Djokovic droht die Abschiebung
Prompt schrieb auch die serbische Tageszeitung „Blic“ in ihrer Online-Ausgabe „vom größten Sportskandal des 21. Jahrhunderts“, nachdem der australische Einwanderungsminister Alex Hawke von seinem Vetorecht Gebrauch gemacht hatte und das Visum der Nummer eins des weißen Sports erneut annullierte. Bis zu einer Anhörung an diesem Samstagmorgen Ortszeit (sie war bei Redaktionsschluss noch nicht beendet) darf Djokovic, dessen Anwälte Einspruch gegen die Regierungsentscheidung eingelegt haben, allerdings in seinem Teamhotel bleiben.
Doch danach steht der ungeimpfte Sportstar, dessen Dokumente für eine Einreise per Ausnahmegenehmigung nach Ansicht der australischen Behörden nicht ausreichend waren, wieder unter der Kontrolle der Behörden. Ihm droht eine zeitnahe Abschiebung aus dem Land und ein dreijähriges Einreiseverbot – mindestens.
Djokovic drohen weitere Strafen
Vor allem in Australien aber und gerade am Spielort Melbourne, wo „der Djoker“ auf dem Hartcourt der Rod-Laver-Arena so viele sportlich begeisternde Auftritte mit dem Tennisracket hingelegt hat, kennt man in Sachen Pandemiebekämpfung kein Pardon. Schließlich endete in der Metropole erst im vergangenen Oktober der mit 262 Tagen längste Lockdown der Welt – allabendliche Ausgangssperren und strikte Kontaktverbote in Innenräumen inklusive. „Die Regeln sind die Regeln“, bekräftigte der australische Ministerpräsident Scott Morrison daher noch einmal – und unterstützte am Freitag ausdrücklich die Entscheidung seines Ministers Hawke, die Einreise Djokovic’ zu sanktionieren und seinen weiteren Aufenthalt im Land zu unterbinden.
Wird es am Ende gar noch härter kommen für den Sportstar, wie einige Zeitungen vor Ort bereits spekulieren? Allein für die von Djokovic bereits eingeräumte falsche Angabe in seinem Online-Gesundheitsfragebogen stehen bis zu zwölf Monate Haft. Der Tennisstar hatte behauptet, er sei in den 14 Tagen vor seinem Abflug nach Down Under nicht anderweitig gereist – was angesichts eines Trainingslagers im spanischen Marbella nicht stimmt. Schlimmer noch: Vieles deute darauf hin, dass der 34 Jahre alte Serbe illegal in das EU-Land eingereist sei, melden spanische Medien. Er habe weder einen Impfnachweis vorgelegt noch die für Ungeimpfte vorgeschriebene Sondergenehmigung beantragt.
Wenig Verständnis in Australien
Würde ihm obendrein die Manipulation seines positiven PCR-Tests vom 16. Dezember nachgewiesen, für die es starke Indizien gibt, stünden gar bis zu fünf Jahre Haft im Raum. Denn dieser dient Djokovic als Genesenem bisher als Grundlage für die Ausnahmegenehmigung.
Allerdings könnte der 34-Jährige, der mit einem erneuten Sieg im Melbourne-Park mit dann 21 Grand-Slam-Titeln vor Roger Federer und Rafael Nadal (beide 20 Erfolge) zum Rekordchampion aufsteigen würde, im Fall eines Erfolgs vor Gericht doch noch an den Australian Open teilnehmen. Eine Entscheidung vom Federal Court of Australia wird für den Sonntag erwartet. Sein Erstrundenmatch gegen Landsmann Miomir Kecmanovic ist bereits auf Montag oder Dienstag terminiert.
Die Mehrheit der Menschen in Down Under, die mit dem Thema einer illegalen Einreise für Ungeimpfte sehr resolut und rational umgeht, hat kein Verständnis für einen Impfverweigerer in kurzen Tennishosen. Und das, obwohl der eigene Turnierveranstalter Tennis Australia Djokovic mit einer von Beginn an zweifelhaften Ausnahmeregel eine Extrawurst braten wollte. Dafür waren die eigenen Leiden zu groß. „Er soll ganz schnell dahin zurückkehren, woher er gekommen ist“, lautet daher auch die Mehrheitsmeinung der Sportfans im Land.
In Serbien verfolgt man den Fall mit großen Emotionen
„Die Australier haben während dieser Pandemie viele Opfer gebracht, und sie erwarten zu Recht, dass die Früchte dieser Opfer geschützt werden“, ergänzte Premier Morrison, der monatelang selbst die im Ausland weilenden Landsleute aus Gründen des Infektionsschutzes nicht ins Land ließ. Tatsächlich liegt die Impfquote in Melbourne bei 90 Prozent, so dass die am Montag beginnenden Australian Open, die Novak Djokovic neunmal gewinnen konnte, zwar unter Hygieneauflagen, aber vor halb gefüllten Tribünen stattfinden sollen.
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In Serbien herrscht dagegen eine andere, wesentlich emotionalere Sichtweise auf den Fall Djokovic – die Faktenlage spielt dabei keine Rolle. Etwa die Tatsachen, dass der 34-Jährige in seinem Belgrader Tenniscenter noch ein Presseinterview gab oder dass er zum Training nach Spanien reiste, obwohl er sich zu diesem Zeitpunkt – sollte der positive PCR-Test vom 16. Dezember nicht manipuliert worden sein – in heimischer Isolation befinden sollte. Für die Serben bleibt Djokovic, der seinen zwölften Geburtstag in einem Belgrader Luftschutzbunker während des Nato-Bombardements feiern musste, ein Märtyrer, Volksheld und ein begnadetes Sportidol, dem man nun die Chance nehmen will, als Grand-Slam-Rekordsieger zum größten Tennisspieler aller Zeiten zu werden.
Djokovic war nie beliebt – jetzt schwindet sein Ansehen völlig
„Diese Geschichte passt haargenau in das Narrativ des für Serbien ganz typischen Mythos eines Helden, der gleichzeitig ein Opfer ist“, sagte der Sozialwissenschaftler Ivan Djordjevic im ZDF und beschrieb damit die Seele einer Nation, in deren Hauptstadt Belgrad an den Hauswänden Dutzende Djokovic-Graffiti und Plakate („The Greatest ever“) zu finden sind. Wer würde bei derlei Verehrung auf dem Teppich bleiben? Die Eheleute Dijana und Srdjan Djokovic sowie der jüngere Bruder Djordje sind davon weit entfernt. Auf einer weiteren Pressekonferenz blockten sie jede kritische Frage ab, ehe sie sich an den Armen unterhakten, um zum Ende der bizarren Veranstaltung ihre Heimatverbundenheit mit dem Singen des Liedes „Ein Land, ein Team“ auszudrücken.
Zu klären bliebe jetzt nur noch die historische Einordnung der Selbstdemontage, die Novak Djokovic mit seinen vielen Tricksereien und Heimlichkeiten rund um seinen Australien-Trip betrieben hat. „Novak zählte auf der Tour noch nie zu den beliebten Tennisspielern“, sagt sein ehemaliger Trainer Boris Becker, der es als einer der wenigen in der Szene offenbar gut mit seinem ehemaligen Schützling meint.
Denn der Stoff dieses australischen Sommerdramas taugt dazu, das sportliche Vermächtnis des Novak Djokovic, eines der besten Sportler aller Zeiten, zunichte zu machen. „Er hat sich wie eine sehr kleine Minderheit entschieden, nach seinen eigenen Regeln zu spielen“, sagt etwa der Grieche Stefanos Tsitsipas, die Nummer vier der Weltrangliste: „Das lässt die Mehrheit irgendwie wie Idioten aussehen.“