich war ich da niemals Stammgast“, sagt er. „Die Figuren sind auch erfunden.“ Das Biereck ist für Fischle ein metaphorischer Ort in seiner Stadt, eine Maske. Das Leben in den Kneipen hat er lange hinter sich gelassen. Im La Concha trinkt er Mineralwasser. „Ich mag eigentlich gar keinen Alkohol“, sagt er.

Sonderthemen