Der Flötenlehrer Zeljko Pesek Jede Stunde zählt

Seite 3: Christine Keck (kek)
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Es sind die nicht abgesuchten Flächen auf der Landkarte, die Ursula Pesek keine Ruhe lassen. Am Freitag bekommt sie von der Polizei den genauen Plan ausgehändigt, der zeigt, wo die Rettungstrupps bisher unterwegs waren. Sie konzentriert sich mit ihren beiden Söhnen, deren Freunden und den Nachbarn auf die weißen Flecken. Ganz systematisch gehen sie vor, mit Stöcken und Suchreihen, mit mehr Geduld und Ausdauer als die Polizei und als alle anderen. Auch am Samstag suchen sie weiter, erst ein schneller Frühstückskaffee bei Peseks in der Wohnung, dann hoch in den Wald, jede Stunde zählt, zu kalt sind die Nächte, zu schlecht die Prognosen.

„Ich habe geheult wie ein Schlosshund“, sagt Zeljko Pesek – und wieder steigen ihm Tränen in die Augen. Seine Wangen sind eingefallen, das fein geschnittene Gesicht wirkt noch schmaler als sonst. Er hat viele Kilo verloren im Wald, seine Frau wacht akribisch darüber, dass er keine Mahlzeit ausfallen lässt. Er sitzt in der Küche seiner Tübinger Wohnung und erzählt zum ersten Mal in aller Ausführlichkeit über sein Verschwinden. Ein Freund seines Sohnes hat ihn entdeckt, an einer leicht abschüssigen Stelle oben im Wald, am Samstagvormittag gegen 11 Uhr. „Sein Gesicht war über mir“, erinnert sich Pesek, er hat gesagt, jetzt ist alles gut.

Ganz sanft streicht Ursula Pesek ihrem Mann über die kurzen Haare, sie legt ihm die Hand auf die Schulter. „Du hast überlebt, weil du alles auf Null gestellt hast, wie bei einem Winterschlaf“, sagt sie. In der Woche im Krankenhaus war sie fast immer bei ihm, quetschte sich nachts zu ihm ins Bett, hielt ihm die Hand mit den Infusionsschläuchen, wenn er wieder eine Panikattacke hatte und sein Puls und sein Blutdruck sich überboten in Höchstwerten. Seit er wieder zuhause ist, ist er ruhiger. Seine Stimme kommt zurück, ganz langsam auch die Erinnerung. Vieles hat er vergessen, ganze Jahrzehnte liegen verschüttet, die Ärzte nennen das posttraumatische Belastungsstörung.

Das Gehen fällt ihm jeden Tag ein bisschen leichter

Im Zeitlupentempo steht der 79-Jährige auf, er legt die Hände auf die Knie, dann stemmt er sich hoch, er muss zur Toilette. Das Gehen fällt ihm jeden Tag ein bisschen leichter. Das Lachen auch, „ich bin einer, der fröhlich in die Welt guckt“, sagt Zeljko Pesek und verschwindet in kleinen Schritten um die Ecke.

„Es war ein Glück, dass er gefunden wurde“, sagt die Polizeisprecherin. Der Hubschrauber mit der Wärmebildkamera habe vermutlich wegen des dicken Blätterdachs Probleme bei der Ortung gehabt. Und die Rettungsstaffeln hätten eben nicht überall suchen können.

Zeljko Pesek will, sobald er wieder fitter ist, hoch in den Wald. Er will sich das genau anschauen, wo die Käuzchen seine einzige Gesellschaft und sein Trost waren. Er will seiner Frau die Stelle zeigen, wo er dreieinhalb Tage überlebt hat. „Kommen Sie wieder“, sagt er zum Abschied und drückt mir die Hand. „Kommen Sie bitte auch wieder“, denke ich mir, „kommen Sie bitte immer wieder.“

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