Der Fall des getöteten Alessio aus Lenzkirch Der Aufklärungseifer scheint begrenzt zu sein

Von  

Ein Team von Experten vom Deutschen Jugendinstitut in München untersucht den Fall von Alessio, der von seinem Stiefvater zu Tode geprügelt worden sein soll. Schuldige will der Gutachter nicht finden.

Der Hof in Lenzkirch, in dem der Junge bis zum Januar dieses Jahres lebte (oben) – jetzt ist der   Tod des Dreijährigen   Gegenstand von Ermittlungen.Die Landrätin  Störr-Ritter beteuert, es sei alles richtig gemacht worden. Foto: dpa (2), StZ
Der Hof in Lenzkirch, in dem der Junge bis zum Januar dieses Jahres lebte (oben) – jetzt ist der Tod des Dreijährigen Gegenstand von Ermittlungen.Die Landrätin Störr-Ritter beteuert, es sei alles richtig gemacht worden. Foto: dpa (2), StZ

Zweieinhalb Monate nach dem gewaltsamen Tod des dreijährigen Alessio aus Lenzkirch im Schwarzwald sollen nun Münchner Gutachter den Fall aufarbeiten. Ziel sei dabei keine Schuldzuweisung an einzelne Personen, sondern eine Fallanalyse, teilte das beauftragte Deutsche Jugendinstitut mit. „Wir wollen verstehen, wie ein solch schreckliches Ergebnis der Bearbeitungsprozesse passieren konnte, die eigentlich dem Schutz des Kindes dienen sollen“, sagt Heinz Kindler, der im Auftrag des Instituts den Fall untersuchen soll.

Der Fachgruppenleiter hat Ende März vor dem Kreistag des Landkreises Breisgau-Hochschwarzwald mit seiner Ankündigung, es gehe nicht darum, Schuldige zu finden, umstandslos die bisherige Linie der Landrätin und der Kreistagsmehrheit akzeptiert. Schon Tage nach dem Tod des Jungen hatte Landrätin Dorothea Störr-Ritter (CDU) behauptet, das Jugendamt habe alles richtig gemacht.

Diese gebetsmühlenartig wiederholte Formel hat in der Bevölkerung Empörung hervorgerufen. Zwar wurde behauptet, die Akten des Falles würden allen Kreisräten zur Einsicht geöffnet, aber in Wahrheit durften pro Fraktion lediglich zwei Mitglieder eineinhalb Stunden lang in vier Aktenordner schauen. Danach traten die Vorsitzenden vor die Presse und entlasteten die Behörde. Der jetzt bestellte Gutachter braucht für das Aktenstudium und eine Bewertung mindestens drei Monate.

Verharmlosung durch die Einschätzungen des Jugendamtes

Was die Fraktionen des Kreistages dazu treibt, nicht auf schonungslose Aufklärung zu dringen, bleibt derzeit noch unklar. Sicher ist lediglich, dass weder die CDU noch eine andere Fraktion offen den Rücktritt von Dorothea Störr-Ritter fordert. Selbst als kritisch bekannte Abgeordnete wollen, dass die Landrätin bleibt. Nur zaghaft rührt sich hier und da etwas Kritik. Die SPD hat in der Sitzung am 13. März, als der Gutachter bestellt wurde, gegen die Selbstbeschneidung der zusätzlich vorgesehenen Kreistagskommission gestimmt.

Von anderen Fraktionen gab es massive Schelte – gegen die Medien, die aus Unterlagen zitierten, die nicht einmal die Abgeordneten kennen. Wäre es so, dann wäre es schlecht. Doch die Kreisräte kennen den Prüfbericht des Regierungspräsidiums Freiburg, der an das Landessozialministerium ging. Dort können sie nachlesen, warum entgegen dem Tenor der dazu formulierten Pressemitteilung keineswegs eine Entlastung des Landratsamtes herausgekommen ist. Vielmehr werden auf 56 Seiten akribisch etliche Mängel im Vorgehen des Jugendamtes moniert. Und das Papier benennt die entscheidenden Weichenstellungen, als das misshandelte Kind trotz aller deutlichen Warnungen von Ärzten im Herbst 2014 in die Hände seines gewalttätigen Stiefvaters zurückgegeben wurde.

Dabei zieht sich eine Spur der Verharmlosung durch die Einschätzungen des Jugendamtes. Am 28. Juli 2014 wird Alessio im Institut für Rechtsmedizin der Uniklinik Freiburg untersucht, es werden mehrere unterschiedlich große und unterschiedlich alte Hämatome am Kopf, am Rumpf und an den Extremitäten festgestellt, die aus rechtsmedizinischer Sicht Folgen von Misshandlungen sind. Schon die Kinderärztin hatte dies diagnostiziert und den Jungen in die Uni-Kinderklinik eingewiesen. Die Uniklinik bittet einen Tag später um umgehende Kontaktaufnahme zur Klärung der aktuellen Situation und notwendiger Schutzmaßnahmen. Einen Tag später bespricht das Team des Jugendamtes die Lage, pocht aber auf die schon Monate zurückliegende letzte „Inaugenscheinnahme“ des Kindes durch eine Fachkraft der Sozialpolitischen Familienhilfe. Diese hatte bewusstes Schlagen des Stiefvaters verneint, lediglich festes Anfassen nicht ausgeschlossen. Nach dem Runden Tisch am 30. Juli hielt das Jugendamt in einer Aktennotiz nur Zweifel am Problembewusstsein des Stiefvaters fest.

Will man keine Verantwortlichen finden?

Dass es eine Mitwirkungsbereitschaft des Stiefvaters gegeben haben soll, ist nirgendwo dokumentiert, konstatiert der Prüfbericht des Regierungspräsidiums. Immer wieder wird nach dieser Einschätzung gefragt, denn es gab eine ganze Reihe von Besprechungen im August und im September, nirgends wird aus den Vermerken ersichtlich, warum dem mutmaßlichen Schläger so wenig kritische Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Auch und gerade dann nicht, als die einsame Entscheidung eines einzigen Mitarbeiters des Jugendamtes das zuvor aufgestellte Konzept des Kinderschutzverfahrens am 14. Oktober über den Haufen warf. Wohl unter dem Eindruck, dass Mutter und Stiefvater von Alessio mit anwaltlicher Schützenhilfe massiv darauf drangen, dass der Junge wieder auf den Bauernhof zurückkehren sollte. Obwohl die Erwachsenen sowohl den Familienrat als auch die Fortsetzung der sozialpolitischen Familienhilfe ablehnten, wird erneut behauptet, eine Mitwirkungsbereitschaft sei erkennbar. Warum, ist laut Prüfbericht nicht nachzuvollziehen. So geht es weiter, am 17. Dezember, einen Tag nachdem die Mutter in die Klinik musste, findet sich kein Hinweis auf eine Neubewertung der Gefährdungslage, obwohl der Stiefvater in Abwesenheit der Lebensgefährtin ersichtlich überlastet erscheint. Und obwohl es Hinweise auf seine Unbeherrschtheit in Stresssituationen gab. Dass der vorgeschriebene Besuch beim Kinderarzt am 29. Dezember nicht stattfand, wird nicht moniert, auch der nächste Arztbesuch zwei Wochen später findet nicht statt, das Ergebnis einer angeblichen „Exploration“ durch eine Heilpädagogin im Kindergarten am 14. Januar 2015 wird den Prüfern nicht mitgeteilt.

Dafür verläuft die erste familientherapeutische Sitzung am gleichen Tag auf dem Bauernhof für Alessios Stiefvater glänzend. Er hinterlässt bei den beiden Therapeutinnen nach Aktenlage einen sehr offenen, aber auch von der Entwicklung des letzten Jahres sehr betroffenen Eindruck. Warnsignale soll es keine gegeben haben, zwei Tage später, am 16. Januar war der Junge allerdings tot. Totgeprügelt, wie die Staatsanwaltschaft vermutet, von eben diesem Stiefvater, der mit Alessio alleine war.

Wenn es bei der Ankündigung im Kreistag bleibt, „keine Schuldigen“, also keine Verantwortlichen, finden zu wollen, wird der Fall Alessio unweigerlich dem Vergessen überantwortet. Mindestens drei Monate braucht der Gutachter Heinz Kindler. Und die vom Landratsamt zusätzlich berufene Expertenkommission unter Vorsitz von Jochen Teigeler, dem früheren Landgerichtspräsidenten in Freiburg, muss erst einmal zusammenkommen und ihre Aufgabe klären, bevor sie zu arbeiten beginnt. Die Wahl der Landrätin steht im Herbst an. Ob sie „die schwerste Krise des Landkreises“ – so ihr Parteifreund, der Breisacher Bürgermeister und Kreisrat Oliver Rein – übersteht, scheint mehr als fraglich.