Der Flötenlehrer Zeljko Pesek Verschwunden im Wald

Zur Orientierung bleibt Zeljko Pesek im Wald nur  seine Armbanduhr. „Sie ist mein  Talisman geworden“, sagt er, „ich habe mich an ihr festgehalten.“  Foto: Gottfried Stoppel
Zur Orientierung bleibt Zeljko Pesek im Wald nur seine Armbanduhr. „Sie ist mein Talisman geworden“, sagt er, „ich habe mich an ihr festgehalten.“  Foto: Gottfried Stoppel

An einem Mittwochabend um Viertel vor Sechs geht der 79-jährige Flötenlehrer Zeljko Pesek zu seinem gewohnten Spaziergang aus dem Haus und kommt nicht mehr zurück. Die Polizei in Tübingen hört nach zwei Tagen auf, ihn zu suchen – ein großer Fehler.

Seite 3: Christine Keck (kek)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Tübingen - Weißt du es schon, Herr Pesek ist weg“, ruft mich eine Freundin aufgeregt an. „Was meinst du mit weg?“, frage ich. „Verschwunden“, sagt sie, „oben im Wald. Er ist losgegangen und nicht wiedergekommen.“

Zeljko Pesek, 79 Jahre alt, zarte Finger. Ein handgeschriebener Zettel am Fenster seiner Tübinger Wohnung hat uns zusammengebracht. Der frühere Orchestermusiker, der seine Rente noch ein bisschen aufbessern wollte, bot Querflötenunterricht an. Ich suchte einen Lehrer und fand mehr als das. Immer charmant, immer bereit für einen Schwatz über Barockmusik oder auch nur über Falschparker im Französischen Viertel, das ist Zeljko Pesek. Seine Worte wählt er mit viel Bedacht, er drechselt Sätze, improvisieren liegt ihm gar nicht. Die Sache mit der Querflöte erledigte sich nach ein paar Jahren, ich war einfach nicht begabt genug, darüber waren wir uns beide irgendwann einig. Den Unterricht gab ich auf, die freundschaftlichen Begegnungen blieben.

Der Wald hinter Tübingen, der dem Mann mit den weißen Stoppelhaaren und dem ergrauten Bart so vertraut ist, dessen Wege und Windungen er seit Jahren erkundet, ist ihm an jenem Mittwoch im Mai zur Falle geworden.

Es ist nur ein einziger unachtsamer Moment, ein Stolpern etwas abseits des bekannten Pfades, und Zeljko Pesek stürzt. Aufstehen geht nicht mehr, er ist unter Schock, fast wie gelähmt, auch auf allen Vieren kommt er nicht weit. Auf einem Stück Holz verstaut er die zwei Teile der Brille, sie ist in der Mitte zerbrochen. Er zieht in seiner Verwirrung seine Hörgeräte heraus und legt sie daneben. Es muss alles seine Ordnung haben, gerade dann, wenn nichts mehr in Ordnung ist. Weil er ruft und niemand hört ihn im Dickicht der hohen Bäume, wo er auf dem Boden liegt, zwischen Blättern und Steinen, zwischen Ästen und Moos. Weil es dunkel wird und er ahnt, dass mit dem einsetzenden Regen und der Kälte das Schlimmste noch kommt. „Ich dachte, das geht nicht gut“, erinnert er sich, „ich wusste einfach nicht, ob ich das überlebe würde.“

„Tschüss“ hatte er ihr noch zugerufen, dann war er weg

Zeljko Peseks Spaziergang am 11. Mai wäre fast sein letzter geworden. Er liegt in einer Erdkuhle, keine halbe Stunde Fußmarsch von seinem Zuhause im Französischen Viertel entfernt. Ein Handy hat er nicht dabei. Seine Frau wartet auf ihn. Sie wollten vespern, sobald sie die Gartenarbeit erledigt hat und er zurück ist. Wie sie es schon oft gemacht haben. Nur dass er sich an diesem Abend um Viertel vor Sechs verabschiedet und nicht wieder kommt. Drei Nächte und dreieinhalb Tage lang hört Ursula Pesek nichts mehr von ihrem Mann. „Tschüss“ hatte er ihr noch zugerufen, dann war er weg.

„Warum habe ich ihn nur alleine gehen lassen?“, fragt sich die 67-Jährige und macht sich mit dem Fahrrad auf die Suche. Erst zwei Monate zuvor war ihr Mann, mit dem sie fast 50 Jahre zusammenlebt und drei Kinder groß gezogen hat, schon einmal im Wald gestürzt, er hat sich eine dicke Lippe geholt. Sein Schritt war unsicher geworden in letzter Zeit, sein Gang lang nicht mehr so entschieden wie früher, als sie die Gipfel der Alpen gemeinsam erklommen hatten. Vielleicht liegt es an der Lendenwirbelarthrose, vielleicht ist es Parkinson im Anfangsstadium oder gar Demenz. Ursula Pesek denkt über vieles nach und kommt ins Grübeln. Was sie weiß, ist, dass Bewegung ihrem Mann gut tut, es gibt kaum einen Tag, an dem sie nicht draußen sind.

Als Zeljko Pesek nicht zum Abendbrot erscheint, ist seiner Frau schnell klar: Es muss ihm etwas zugestoßen sein. Sie ruft noch am selben Abend die Polizei, und eine Suchaktion startet, wie sie Tübingen schon lange nicht mehr erlebt hat. Ein Hubschrauber mit Wärmebildkamera überfliegt die ganze Nacht den Wald im Schindhau, mehr als 80 Rettungskräfte durchforsten mit 30 Hunden die Gegend. Die Polizei bittet mit Lautsprecherdurchsagen im Französischen Viertel die Anwohner um Hinweise. Die Familie druckt Plakate und hängt sie in der Nachbarschaft auf, in den Zeitungen und im Netz erscheinen Artikel über den Vermissten. „Die Polizei wollte sogar in unserem Schrank nachschauen“, sagt Ursula Pesek, „die dachten in jede Richtung.“ Gefunden haben sie jedoch nichts.

Unsere Empfehlung für Sie