Der Fall Gisèle Pelicot Was darf ein Opfer fühlen?
Sie wirke viel zu stark, gar nicht traumatisiert: Weil Gisèle Pelicot offenbar die Erwartungen an ein Gewaltopfer nicht erfüllt, wird ihre Glaubwürdigkeit angezweifelt. Das ist fatal.
Sie wirke viel zu stark, gar nicht traumatisiert: Weil Gisèle Pelicot offenbar die Erwartungen an ein Gewaltopfer nicht erfüllt, wird ihre Glaubwürdigkeit angezweifelt. Das ist fatal.
Mindestens 200 Mal vom eigenen Ehemann betäubt und dann von insgesamt 50 Männern vergewaltigt – es ist ein monströses Verbrechen, das die Französin Gisèle Pelicot erlitten hat. Zum Bericht über ihre Memoiren schrieb uns ein Leser: „Eine Person, die behauptet, jahrelang nicht gemerkt zu haben, dass sie immer wieder bewusstlos war? Mit allem gebührenden Respekt und menschlichem Mitgefühl, das sollte näher erklärt werden.“ Und eine Leserin meint: „Eine Frau, die (angeblich) das erlebt hat, was sie schildert und was der Gerichtsprozess zu Tage gefördert hat, kann sich nie mehr einem Mann anvertrauen. Sie aber hat bereits einen neuen Partner und wirkt nicht traumatisiert, sondern immer gut gelaunt und adrett zurechtgemacht.“
Was sagen solche Reaktionen über den Umgang mit Opfern sexueller Gewalt aus? Was senden sie für ein Signal an Menschen, die so etwas erlitten haben? Wer sich mit dem Fall ein wenig näher beschäftigt hat, der weiß, dass Pelicot durchaus merkte, dass etwas nicht stimmte, dass sie diverse Ärzte aufsuchte, aber niemand sich ihre Erinnerungslücken und gynäkologischen Beschwerden erklären konnte. Die Taten sind durch Videos umfassend belegt, das Gericht hat alle Angeklagten schuldig gesprochen. Es gibt keinen Zweifel an diesem Verbrechen.
Wie also kann man sich herausnehmen darüber zu urteilen, wie sich die Betroffene zu verhalten hat? Wäre Gisèle Pelicot glaubhafter, wenn sie nur verheult in der Öffentlichkeit zu sehen wäre, ängstlich, gebrochen? Wenn sie vom Verhalten der Täter auf das Verhalten aller Männer schließen und darum nie wieder zu einem von ihnen Vertrauen fassen würde? Würde sie dann die Erwartungen erfüllen, wäre ein „gutes“, ein „richtiges“ Opfer? Das ist absurd. Auf traumatische Erfahrungen reagiert jeder Mensch anders, es gibt kein Richtig oder Falsch.
Aber wenn wir Menschen, die sexuelle Gewalt erlebt haben, mit unseren Erwartungen klein halten, dann behalten die Täter für immer die Macht. Dabei sind jene es doch, die ein erbärmliches Bild abgegeben haben. Wenn Frauen nicht aufstehen dürfen und mit ihrem Mut und ihrer Stärke dafür sorgen, dass die Scham endlich die Seite wechselt, wird sich nichts ändern. Dann werden unzählige weitere Opfer aus Angst schweigen.
Dabei zeigen der Fall Pelicot, die Epstein-Affäre und die steigende Zahl häuslicher Gewalt mehr denn je, dass es mutige Frauen braucht, die die Stimme erheben. Sie wiederum brauchen eine Gesellschaft, die hinter ihnen steht. Denn es kann jede treffen. So ist der Internationale Frauentag am Sonntag eine Mahnung: Betroffene sexueller Gewalt verdienen uneingeschränkte Solidarität statt herabwürdigender Bewertung.