Der Stuttgarter Jude Fred Uhlman wurde von den Nazis ins Exil getrieben. Ein Ausstellung in Freudental erinnert an sein künstlerisches Schaffen.

Stuttgart/Freudental - Am 24. März 1933, vor achtzig Jahren, ging Fred Uhlman, Rechtsanwalt mit eigener Kanzlei in Stuttgart und aktiver Sozialdemokrat, über die Grenze nach Frankreich. Er nahm Zuflucht in einem Exil, von dem er glaubte, dass es nicht lange dauern würde. Denn Hitler, so meinten viele im Frühjahr 33 noch, würde sich nicht halten können, und schon gar nicht würde er sein wirres politisches Programm umsetzen. Mit einem Freund hatte Uhlman einen Code, eine imaginäre Gerichtsverhandlung, vereinbart. Einige Wochen lang erhielt er aus Stuttgart die Meldung, dass sich der Fall gut entwickle, dann, dass die Sache schwanke, und schließlich: „Prozess endgültig verloren.“

Zu diesem Zeitpunkt waren zahlreiche seiner sozialdemokratischen Mitstreiter bereits verhaftet und ins neu eingerichtete Lager auf dem Heuberg gebracht worden: Fritz Bauer, Kurt Schumacher, Karl Ruggaber. Uhlman konnte nur dank der indirekten Warnung des Richters Gottlob Dill, der sich ansonsten auf einer steilen national­sozialistischen Karrierebahn befand, entkommen. „Wenn Sie Uhlmännle sehen“, so hat es Uhlman in seinen Erinnerungen festgehalten, „sagen Sie ihm, dass es in Paris jetzt sehr schön ist. Sagen Sie ihm: jetzt.“

Dank der Protektion Dills konnte Uhlman im Juli 33 noch einmal kurz nach Stuttgart zurückkehren; dabei wurde er beschattet und auch kurz im Gestapohauptquartier im Hotel Silber verhört. Der Gestapomitarbeiter in Zimmer 207 fragte „in breitem Schwäbisch“, ob er in Paris Kontakte zu Schriftstellern habe – sie waren von allen oppositionellen Künstlern wohl am meisten gefürchtet – und ob Uhlman selbst gegen das „neue Deutschland“ konspiriere? „Als ich etwa fünfzehn Jahre später zurückkam, gab es kein Hotel Silber und kein Zimmer 207 mehr. Sie waren zusammen mit der halben Stadt in Rauch und Flammen aufgegangen.“

Lebenszeugnisse in der alten Synagoge

Fred Uhlman (1901–1985) schildert dies alles in seiner Autobiografie „The Making of an Englishman. Erinnerungen eines deutschen Juden“, die 1960 auf Englisch erschien und erst 1992, nach Uhlmans Tod, auf Deutsch herauskam, und zwar auf Initiative des Stuttgarter Stadtarchivs und des Übersetzers Manfred Schmid. Für sich selbst hatte Uhlman die Stationen seiner Flucht und die Codewort-Episode in einem „Verspäteten Tagebuch“ nachgezeichnet, das mit anderen Lebenszeugnissen von nächster Woche an in der ehemaligen Synagoge Freudental ausgestellt sein wird dank langjähriger Kontakte von Susanne Bouché, einem Mitglied der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen.

Auch eine Auswahl seiner Bilder – dreißig Gemälde aus dem Besitz der Tochter Caroline Compton – wird in Freudental zu sehen sein. Denn Fred Uhlman wurde in der Emigration zum Maler. Für deutsche Rechtsanwälte gab es im Ausland keine Arbeit; außerdem hatte er bereits als Jugendlicher künstlerische Ambitionen gehabt, von denen sein Vater nichts wissen wollte. Ein Cousin, der Maler Paul Elsas – auch mit dem Politiker Fritz Elsas war Fred Uhlman über seine Großmutter Lina verwandt –, lieh ihm versuchsweise Leinwand und Palette. Und Uhlman fand sofort Anklang mit seinen poetischen Paris-Motiven, seiner „naiven“, von Moden und Vorbildern unbeeinflussten Malweise.

Als andere Möglichkeiten der Existenzsicherung wie Kunsthandel und die Züchtung von Aquarienfischen gescheitert waren, wechselte Fred Uhlman im Frühjahr 1936 nach Spanien ins Haus des Malers Oskar Zügel, den er aus Stuttgart kannte. Dort lernte er beim Tanz in einer Bar die junge Engländerin Diana Croft kennen, die er bereits im Herbst desselben Jahres in London heiratete, zum großen Miss­fallen ihres Vaters Sir Henry Page Croft, eines erzkonservativen Parlamentsabgeordneten, der ihr den „gesellschaftlichen Selbstmord“ prophezeite.

Antisemitische Attacken auf den „alten Stadtgenossen“

Die Stuttgarter NS-Presse nutzte die Nachricht von der Heirat zu einer anti­britischen und antisemitischen Attacke: „Crofts Töchterlein hat ihren Lebenskameraden in der Gestalt des ehemaligen Stuttgarter jüdischen Rechtsanwalts Ullmann kennengelernt, der seit 1933 als Emigrant bilder­handelnderweise an der Seine lustwandelt. Es war ja nicht das erstemal, dass ein englisches reiches Christenmädchen sich jüdisch verliebte. Denn ansonsten hatte unser alter Stadtgenosse in Paris eigentlich keine besonders sympathisch berechnenden Merkmale.“

Die Uhlmans (die bereits im 19. Jahrhundert ihren Familiennamen von „Ullmann“ in „Uhlman“ änderten) waren, wie die Familie Elsas, seit Langem in Stuttgart beheimatet; als Geschäftsleute gehörten sie zur wohlhabenden jüdischen Mittelschicht. Ursprünglich stammte die Familie Uhlman aus Freudental, wo Wilhelmine von Grävenitz, die Mätresse des württembergischen Herzogs Eberhard Ludwig, um 1730 herzogliche „Schutzjuden“ ansiedelte. 1750 ließ David Ullmann, Vorsteher der jüdischen Gemeinde, die bestehende Synagoge erweitern und zwanzig Jahre später durch einen klassizistischen Neubau ersetzen. Im Novemberprogrom 1938 wurde das Gebäude verwüstet und großteils zerstört.

Fred Uhlman war nach seiner Heirat in England weiter als Maler tätig und hatte zahlreiche Ausstellungen, auch zusammen mit Henry Moore. Er setzte sich für die Ausreise deutscher Künstler aus Prag ein, darunter Oskar Kokoschka, dem er Porträtaufträge verschaffen konnte, und John ­Heartfield, der jahrelang in Uhlmans Haus in London-Hampstead lebte.

Ein halbes Jahr auf der Isle of Man

1940, nach der Kriegserklärung Großbritanniens an Deutschland, wurde Uhlman jedoch als „feindlicher Ausländer“ auf der Isle of Man interniert. Für ihn ein Schock, da er England als Gastland schätzen gelernt hatte und stets als Nazigegner aufgetreten war. Die sehr höflich vorgenommene Verhaftung beschreibt er in „The Making of an Englishman“. Es war unklar, wie lange man ihn festhalten würde, während der eine oder andere „kriegswichtige“ Ingenieur oder Wissenschaftler schnell wieder entlassen wurde. Diese Ungewissheit empfand Uhlman, der „kriegsunwichtige Künstler“, wie er schreibt, als die größte psychische Belastung. Während depressiver Phasen in der Lagerhaft half ihm das Zeichnen. Heute sind die Blätter auf öffentliche Sammlungen in Stuttgart und London verteilt, aber seit Langem in den Depots. 1946 gab Uhlman eine eigene Auswahl unter dem Titel „Captivity“ heraus; ein Exemplar wird in Freudental ausgestellt sein.

Die Stimmung in den Zeichnungen ist düster: verlassene, zerstörte Häuser, Galgen, ein Totentanz, dazwischen immer wieder ein kleines Mädchen mit einem Luftballon, Symbol unantastbarer Reinheit und Freiheit. Sein erstes Kind, Caroline, wurde wenige Tage nach seiner Verhaftung geboren; er konnte sie erst ein halbes Jahr später, nach seiner Freilassung, sehen. Im Rückblick beschreibt er das Lager als „eine der besten Universitäten“: Vorträge, Ausstellungen, Konzerte der aus Deutschland und Österreich emigrierten Professoren und Künstler wechselten sich ab.

Ein prominenter Mithäftling war Kurt Schwitters, der auf abenteuerlichem Wege aus Norwegen geflohen war und in der gemeinsamen Lagerzeit ein Porträt von Fred Uhlman malte, das zurzeit, noch bis zum 12. Mai, in einer Schwitters-Ausstellung in der Tate Britain zu sehen ist.

Seine Erzählung wird ein internationaler Erfolg

Fred Uhlman setzte nach der Entlassung aus dem Internierungslager seine künstlerische Arbeit fort, auch bald als Schriftsteller, auf Englisch. Die größte Resonanz hatte er mit der 1971 veröffentlichten Erzählung „Reunion“, in der deutschen Fassung „Der wiedergefundene Freund“. Sie handelt von der Freundschaft eines jüdischen Jungen zu einem neuen Mitschüler an einem humanistischen Gymnasium in Stuttgart. Die adlige Familie des Freundes, antisemitisch und hitlertreu, versucht, den Kontakt zu unterbinden, und auch der Freund gerät unter den Einfluss der nationalsozialistischen Ideologie. Jahre später, als der Ich-Erzähler längst im Exil in den USA ist, erfährt er aus einem Rundbrief der Schule, dass der Freund von damals als Hitler-Attentäter hingerichtet wurde. Das Vorbild ist unverkennbar Claus Graf Schenk von Stauffenberg, der einige Jahrgänge nach Uhlman Schüler am Eberhard-Ludwigs-Gymnasium war.

„Reunion“ war international ein großer Erfolg, so in Frankreich und Italien, wo das Buch zur Schullektüre avancierte. Der französische Kulturminister Jack Lang schickte beim Tod Uhlmans der Witwe Diana Uhlman ein längeres Kondolenzschreiben. 1989 wurde die Erzählung nach einem Drehbuch von Harold Pinter verfilmt. Inzwischen ist sie in 19 Sprachen übersetzt und würde die Selbstzweifel in Uhlmans Autobiografie ­widerlegen. Immer wieder schwankt er dort zwischen der Überzeugung, dass Künstler das „Salz der Erde“ seien, und der Ahnung, dass das meiste doch sehr schnell vergessen werde.

Sein Leben war vor allem davon überschattet, dass es ihm nicht gelungen war, seine Angehörigen zu retten. Nach einem Aufenthalt im jüdischen Zwangsaltersheim Dellmensingen wurden seine Eltern Johanna und Ludwig Uhlman nach Theresienstadt deportiert, wo sie im Lauf des Jahres 1943 starben. Die Schwester Erna Dietz, deren „arischer“ Ehemann sich aus beruflichen Gründen im Jahr 1939 von ihr scheiden ließ, bekam 1942 ein Kind mit einem unbekannten Vater; nach einer Liste jüdischer Zwangsvornamen wurde es Tana genannt. Bei einem Transport nach Auschwitz soll sich Erna mit ihrem Kind in Breslau vor einen Zug geworfen haben.

Wehmütige Erinnerungen an die Zeit vor 1933

Auch andere Mitglieder der weit verzweigten Verwandtschaft waren Leidtragende des Nationalsozialismus. Ein Bruder von Ludwig Uhlman, Richard, ist seinen Kindern in die USA gefolgt; der zweite Bruder Oskar schickte seine Kinder ins Ausland, blieb aber selbst in Stuttgart und führte den familiären Baumwollgroßhandel fort, was ihm ermöglichte, Angehörige zu unterstützen. Das Naziregime erfand jedoch immer neue Abgaben, besonders perfide jene für die angeblichen jüdischen Altersheime.

Oskars Frau Hedwig, geborene Löwen­thal, ist bereits 1934 gestorben; auf ihrem Grabstein auf dem israelitischen Teil des Pragfriedhofs ist deutlich Platz gelassen für den nachfolgenden Ehemann: Platz, der leer blieb. Oskar Uhlman musste 1942 in ein altes Herrenhaus in Tigerfeld umziehen; von dort schrieb er berührende Briefe an seinen Sohn Fritz in der Schweiz. Der letzte datiert vom 15. August 1942, als die Deportationsnachricht eingetroffen war. Am 22. August wurde Oskar zusammen mit seinem Bruder Ludwig und seiner Schwägerin Johanna vom Stuttgarter Nordbahnhof ins KZ Theresienstadt verbracht, wo er ein Jahr später an Unterernährung und Ruhr starb. Seine Schwiegermutter Fanny Löwenthal, Mutter von Hedwig, starb am Tag der Deportation an Herzschlag; sie fand ihr Grab noch auf dem Pragfriedhof. Ihr Vermögen und ihr Hausrat wurden – wie bei den ­anderen Deportierten – als „volks- und staatsfeindlich“ von der Gestapo eingezogen. Die jüngste Tochter Sonja, bei der Fanny Löwenthal zuletzt wohnte, überstand den Krieg an der Seite ihres „arischen“ Ehemannes mit Müh und Not.

Uhlman kehrte nach dem Krieg einige Male nach Stuttgart zurück, zunächst voller Verzweiflung: Die Stadt erschien ihm als ein einziger Friedhof. Nur heimlich gestand er sich in seinem neuen Leben in England auch wehmütige Erinnerungen an die Zeit vor 1933 zu: an das liberale Württemberg, an die Gedichte Hölderlins und die Hölderlinstraße in Stuttgart, an Tübingen, wo er studiert hatte. Im Mai 1979 führte er Gespräche mit Schülern des Eberhard-Ludwigs- und des Mörike-Gymnasiums, was ihn sehr beeindruckte. Nach einem triumphalen Empfang in Paris im Frühjahr 1985 kam er ein letztes Mal nach Stuttgart, wo er in einem Interview mit dem Südfunk von der Emigration als dem großen Riss in seinem Leben sprach.

Als 1960 in England seine Autobiografie erschien, widmete er sie seiner Frau und seinen beiden Kindern. Dem Stuttgarter Rathaus schickte er ein Exemplar mit der handschriftlichen Widmung: „Der Stadt Stuttgart. Trotz allem.“

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