Der Flötenlehrer Zeljko Pesek Seine neue Uhr ist die einzige Orientierung

Seite 3: Christine Keck (kek)
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Oben im Wald hört Zeljko Pesek das Kreisen der Rotoren, überlegt sich, wie wohl der Hubschrauber zwischen den Bäumen landen kann, an die Wärmebildkamera denkt er nicht. Wo er genau liegt, weiß er nicht, die Uhrzeit dagegen hat er im Blick. Seine neue Armbanduhr gibt ihm Orientierung, er zählt die Stunden, die Minuten, schaut dem Zeiger zu. „Mein Talisman“, sagt er später über die Uhr, die ihm so wichtig wird. Viel dabei hat er nicht, seine Filzjacke, ein blau-weiß kariertes Hemd, die Hose, seinen rechten Schuh hat er verloren, vermutlich beim Sturz. Nicht nur der Fuß ist nass, die ganze Kleidung ist vom Regen durchweicht. „Manchmal habe ich es geschafft, dass das Zittern aufhört, dass ich wieder ruhig werde“, erzählt Pesek, „das waren die kleinen Glücksgefühle da draußen.“

Alle im Viertel reden über das Verschwinden von Herrn Pesek. Im Bioladen debattieren sie zwischen Gemüseregal und Kasse darüber, ob er wohl einen Herzinfarkt erlitten hat. Auf der Post sind sie sich einig, dass er in letzter Zeit nicht mehr so gut aussah. Und längst ziehen private Suchtrupps los, um den Vermissten aufzuspüren. „Jeder, der sich auf den Weg macht, ist hilfreich“, sagt mir Ursula Pesek am Telefon und klingt dabei unglaublich gefasst. Sie habe keine Ahnung, welchen Weg er an diesem Abend genommen habe, sagt sie. Sie hätten sich bei ihren Spaziergängen immer spontan für die jeweilige Route entschieden, mal zum Tierheim, mal hoch Richtung Wankheim, mal zum Bergfriedhof. Ich setze mich aufs Mountainbike und radle los auf den Schotterwegen. Wo das Unterholz besonders dicht ist, fahre ich im Schritttempo. Ein Reh rennt vor mir weg, ein Jogger auf mich zu. Die Dunkelheit treibt mich wieder nach Hause.

Drei Wände Noten, eine Glasfront, am Musizierzimmer im Erdgeschoss komme ich fast täglich vorbei. Manchmal grüße ich hinein, und es wird wieder herausgegrüßt. Herr Pesek gehört zu meiner Nachbarschaft wie der mächtige Kastanienbaum mit der Schaukel schräg gegenüber, er war einfach immer da, unvorstellbar, dass es nicht mehr so sein würde.

Sie pfeift mit seiner Flöte, nur die Vögel antworten

Zweimal hätte Ursula Pesek ihren Mann fast gefunden, sie verfehlte ihn nur um ein paar Meter. Mit dem Kopfstück der Querflöte ging sie die Pfade entlang, pfiff Töne in den Wald, doch nur die Vögel antworteten. Die Musik verbindet die beiden. Auch Ursula Pesek hat Musik studiert und unterrichtet, Zeljko Pesek spielte viele Jahre die Querflöte im Orchester der Deutschen Oper Duisburg. „Ich glaube, ich habe dich spielen hören“, sagt Zeljko Pesek, „ganz sicher bin ich mir nicht.“

Es sind die Rufe der Käuzchen in der Dämmerung, die Zeljko Pesek in der dritten Nacht Mut machen. „Ich hatte das Gefühl, ich bin nicht ganz allein, das tat gut“, erinnert er sich. „Da war so eine Zuversicht in mir.“ Er leckt Regenwasser von Blättern und saugt es aus seiner Filzjacke. Zu essen hat er nichts, er wird immer schwächer. Die rechte Seite schmerzt. Unter der Kleidung hat er Schürfwunden. Sein Blick schweift in den Himmel, er hat sich auf den Rücken gedreht. „Es war, als würde ich mein Lebensbuch offen halten, ich lag da wie ein Kind“, sagt er über die Stunden des Wartens.

Er hofft noch immer, als viele andere ihn schon aufgegeben haben. Die Polizei, die am Freitagabend ohne konkrete Hinweise nicht länger nach ihm suchen will. Die Rettungshundestaffeln, die zweimal erfolglos ausgerückt sind. „Wir haben große Teile des Waldes abgesucht“, bestätigt mir eine der Ausbilderinnen am Telefon. Auf die Frage, welche Chance Herr Pesek noch hat, entdeckt zu werden, wird sie konkreter. „Unsere Hunde spüren die Vermissten nur dann auf, wenn sie noch leben. Tote finden sie nicht.“

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