Der Ende der DDR Es hätte kommen können wie auf dem Tiananmen

Kultur: Tim Schleider (schl)
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Man nahm im Westen kaum wahr, dass sich bereits im Sommer Gruppen bildeten, die sich Demokratischer Aufbruch, Neues Forum oder SDP nannten (für Sozialdemokratische Partei) und eine offene Debatte forderten. Man nahm kaum wahr, dass Unterhaltungskünstler wie Tamara Danz, André Herzberg und Gerhard Schöne in ihren Konzerten eine gemeinsame Resolution verlasen, in der die „unerträgliche Ignoranz der Staats- und Parteiführung“ angeprangert wurde, obwohl die Veranstalter diese Konzerte dann sofort abbrechen mussten – man wusste im Westen ja auch gar nicht, wer Danz, Herzberg oder Schöne überhaupt waren.

Natürlich kann man aus heutiger Sicht mit einigem Recht sagen, dass angesichts des wirtschaftlichen Niedergangs im Osten und der Öffnung der Grenzen in Ungarn das Ende der DDR ohnehin kommen musste. Andererseits waren gerade erst am 4. Juni 1989 die Bilder vom Tiananmen-Platz in Peking um die Welt gegangen, die zeigten, zu welch unerbittlichen Mitteln der kriselnde Kommunismus in der Lage war. Dass es in der DDR zu solchen Bildern nicht kam, dass stattdessen die Bürger mit selbst gemalten Transparenten die Straßen eroberten, dass sie die Schlagbäume der Kasernen öffneten, dass sie die Diktatoren zu Fall brachten, dass sie die Quartiere der Staatssicherheit stürmten, um ihre Überwacher am Vernichten der Spuren zu hindern – und dass bei alledem nicht Blut floss, ist Verdienst allein mutiger DDR-Bürger. Es ist ihre Geschichte. Es ist nach den Abgründen von 1914, 1933, 1938 und 1939 in der Geschichte der Deutschen im 20. Jahrhundert endlich eine Sternstunde.

Hunderttausend riefen „Wir sind das Volk“

Der 9. Oktober 1989 hätte übrigens der Schreckenstag werden können, ein Fanal à la Tiananmen – und kaum jemand kennt heute bei uns dieses Datum. Es war Montagabend in Leipzig, es wurde wieder eine Demonstration erwartet. Und die SED – gemeint ist übrigens die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, die kommunistische Alleinherrscherin der DDR-Diktatur und Vorläuferin der heutigen Linkspartei – hatte alles an militärischer Abwehr mobilisiert. Volkspolizei, Stasi, Armee, bewaffnete Betriebsgruppen standen bereit. Ein dünner, aber diese Stunden entscheidender Hauch der Vernunft bewahrte die SED-Mächtigen damals vor der Entscheidung, den Bürgerkrieg wirklich zu beginnen. Sie ließen den Bürgern ihren Lauf. Hunderttausend zogen über den Stadtring von Leipzig. Das war der Abend, da erstmals der Spruch „Wir sind das Volk“ zu hören war. Erzählen und behalten wir endlich diese Geschichte. Sie ist es doch wert.Und wer schließlich war es denn, der am 9. November 1989 nach der Übertragung der Pressekonferenz mit dem denkwürdigen Gebrabbel von Günter Schabowski zum Thema „neues Reiserecht“ in den Abendnachrichten tatsächlich hinauszog auf die Straße, zu den Grenzübergängen? Wer ging auf die völlig überraschten Grenzbeamten zu und forderte, sie sollten den Weg frei geben, es sei nun ganz amtlich vorbei mit Mauer und Stacheldraht? Es waren nicht die West-, sondern die Ostberliner.

Die Schwierigkeit historischen Gedenkens: im Grunde fällt es leichter, über die Kriegsschuld von 1914 zu debattieren oder über außenpolitische Konsequenzen längst vergangener Überfälle, als das rational nicht begründbare Glück einer friedlichen Revolution zu fassen. Das ist die Chance der „25“ nach „100“ und „75“: Bilder erfassen, Bilder der Befreiung. Und wenn das nüchterne historisch-politische Argument dabei an Grenzen stößt, bleibt immerhin noch die Kunst, um für das Singuläre einen Ausdruck zu finden. Just dies hat den russischen Cellisten Mstislaw Rostropowitsch schon am 11. November 1989 dazu bewegt, sich mit seinem Instrument vor die nun geöffnete Berliner Mauer zu setzen und Johann Sebastian Bach zu spielen. Zu sehen heute bei Youtube unter „Rostropovich cello performance in front of the Berlin Wall“.




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