„Der Fliegende Holländer“ in Bayreuth Segler im neuen digitalen Weltenstrom

In der Welt des Geldes und der Zahlen: Samuel Youn (rechts) als  Holländer. In der folgenden Bilderstrecke zeigen wir weitere Eindrücke von der Inszenierung. Foto: Festspiele 12 Bilder
In der Welt des Geldes und der Zahlen: Samuel Youn (rechts) als Holländer. In der folgenden Bilderstrecke zeigen wir weitere Eindrücke von der Inszenierung. Foto: Festspiele

Die Bayreuther Festspiele sind mit viel Prominenz eröffnet worden – und mit der Wiederaufnahme des „Fliegenden Holländers“ unter der musikalischen Leitung von Christian Thielemann.

Stuttgart - Im vergangenen Jahr hat der Regisseur Jan Philipp Gloger im Vorfeld des „Fliegenden Holländers“ verlauten lassen, seine Inszenierung habe durch den kurzfristigen Wechsel des Hauptdarstellers gelitten. Man erinnert sich: ein Weltklassesänger mit Hakenkreuz-Tattoo auf der Brust wurde zur Abreise gedrängt und musste in letzter Sekunde ersetzt werden. Keine Frage also, dass der Einspringer Samuel Youn szenisch zurückhaltend agierte. Für die diesjährige Festspieleröffnung, wie üblich mit Politgrößen garniert, galten derlei Einschränkungen nicht mehr. Youn war gesetzt und hatte ausreichend Probezeit, so dass keinerlei Entschuldigungen mehr gelten können. Was sich letzte Saison andeutete, ist auch in diesem Jahr zu sehen: Gloger hat zwar eine Idee für den „Holländer“, aber kein Konzept.

Angesiedelt ist die Inszenierung in einer Welt der Datenströme und Zahlenkolonnen auf einem schwarz-gläsernen Bühnenbild, das digitale Rauschen der Jetztzeit symbolisierend. Im ersten Moment, wenn sich der Bayreuther Vorhang auf seine einzigartige Weise öffnet, ist die Flut aus Ziffern und Leuchtspuren überwältigend. Aber genauso schnell nutzt sich die Kulisse ab, weil sie nicht bespielt wird – und dieser Verzicht auf den ästhetischen Mehrwert ist symptomatisch für Glogers Lesart der Wagner-Oper, für die er am Ende massive Buhs kassiert. Gloger gebricht es an der Fähigkeit, mit den Figuren eine Geschichte zu erzählen und sie jenseits schlaglichtartiger Momente zum Leben zu erwecken. Daland wird als Kapitalistenkarikatur im Ruderboot eingeführt und bleibt darauf reduziert, wenn er dem Paar Senta-Holländer ein „Daumen hoch“ gibt. Das ist genauso lächerlich wie das Katzbuckeln des Prokuristen-Steuermanns, der mit seinem Chef im Ruderboot nächtigt.

Der Dirigent als Heilsbringer

Die szenische Hilflosigkeit führt dazu, dass die Sänger zu Puppen degradiert werden, die in vielen Fällen gut singen, etwa Benjamin Bruns als schönstimmiger, präsenter und differenzierter Steuermann. Beeindruckend ist auch Franz-Josef Seligs raumfüllender, mitunter grobkörniger Daland. Dabei hätte er das Forcieren nicht nötig, denn der Dirigent Christian Thielemann, der am Ende wieder als Heilsbringer gefeiert wird, lotet das Geschehen differenziert aus. Nie deckt er die Sänger zu, auch wenn seine Tempi nicht immer bequem sein mögen, etwa in der Holländer-Arie oder im Duett des Protagonisten mit Senta.

Thielemann reizt die Partitur in der Tempogestaltung und der dynamischen Staffelung mit maximalen Kontrasten aus. Zum Meisterstück gerät ihm mit dem vorzüglichen Festspielorchester die Ouvertüre, deren Holländer-Motiv er herausmeißelt, während das Erlösungsthema sanft schimmert und den Gegenpart zu den stürmisch bewegten Orchesterfluten darstellt. Der Dirigent liefert das, was die Bühne verweigert: eine eindeutige Haltung, ein klares, bis ins Detail durchgefeiltes Konzept.




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