Der Fotograf Przemek Zajfert Seine Bilder sind wie Medizin
Przemek Zajfert bannt mit der Lochkamera manchmal mehrere Wochen in ein Foto. Seine Bilder denken das Vergehen und das Vergeben mit. Im Dezember schließt er seine Stuttgarter Galerie.
Przemek Zajfert bannt mit der Lochkamera manchmal mehrere Wochen in ein Foto. Seine Bilder denken das Vergehen und das Vergeben mit. Im Dezember schließt er seine Stuttgarter Galerie.
Fotografen, heißt es, malen mit Licht. Przemek Zajfert malt mit Licht und Zeit. Seine Bilder fangen nicht nur Konturen und Schattierungen ein, sondern ganze Tage, Wochen oder Monate. Die Lochkamera ist sein liebstes Arbeitsmittel.
Vor Jahren richtete er sie auf den Rhetorikprofessor Walter Jens. Anderthalb Stunden lang saß der alles andere als ruhig auf seinem Tübinger Sessel. Auf Zajferts Bild ist die professorale Bibliothek gut erkennbar, Walter Jens aber wirkt wie ein Phantom. Es ist das vermutlich bestmögliche Porträt des Denkers, dessen Geist bereits angefangen hatte, sich zu verflüchtigen.
Wie viel Zeit passt in ein Bild? Was ist passiert, während sich das Licht in den Film brannte? Solche Fragen stellen sich, wenn man Zajferts Bilder betrachtet, zum Beispiel bei einem Kunsthandwerkermarkt oder in seiner Galerie Piwnica Papugi, auf Deutsch Papageienkeller. Die Gelegenheiten werden seltener. Die Gesundheit spielt nicht mehr recht mit bei dem 63-Jährigen. Arbeitswütig ist er noch. Stundenlang auf der Straße zu verkaufen, ist dagegen schwierig.
Die Galerie in der Gutbrodstraße im Stuttgarter Westen schließt er zum Jahresende. Ihm hätte es gefallen, wenn sein Sohn Patrick, ebenfalls Fotograf, sie übernommen hätte. Der sieht seinen Lebens- und Arbeitsort aber auf absehbare Zeit nicht in Stuttgart. Also ist nach 30 Jahren Schluss.
Przemek Zajfert wird wehmütig, wenn er über die Nachbarn spricht. Über den Mann, der seit 40 Jahren gegenüber wohnt und sich jede Ausstellung angesehen hat, den er aber nie nach seinem Namen gefragt hat. Er kann sogar über die Frau aus einem der umliegenden Häuser schmunzeln, die einmal im Jahr der Polizei Meldung erstattet über seine Verstöße gegen die Nachtruhe: „Nach so langer Zeit blickt man da anders drauf.“ Künftig findet sich in den einst als Schuhmacher-Werkstatt genutzten Souterrainräumen ein Hundeatelier. Mal sehen, ob die geräuschempfindliche Frau damit mehr Ruhe findet.
Früher war mehr los im Papageienkeller. Przemek Zajfert entwickelte hier Filme, ehe er ganz auf die Kunst umsattelte. Der vielfach ausgezeichnete Fotograf Peter Granser hatte bei ihm seine erste Stuttgart-Schau. Bei der allerersten Museumsnacht richtete ihm das Stadtmagazin „Lift“ eine eigene Haltestelle ein, weil die Galerie abseits der anderen Häuser lag. Die Leute kamen gern und zahlreich. Tagsüber war Zajfert, der mit seiner Frau ein paar Häuser die Straße hoch wohnte, ständig in der Galerie zu finden und entweder mit seiner Kunst beschäftigt oder damit, sie Menschen zu erklären. Er tut das ganz selbstverständlich, weil er eins ist mit seinen Bildern.
„Rotlicht, Dunkelkammer und Stille, das ist meine Welt“, sagt er. Eine manchmal bedrückende Finsternis, ohne die es aber kein Licht geben kann, mit dem Zajfert seine Bilder malt. Auch seine polnische Heimat fühlte sich an wie eine Dunkelkammer, als er, bereits zum Fotografen ausgebildet, zur Armee eingezogen wurde. 1981 war das, im Dezember verhängte die polnische Regierung im Kampf gegen die Solidarnosc-Bewegung das Kriegsrecht. Zajfert sagt, er war auch für die Freiheit, habe den Hass aber nicht ertragen: „Bei erster Gelegenheit bin ich abgehauen.“ Als blinder Passagier führte ihn der Weg über Schweden nach Hamburg, 1985 gewährte die BRD Asyl. Erst 16 Jahre später sah er sein Breslau wieder.
Die Lochkamera war seine Erinnerung an die Heimat. Sie ist das einfachste Gerät, um ein Motiv auf Film festzuhalten. Jeder kann sie selbst bauen, auch in der kommunistischen Mangelwirtschaft. Eine Lochkamera besteht aus einer Hülle mit kleinem Loch und Fotopapier drin. Przemek Zajfert gelang deshalb als Kind, was im Jahr 1826 Joseph Nicéphore Niépce nach langem Experimentieren erstmals schaffte: den Blick aus seinem Arbeitszimmer festzuhalten – damals noch auf einer Metallplatte und nach acht Stunden Belichtungszeit. Seither wurde der Zeitraum zwischen dem Auslösen und dem Belichtungsende immer weiter verkürzt, nicht zuletzt dank der Digitalkameras. Fotografie hält heute vor allem den Moment fest.
Przemek Zajfert hat nie eine Digitalkamera besessen. Er konserviert die Zeit zwischen zwei Momenten, teilweise sogar wie ein Niépce als Heliografie, also auf mit Lavendelöl und viel Hitze bearbeiteten Metallplatten – diese Technik hat er 200 Jahre später perfektioniert. Weil es ihm eher um den Weg zum Bild und die dabei vergangene Zeit geht als um das Motiv selbst, zeigen seine Fotos verschwommene Betrachter vor Kunstwerken im Münchner Lenbachhaus oder einen Lesenden an der Amalfiküste. Zajferts uralte Fototechnik haucht den Bildern Geist ein. Manchmal, wenn sie besonders lang belichtet worden sind, sieht man darauf sogar die Sonnenbahn, die sich im Laufe des Jahres nach oben oder unten verschiebt.
Er ist kein Mann für die Galerien. Nie gewesen, vielleicht verlangt der Kunstbetrieb nach anderen Konzepten, vielleicht hat Zajfert auch keine Lust, den Betreibern solcher Verkaufsräume hinterherzurennen. Vielleicht verlangt er einfach zu wenig Geld für seine Bilder, um für Kunstsammler attraktiv zu sein.
Dafür trägt er seine Kunst in die Welt, sucht die Nähe zu den Menschen. Im Stuttgarter Hafen und im Hauptbahnhof hat er einst riesige Installationen aufgehängt, er hat Tübingen, Heidelberg und Stuttgart Lochkamerabildbände gewidmet. Und er war jahrzehntelang auf 30, 40 Kunsthandwerker-Märkten im Jahr, sommers wie winters. Das Verkaufen hat er einst von einem Gürtelhändler gelernt.
Zajfert bietet nicht nur seine Bilder an, sondern auch nummerierte Kartons mit Lochkamera darin. Mittlerweile steht der Zähler bei mehr als 12 000. Die Menschen schicken ihre Lochkamerabilder an Zajfert zurück und der veröffentlicht sie auf seiner Website. Sie zeigen die Dämmerung in Las Grutas, Argentinien, geheimnisvolle Lichtspuren in der südafrikanischen Wildnis oder den über sieben Tage belichteten Blick aus einem Hotel in New York. Den Fotografen kennt Zajfert, ein zweites Foto hat er während der siebentägigen Schiffsüberfahrt an die Ostküste gemacht. „So passt ein ganzer Urlaub in zwei Bilder“, sagt Przemek Zajfert und lacht.
Wie viel passt in ein Leben? Bei Przemek Zajfert sind es die kommunistische Diktatur und 30 Jahre jener besseren Zukunft, für die er aus Polen floh. Doch seit dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar fühlt sich die Welt wieder wie eine Dunkelkammer an. Der Hass ist zurück, Przemek Zajferts Welt gerät wieder ins Wanken. Er reagiert darauf mit dem Einzigen, was er hat – Kunst.
Im März ging das Bild von einer Frau um die Welt, die im russischen Nischni Nowgorod ein weißes Blatt in der Hand hielt und von Polizisten abgeführt wurde. Für Zajfert war es die Anregung zu seinem aktuellen Projekt „No Words“. In diesen Bildern ist viel Schwarz, nur die Hände seiner Frau und die Aufschrift auf dem Schild sind hell: Day 1, Day 2, Day 3 . . . Im März, wenn er Tag 365 fotografiert hat, soll das Projekt enden und als riesenhaftes Tableau in Amsterdam ausgestellt werden. „Es gibt derzeit so viel Hass, wie willst du das heilen?“, fragt Zajfert. Er flüchtet sich ins meditative Arbeiten in seiner Dunkelkammer. „Da bin ich wie ein Schaman. Vielleicht hilft das gegen den Hass.“
Wladimir Putin wird diese Bilder nie sehen und wenn, dann sind sie ihm egal. Doch darum geht es nicht, sondern um die Bilder, die von dieser Zeit bleiben. Deshalb endet sein Projekt nicht an Tag 365. Przemek Zajfert hat, mit analoger Fotografie kennt er sich aus, die Bilder nicht fixiert. Das bedeutet, dass sie verblassen werden und verschwimmen, bis nur noch Silber übrig ist. Das Vergehen ist schon mitgedacht, vielleicht ist es auch ein Vergessen – „es ist ja nichts für immer“, sagt Przemek Zajfert. Jedenfalls wird in diesen Bildern am Ende nicht Schwarz oder Weiß sein, sondern Grau. Und sehr viel Zeit. Sie heilt wenn nicht alle, dann doch viele Wunden. Przemek Zajferts Bilder sind Medizin für eine kranke Welt.
Schau Bevor Przemek Zajfert die Tür der Piwnica Papugi zusperrt, gibt es eine letzte Ausstellung: „Mischkonsum“. Die Vernissage ist am Samstag, 3. 12., um 17 Uhr. Am 16. und 17. Dezember gibt es von 15 bis 20 Uhr noch einen Adventsverkauf,danach ist endgültig Schluss.