Der Gecko in Böblingen lebt immer noch Ein Kaltblüter hat ihr Herz erwärmt

So schnell nicht tot zu kriegen: In der Obhut Yvonne Perlich geht es dieser mysteriösen Geckodame weiterhin prächtig. Foto: Stefanie Schlecht

In unserer Reihe „Totgesagte leben länger“ geht es heute um einen rätselhaften Gecko, der entgegen aller Zweifel noch immer unter den Lebenden weilt.

Böblingen: Edmund Langner (edi)

An einem stressigen Freitagmorgen im September 2016 schlich sich ein illegaler Einwanderer kaltblütig ins Heim und Herz von Yvonne Perlich. Nun gut, ob legal oder illegal, lässt sich rückblickend nicht mehr abschließend klären, aber kaltblütig traf hier durchaus zu. Schließlich handelt es sich um ein Reptil, genauer gesagt einen Gecko. Das damals noch winzig kleine Tierchen flitzte in die Wohnung unserer Redaktionsassistentin und ist seitdem ihr dauerhafter Mitbewohner. Bis heute sind dabei einige Fragen offen.

 

Allen voran das Rätsel um die Herkunft des Reptils, das sich nach ausgiebiger Google-Recherche als Türkischer Halbfingergecko herausstellte. „Wo kam der nur her?“, fragt sich Yvonne Perlich noch heute. So wie er aussah, war der Gecko wohl erst kürzlich geschlüpft. „Der war noch ganz schlonzig“, erinnert sie sich an die erste Begegnung. War das Tier womöglich als blinder Passagier aus einem Türkei- oder Ägyptenurlaub nach Deutschland eingereist? Auf einen an die Mitbewohner gerichteten Aushang meldete sich niemand. Sogar mittels eines Zeitungsartikels versuchte unsere Kollegin damals herauszufinden, ob jemand das Tier vermisst – ohne Erfolg.

Gecko Rudi entpuppte sich als „Rudiline“

„Und warum ist der ausgerechnet zu mir gekommen?“, fragt sie sich. Schließlich befindet sich ihre Altdorfer Wohnung im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses – wobei Wände und steile Aufstiege für den kleinen Klettermaxe kein Problem darstellen: Dank Haftzehen und Krallen an den Füßchen kann sich das wegen seiner Vorliebe für menschliche Behausungen auch Hausgecko genannte Reptil an nahezu jeder Oberfläche festhalten.

Guck-Guck, Yvonne Perlichs Gecko lässt sich meist nur nachts blicken. Foto: S/tefanie Schlecht

Wegen seiner rosafarbenen Haut und dem wuselig-wilden Tempo, mit dem es durch ihre Wohnung raste, nannte Yvonne Perlich ihren Hausgast Rudi – in Anlehnung an „Rennschwein Rudi Rüssel.“ Wie sie später nach weiterer Recherche und einem genauen Blick zwischen die Gecko-Beinchen herausfinden sollte, lag sie damit wohl falsch: Ihr Rudi ist in Wahrheit eine Rudiline. Heute sagt sie zu der schuppigen Dame allerdings nur noch „der Gecko“.

Ein weiteres Rätsel, wenn nicht gar ein kleines Wunder, ist, dass die Echse nicht schon längst echs-und-hops gegangen ist. An dem Morgen, als Yvonne Perlich vor acht Jahren unverhofft zur Gecko-Mama wurde, musste sie nämlich ganz dringend ins Büro. Damals hatte sie noch zwei Katzen in ihrer Wohnung – was bedeutete, dass sie das zunächst nur sieben Zentimeter lange Tierchen seinem Schicksal überlassen musste. „Ich hatte Angst, dass ich nach Hause komme und nur noch ein Füßchen oder das Schwänzchen vorfinden würde“, erzählt sie.

Als sie am Abend nach Hause kam, war der neue Hausbewohner zum Glück aber noch wohlauf und gemeinsam mit ihrem damals 16-jährigen Sohn Pascal und mittels eines Keschers gelang es ihr, das Schuppentier einzufangen. „Zwei Stunden haben wir dafür gebraucht“, rollte sie beim Gedanken an die wilde Jagd die Augen. „Der rennt gefühlt mit Lichtgeschwindigkeit – wiiiiiit!“, ahmt sie ein Geräusch nach, das nach einer herumrasenden Cartoon-Figur klingt.

Gecko-Mama Yvonne Perlich Foto: privat

Als sie den kleinen Flitzer erst einmal eingefangen hatte, ging es um die Frage, wie sie es durchfüttern sollte. Sohnemann Pascal rupfte zur Probe ein paar Blätter von Yvonne Perlichs liebevoll herangezüchteten Farn ab und bot sie ihm an – was jedoch bei dem Gecko und vor allem der Gärtnerin auf wenig Gegenliebe stieß. Eine Freundin fing in ihrer Waschküche eine Spinne ein und brachte sie vorbei. „Aber die war so groß, dass wir dachten, die frisst eher den Gecko“, erzählt Yvonne Perlich lachend.

Also ging sie zu einer Zoohandlung, wo man ihr eine Packung mit Heimchen mitgab, eine als Futterinsekt verkaufte Grillenart. Allerdings machte man ihr in der Zoohandlung erst einmal wenig Hoffnung. „Den kriegen Sie nie durch“, habe man ihr gesagt. Als gelernte Krankenschwester gibt unsere Kollegin aber so schnell keinen Patienten verloren, weswegen sie fortan viel Zeit, Energie und Hirnschmalz in die Aufzucht ihres Geckos steckte.

Staunende Gesichter in der Zoohandlung: „Ja wie, der lebt noch?“

Wie verfüttert man die Heimchen am besten, wenn man sich vor dem Krabbelgetier doch eigentlich total ekelt? Wie gestalte ich das Terrarium und wie reguliere ich für den Gecko die Temperatur? Wo geht so ein Gecko aufs Klo? Auf all diese Fragen fand sie zum Teil sehr pfiffige Antworten und wurde so im Lauf der Zeit zu einer regelrechten „Echspertin“.

Als sie das nächste Mal wieder zu der Zoohandlung ging, erinnerte man sich gleich an die unverhoffte Reptilienpflegerin. „Ja wie, der lebt noch?“, habe man damals dort gestaunt. Acht Jahre später wohnt die mittlerweile auf 14 Zentimeter angewachsene Geckoline noch immer bei unserer Kollegin. Weil noch viele die herzerwärmende Kaltblütler-Geschichte aus der Zeitung in Erinnerung haben, werde sie bis heute immer wieder darauf angesprochen – und so wie in dem Volksmusik-Hit über den alten Holzmichl gibt sie bis heute immer dieselbe Antwort: „Ja, er lebt noch, er lebt noch, er lebt noch . . .“

Nicht tot zu kriegen

Serie
 In loser Folge beleuchten wir vermeintlich längst ausgestorbene Phänomene. Darunter fallen alte Handwerksberufe, lange aus der Mode gekommene Hobbys oder – wie in diesem Fall – ein fast schon tot geglaubtes Reptil (das übrigens in Gefangenschaft bis zu 20 Jahre alt werden kann).

Themen
 Welcher Betrieb ist der älteste im Kreis Böblingen? Wer sammelt denn heute noch Briefmarken? Die Redaktion geht diesen und weiteren Fragen nach. So bleiben alte Traditionen lebendig oder – noch besser – werden wieder neu entdeckt.

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