Stuttgart - Vor 400 Jahren wurden Roma noch wie räudige Füchse mit dem Fangeisen zur Strecke gebracht, weil sie als rechtlose Schädlinge galten. Feldarbeiter hatten weniger Wert als Ochsen, und Frauen wurden lebendig verbrannt, wenn sie es wagten, selbstbestimmt zu leben. Kann der moderne Mensch aus dieser dem Anschein nach völlig fremden und fernen Epoche überhaupt Schlüsse ziehen, um Krisen zu bewältigen? Der Dreißigjährige Krieg, der vor 400 Jahren begann, eignet sich wie kaum ein anderes historisches Ereignis, dieser Frage nachzugehen.
Als „Krieg aller Kriege“ galt er Jahrhunderte lang. Bis heute wird er als Synonym verwendet für einen Konflikt mit vielen unterschiedlichen Akteuren, verbunden mit dem Risiko seiner Ausweitung auf einen ganzen Kontinent. In den 1990er Jahren wurden die zentralafrikanischen Kriege mit dem Dreißigjährigen Krieg verglichen, heute sind es die Konflikte im Nahen und Mittleren Osten. Der Vergleich drängt sich so sehr auf, da Religion eine scheinbar bestimmende Rolle spielt – wie schon vor 400 Jahren. Doch der Schein trügt.
Allein die Dimension des Dreißigjährigen Kriegs lässt Vergleiche hinken. Der gesamte europäische Kontinent war im Lauf der 30 Jahre darin verstrickt. In manchen Regionen starben mehr als 60 Prozent der Menschen, in ganz Mitteleuropa knapp 40 Prozent.
Was ist die Quelle der Macht: Gott, das Recht oder die Gewalt?
Am Beginn dieses Gemetzels stand ein kalkulierter Wutausbruch. Böhmische Adlige warfen am 23. Mai 1618 zwei kaiserliche Beamte und ihren Sekretär aus einem Fenster der Prager Burg. Der böhmische Adel, überwiegend protestantisch, war erbost darüber, dass sein neuer katholischer König und künftiger Kaiser Ferdinand die vertraglich zugesicherte Religionsfreiheit wieder einschränkte. Wie in einem Brennglas zeigt sich schon am Anfang deutlich, welche Fragen dem Dreißigjährigen Krieg zugrunde lagen: Wie viel Macht haben die Konfessionen, welche Macht die etablierten Herrscher gegenüber ihren adligen Ständen und was ist die Quelle der Macht: Gott, das Recht oder die Gewalt?
Seit Jahrzehnten hatten Politiker, Geistliche, Philosophen in ganz Europa diese Themen vorangetrieben, die die alte Ordnung herausforderten. Nun hofften viele darauf, sie mit Gewalt zu ihren Gunsten zu entscheiden. Die böhmischen Stände wählten einen neuen, protestantischen König und änderten die Verfassung in ihrem Sinne. Die meisten anderen protestantischen Fürsten im deutschen Reich verhielten sich vorerst neutral. Also konnte der katholische Kaiser mit Hilfe seiner katholischen Verbündeten Spanien und Bayern den Aufstand 1620 niederschlagen.
Die Sieger wollten die Gunst der Stunde nutzen. Das habsburgische Spanien sah die Gelegenheit, die abtrünnigen niederländischen Provinzen, eine protestantische Republik, wieder zu unterwerfen. Der habsburgische Kaiser wollte den Protestantismus in seinem Herrschaftsgebiet zurückdrängen, und Bayern beanspruchte die Kurfürstenwürde des besiegten protestantischen Königs und Kurfürsten von der Pfalz. Die protestantischen Herrscherhäuser sahen ihre Stellung bedroht und gewannen mächtige Bündnispartner ihrer Konfession. Zuerst griff, vergebens, der dänische König ein, dann, mit sehr viel größerem Erfolg, der schwedische König Gustav Adolf. Diese Phase des Krieges endete mit einer Art Patt, besiegelt im Prager Frieden 1635. Doch Spanien und das Kaiserreich, beide in Händen des Hauses Habsburg, hatten eine Machtstellung erlangt, die Frankreich in seiner Angst vor einer Einkreisung zum Angriff gegen die Habsburger bewog.
Die Vorstellung eines europäischen Reiches wurde beerdigt
Spätestens jetzt verlor der Dreißigjährige Krieg seinen religiösen Wesensanteil. Seit 1635 kämpfte das katholische Frankreich unter der Führung des Kardinals Richelieu, verbündet mit protestantischen Schweden und islamischen Türken, gegen die selbsternannten Verteidiger des katholischen Glaubens, den Kaiser und Spanien. Schon vorher waren die Konfessionen in den Augen vieler Fürsten und Könige eher machttaktische Argumente zur Identitätsstiftung des eigenen Lagers. Vor allem die protestantischen Stände und Regenten hatten bereits im 16. Jahrhundert den neuen Glauben angenommen, um das katholische Establishment zu erschüttern und eine eigene Hausmacht aufzubauen.
Die Furie des Krieges wütete, bis 1648 alle großen Fragen beantwortet waren. Der Westfälische Frieden verschriftlichte und ordnete diesen europäischen Klärungsprozess. Die Idee einer universellen Konfession für Europa wurde verworfen – bis heute. Die Zeit der Religionskriege war vorbei. Die Vorstellung eines europäischen Reiches wurde beerdigt. An seine Stelle trat ein Staatensystem. Nur Napoleon und Hitler wollten dies später ändern.
Das Wesen der völkerrechtlichen Subjekte veränderte sich. Fürsten und Städte, Eidgenossenschaften und Republiken traten gleichberechtigt neben Könige und Kaiser, wenn sie hinreichende staatliche Strukturen gewährleisten konnten: Die uneingeschränkte Kontrolle über ein Territorium mit einem Regime des Rechts. Der Rechtsstaat nahm Formen an, einheitlich, verbindlich, einklagbar, niedergelegt, einsehbar und jederzeit kontrolliert. Zwar sollte das Zeitalter des Absolutismus erst noch voll erblühen, doch absolut war die Herrschaft der Regenten nach 1648 nur in der verklärenden Außendarstellung. Nach innen wurden die Herrscher zunehmend in staatsrechtliche Strukturen eingebunden.
Das Recht als letzte Instanz und die christliche Friedenspflicht
Der westfälische Frieden schwor jedem Fundamentalismus ab und setzte statt auf moralische Dispute auf weitestgehenden Ausgleich und Vergebung. Sicherlich trug auch die Erschöpfung der Kriegsparteien ihren Teil dazu bei, doch entscheidend für die Friedensfähigkeit Europas Mitte des 17. Jahrhunderts waren zwei Dinge, die in der europäischen Kultur bereits angelegt waren: das Recht als letzte Instanz und die christliche Friedenspflicht.
Die Idee unveräußerlicher Rechte eines jeden Menschen, abgekoppelt von jeder Religion und jedem Herrscher – Menschenrechte also – hatte sich im 17. Jahrhundert bereits durchgesetzt. Nicht immer und, wie eingangs beschrieben, längst nicht für jeden, aber im Grundsatz. Das Recht der Menschen wurde auf Erden höher angesiedelt als Gottes Wort. Und nun gelangte es ins Pfichtenheft der Herrscher.
Das Christentum, seines weltlichen Herrschaftsanspruches weitgehend beraubt, verlegte sich mehr und mehr auf seine Rolle als Kümmerer, Mahner und Verteidiger der in ihm verankerten Friedensnormen. Die Politik wurde säkular, die Kirche trat zurück. Voraussetzung dafür war, dass zu dieser Zeit Kirche und Staat zwar ein verflochtenes, aber duales und stets voneinander unterscheidbares System bildeten. Keine der beiden Gewalten konnte der anderen ihren Willen aufzwingen.
Der Kodex des Westfälischen Friedens, so wurde es vereinbart, schlug alle alten Kodizes, kirchliche wie weltliche, und war für alle Unterzeichner unter Strafe bindend. Garantiemächte wachten darüber. 194 souveräne Regenten, große wie kleine, anerkannten einander als gleichrangig, vereinbarten miteinander Religionsfreiheit und Friedenspflicht, im Sinne ihrer Untertanen. Die europäische Gesellschaft gab sich eine Ordnung, die, unterbrochen von Napoleon, Hitler und dem Eisernen Vorhang, bis heute Bestand hat.
Ein Lehrstück, das moderne Konflikte erhellen kann?
Ist dieser Dreißigjährige Krieg nun ein Lehrstück, das moderne Konflikte erhellen kann oder gar bewältigen hilft? Was den Mittleren und Nahen Osten angeht, eher nicht, in anderen Zusammenhängen schon. Trotz der schrecklichen Massaker seit den Tagen des Iran-Irak-Krieges (1980 bis 1988) bis ins heutige Syrien sind die Verlustzahlen und die Schäden um ein Vielfaches geringer als diejenigen des Dreißigjährigen Krieges. Keine Regierung der Region formuliert einen hegemonialen Anspruch, weder politisch noch religiös. Eine Universalkonfession oder eine Universalregentschaft wären vollkommen abwegig. Solche Forderungen hört man lediglich von den Terroristen des sogenannten Islamischen Staates. Die Verteilung der Konfessionen in, grob gesagt, schiitische und sunnitische Zonen besteht seit einem Jahrtausend und drängt mitnichten zu einer Entscheidung. Nur wer die Machtverhältnisse grundsätzlich verändern will, nutzt die Konfessionsfrage, etwa im Irak oder in Syrien. In Ägypten, im Libanon, in Tunesien, in den Kurdengebieten spielen Konfessionen bei den Konflikten überhaupt keine Rolle.
Ausschlaggebend für die Konflikte im Mittleren und Nahen Osten war und ist der Rückzug der Kolonial- und Hegemonialmächte. Schon die iranische Revolution 1979 wurde nur möglich, weil dem Westen der Preis für die Unterstützung des Schahs zu groß wurde. Und auch die Demokratiebewegungen der jüngsten Zeit in Libyen, Tunesien, Ägypten und Syrien konnten nur Fuß fassen, weil die Diktatoren als Stabilitätsgaranten in der Region fallen gelassen wurden. Mittlerweile hat sich das wieder geändert. Russland stützt Assad, die USA den ägyptischen Machthaber Al-Sisi.
Wer diese Werte aufgibt, fällt hinter die bitteren Erfahrungen unserer Vorfahren zurück
Die Staaten dieser Region sind, anders als die europäischen Staaten des 17. Jahrhunderts, in ihrer relativ kurzen Zeit der Selbstständigkeit vor allem damit beschäftigt, sich zu stabilisieren, immer auch bedroht von Interventionen der USA oder Russlands. Keine Gesellschaft im Nahen und Mittleren Osten ist, wenn sie sich überhaupt darum bemüht, in der Lage, eine stabile Werteordnung im Spannungsfeld von Staatsräson, religiösen Werten und modernen Individualrechten zu entwickeln. Erst im nächsten Schritt könnten daraus ein supranationales Rechts- und Staatsempfinden entstehen – und vielleicht eigene Herrschaftsansprüche. Und die Zeit drängt, denn die Moderne in Form der Globalisierung hat in dieser Region vor allem einen Effekt: Das Volk kann davonlaufen.
Die Rivalität des Iran und Saudi-Arabiens entspringt eher der Angst als einem Hegemonialplan. Die Umsturzgelüste der USA und deren Dummheit, 2003 den irakischen Diktator zu stürzen, veranlassten den Iran, auf vielen Schauplätzen der Region den Einfluss zu mehren, um seine Existenz zu sichern. Eben dies versuchen die Saudis mehr schlecht als recht zu verhindern.
Kein Dreißigjähriger Krieg also in der islamisch-arabischen Welt, eher innerstaatliche und gesellschaftliche Gärungsprozesse mit außenpolitischen Nebenwirkungen. Und doch lässt sich aus dem Westfälischen Frieden manche Lehre ziehen – und die wurde auch schon gezogen. Denn die EU ist zu einhundert Prozent nach den Grundsätzen der Westfälischen Friedensverhandlungen vor 367 Jahren geschaffen: Jeder Souverän ist ebenbürtig, Frieden ist oberster Grundsatz, Ausgleich der Interessen und Rechtsverfahren im Konfliktfall sichern Stabilität und die Entwicklung aller – nicht das Recht des Stärkeren oder der Alleingang. Wer diese Werte aufgibt, fällt hinter die bitteren Erfahrungen unserer Vorfahren zurück, die mit Strömen von Blut bezahlt wurden. Weltgeschichtliche Ereignisse wie der Dreißigjährige Krieg verändern die Richtung der Geschichte, die Menschheit geht danach einen neuen Weg. Wer diesen Weg verlässt, sollte sich fragen, warum seine Vorfahren ihn einschlugen. Es muss nicht immer ein Erschöpfungskrieg sein, der grundlegende Einsichten bringt.