Der Einfluss des Wahhabismus Der sunnitische Islam ist auf dem Tiefpunkt angekommen

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Das kulturelle Gepräge der gesamten Golfregion dagegen ist dünn und dürftig. Die meisten der heutigen Glitzermetropolen auf der Arabischen Halbinsel waren vor einer Generation noch kleine Perlenfischerorte. Überspitzt könnte man sagen, die Menschen in Saudi-Arabien wissen im Grunde erst seit gut einer Generation, wie man überhaupt in einer Großstadt zusammenlebt. Emirate wie Katar, Abu Dhabi oder Dubai kaufen internationale Kultur mit Millionenaufwand in Europa oder den USA ein, um sie an den Golf zu verpflanzen. Sie dient sozusagen als Zusatzunterhaltung für zahlungskräftige Touristen, denen man noch etwas mehr bieten möchte als endlose Sonne, luxuriöses Essen und monotone Shoppingmalls.

Mit dem Wüten des Islamischen Staates ist der sunnitische Islam nun 35 Jahre nach der fatalen Entweihung von Mekka an einem absoluten Tiefpunkt angekommen, auch weil die sunnitische Gelehrsamkeit dieser militanten Ausrottung der eigenen Tradition spirituell und geistig nichts entgegenzusetzen hat. Herkömmliche Theologie und Koranausbildung sind den modernen Herausforderungen nicht mehr gewachsen. „Die größten, reichsten und prominentesten islamischen Institutionen leben immer noch in einer intellektuellen Welt, die sich in den letzten dreihundert Jahren kaum verändert hat“, diese Bilanz zog kürzlich der ägyptische Intellektuelle Tarek Osman. Die meisten Fatwas beschäftigen sich mit realitätsfremden Trivialitäten. Das Bildungsniveau der Prediger ist allzu oft miserabel. Viele sind staatlich alimentierte Religionsbeamte, die nur ihren Status genießen und ihre angeblich gottgegebene Autorität zelebrieren.

Der IS als „zionistische Verschwörung“?

Entsprechend defensiv wirkt die islamische Geistlichkeit des Nahen Ostens, hilflos und unfähig, in dieser Megakrise Orientierung zu geben und den IS-Wahn erfolgreich zu diskreditieren. Ahmad Mohammad al-Tayyeb, Oberster Gelehrter von Kairos Universität Al-Azhar, die sich gerne im Ruf der wichtigsten Lehranstalt des sunnitischen Islam sonnt, nennt den Islamischen Staat bei jeder Gelegenheit eine „zionistische Verschwörung“, die die arabische Welt auf die Knie zwingen soll. Eine breite innermuslimische Debatte zu den geistigen Wurzeln der Radikalen findet nicht statt. Und Millionen von Muslimen in Nahost tun mit Verweis auf die innere Pluralität ihrer Religion so, als wenn sie das alles gar nichts anginge.

Sunnitische Muslime sollten ihre übliche Reaktion „Das ist nicht der wahre Islam“ als sinnlos aufgeben, forderte der türkische Intellektuelle Gökhan Bacık in einem Essay mit dem Titel „Was ist los mit dem sunnitischen Islam?“ In seinen Augen ist die Megakrise nur zu bewältigen mit einer neuen sunnitischen Theologie, die künftig jede Gewalt kategorisch ablehnt. „Es reicht nicht aus, radikale Gruppen als pathologische Fälle abzutun“, argumentiert er. „Wir müssen versuchen zu verstehen, warum unsere Lehrtradition diese Leute so nährt, wie sie es tut.“