„Der Fall Harry Wörz“ in der ARD Zermalmt in den Mühlen der Justiz

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Ein wahrer Fall: die ARD zeigt am Mittwoch „Unter Anklage – Der Fall Harry Wörz“. In seinem Drama zeichnet der Regisseur Till Endemann die Stationen eines Justizirrtums nach, der den unschuldigen Harry Wörz 13 Jahre lang zum Dauerangeklagten machte.

  Foto: ARD
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Stuttgart - Der Albtraum des Harry Wörz ist noch nicht vorbei. Der heute 47 Jahre alte Bauzeichner aus dem Enzkreis war im Januar 1998 nach einem kurzen Prozess wegen versuchten Totschlags an seiner damaligen Ehefrau, einer Polizistin, zu elf Jahren Haft verurteilt, nach einem Justizmarathon 2010 jedoch wieder freigesprochen worden. Er ist heute psychisch angeschlagen, finanziell ruiniert und kämpft seit vier Jahren immer noch um eine Entschädigung.

Sein Schicksal ist ein krasser Fall der deutschen Rechtsgeschichte. Polizei und Justiz spielten darin eine unrühmliche Rolle und zeichneten dafür verantwortlich, dass Harry Wörz 13 Jahre lang als Dauerangeklagter galt. Seine damalige, bereits getrennt von ihm lebende Frau, die den Mordanschlag schwerbehindert überlebt hat, arbeitete bei der Pforzheimer Polizei, ebenso wie ihr Vater und ihr neuer Freund. Obwohl befangen, ermittelten die Kollegen weiter und nahmen einzig Wörz als Täter ins Visier – eine einseitige und schlampige Ermittlungsarbeit, die von der Staatsanwaltschaft nicht beanstandet worden ist.

6000 Seiten Gerichtsakten – der Autor hat sie alle studiert

Mit dem Spielfilm „Unter Anklage“ zeichnet der Regisseur Till Endemann nun das Schicksal von Harry Wörz nach. Im Auftrag des SWR erzählt er die beklemmende Geschichte eines Mannes, dessen Leben in den Mühlen der Justiz zermalmt zu werden drohte. „Wir zeigen nur die Spitze des Eisbergs“, sagt Endemann, der mit „Flug in die Nacht“ schon einmal eine wahre Begebenheit, die Flugzeugkollision von Überlingen, in einen Filmstoff verwandelt hat. Ein Drama, das auf Fakten basiere, müsse die entscheidenden Elemente herauskristallisieren und interpretieren, um die Zuschauer zu emotionalisieren, glaubt der Regisseur. Und diese Emotionalisierung ist für den gebürtigen Hamburger, der an der Ludwigsburger Filmakademie studiert hat, der entscheidende Unterschied zur Dokumentation. Dennoch haben er und der Drehbuchautor Holger Joos die 6000 Seiten Gerichtsakten, die Wörz ihnen gegeben hat, gründlich studiert. Mühselig sei die Recherchearbeit gewesen, sagt Joos, manchmal sei er dabei schier verzweifelt: „Herauszufiltern, was wichtig ist, das war ein großer Kampf.“ Hilfreich standen ihm dabei Wörz selbst und dessen Anwalt Hubert Gorka zur Seite.

Joos’ Anspruch war es, aus der wahren Begebenheit einen Film zu machen, der auch als freie Erfindung hätte durchgehen können. Aber manchmal hält die Realität noch bittere Pointen parat als die Fiktion. Tatsache ist nämlich, dass der Sohn des Justizopfers, aufgewachsen bei den Großeltern mütterlicherseits, bei der Berufswahl seinem Opa und seiner Mutter folgt: Er macht eine Ausbildung bei der Polizei in Pforzheim, also ausgerechnet dort, wo das Drama für seinen Vater Harry Wörz begann. Darauf weist der Film im Abspann hin – und Joos sagt, dass er sich diese Volte als Autor niemals hätte erlauben dürfen, das wäre dann doch zu viel des Schlechten gewesen.

Statt Action leise Töne

Ein reißerischer Actionthriller ist „Unter Anklage“ freilich nicht. Endemann setzt auf die leisen Töne – und darauf, dass die schier unglaublichen Fehler der Polizei und Justiz die Zuschauer in Bann schlagen. Wörz-Darsteller Rüdiger Klink, gebürtiger Karlsruher, wollte zwar kein „Abziehbild“ des Justizopfers spielen, hat sich dann aber doch für dessen authentischen badischen Dialekt entschieden und kommt Wörz nun doch, auch durch rein physische Ähnlichkeiten, sehr nahe. Felix Klare, bekannt als Kommissar Bootz im Stuttgarter „Tatort“, spielt den korrekten und peniblen Anwalt Hubert Gorka, der um Gerechtigkeit für seinen Mandanten kämpft.

Der Film endet mit dem erlösenden Freispruch von Harry Wörz im Dezember 2010. Er stellt aber nicht die Frage nach dem wahren Täter, die Wörz im wahren Leben noch immer umtreibt. Aus Respekt vor lebenden Personen wollte sich der Regisseur Till Endemann aber nicht zu Spekulationen hinreißen lassen. „Der Film erhebt den Vorwurf, dass ein Mensch vorschnell verurteilt worden ist. Da verbietet es sich, den gleichen Fehler zu wiederholen“, sagt Endemann, der die Hoffnung hegt, dass sein Film die Aufmerksamkeit auf noch ungeklärte Fragen in Sachen Wörz lenkt. Und Harry Wörz selbst, der bei der Stuttgarter Vorabpräsentation des Films ebenfalls zugegen war, vermisst zwar manches ihm wichtige Detail, ist aber dennoch voll des Lobs: „Ich hätt’s nicht besser machen können.“

ARD, 20.15: Unter Anklage: Der Fall Harry Wörz. Anschließend um 21.45: Anne Will: Talkrunde zum Thema Justizirrtum.