Der Göppinger Sozialarbeiter Rudolf Siebel Zuhörer für Gestrandete an der Fils

Sozialarbeiter Rudolf Siebel vor den Wohncontainern an der Fils in Göppingen. Er ist mehrmals in der Woche vor Ort. Foto: Giacinto Carlucci

Rudolf Siebel ist seit drei Monaten in der „Mobilen Obdachlosenbetreuung“ tätig. Das Ziel ist es, mit Menschen im Gespräch zu bleiben, die sich abgeschoben fühlen sowie den Weg für weitere Hilfe aufzuzeigen.

Ein Mann mittleren Alters steckt kurz den Kopf aus der Tür. Ein schneller Gruß. Sozialarbeiter Rudolf Siebel erklärt, dass er später noch einmal vorbeischaut. Der Mann nickt, die Tür fällt wieder ins Schloss. Unten rauscht die Fils, ein paar Meter weiter der Verkehr. „Mir wird von den Menschen schon herangetragen, dass sie sich abgeschoben fühlen“, sagt Siebel. Die Lage der Wohnzellen für Obdachlose an der Fils in Göppingen sei ein heikles Thema und könne in der öffentlichen Wahrnehmung dazu beitragen, dass die Stigmatisierung dieser Menschen noch gefördert werde, meint der Sozialarbeiter. Im regelmäßigen Austausch mit der Stadt werde jedoch versucht, einen Weg zu finden, um die Bedingungen für die Bewohner zu verbessern. Da gibt es Elementares. Die Brandschäden zu beseitigen, sei ein oft erwähnter Wunsch, sagt Siebel.

 

Drei der sieben Mini-Wohnungen sind verkohlt

In der Tat geben die Wohnmöglichkeiten unweit der Sonnenbrücke über die Fils und der Brücke über die Bahn ein trostloses Bild ab. Nach mehreren Bränden ist der Zustand desolat. Drei der sieben Mini-Wohnungen sind verkohlt. An zwei weiteren sind die Fenster teils mit Spanplatten verrammelt. Nur vier Container sind daher aktuell bewohnt, der Bedarf wäre viel größer, sagt Siebel.

Der Sozialarbeiter der Wohnungslosenhilfe „Haus Linde“ betreut die Bewohner hier unten am Filsufer seit etwa drei Monaten. „Ich bin drei bis vier Mal die Woche vor Ort“, sagt der 52-Jährige. 50 Prozent seiner 80-Prozent-Stelle sind für die „Mobile Obdachlosenbetreuung“ vorgesehen. „In den Containern leben Menschen mit schwieriger Sozialisation“, erzählt er. Meist haben sie Heim- oder Gewalterfahrungen, angespannte familiäre Verhältnisse, nicht selten Schulden und zeigen ein Suchtverhalten. Der eine oder andere war bereits im Vollzug, psychische Auffälligkeiten seien oft die Folge dieses Lebenswegs.

„Es geht darum zu erkennen, dass wir auf Menschen treffen, die weit weg von stabilen und geordneten Verhältnissen leben“, fasst der Sozialarbeiter zusammen. Zu diesen Menschen am Rande der Gesellschaft wieder einen Zugang zu finden und ins Gespräch zu kommen, das ist die Aufgabe von Rudolf Siebel. Seine Klienten zeigten oft ein Misstrauen gegenüber Einrichtungen und Institutionen und müssten mit Gefühlen wie Frustration, Wut, Enttäuschung und auch Scham zurechtkommen.

Rudolf Siebel ist seit 20 Jahren als Sozialarbeiter tätig

„Oft stelle ich auch eine verklärte Sicht der Dinge fest. Es gibt Schuldzuweisungen“, erzählt der Sozialarbeiter. Hier auch wieder an die eigene Verantwortung zu appellieren, gehöre auch zu seinen Aufgaben. Noch steht Rudolf Siebel, der seit 20 Jahren als Sozialarbeiter tätig ist und in dieser Zeit 15 Jahre in einem ambulant betreuten Wohnen für psychisch Kranke gearbeitet hat, ganz am Anfang. „Es geht zunächst um Kontaktaufbau, darum, Vertrauen zu schaffen und Interesse zu signalisieren“, sagt der 52-Jährige. Die Menschen, die hier unten am Filsufer in Wohnzellen leben, fühlten sich alleingelassen. Daher sei Verlässlichkeit das A und O: „Wenn wir vereinbaren, ich komme dann und dann, komme ich auch.“

Siebel spricht mit den Menschen über Dinge, die sie beschäftigen, hört manchmal einfach nur zu. Dabei werde auch ausgelotet, wo sie gerade Unterstützung brauchen. Häufig gehe es um die Bearbeitung von Post oder die Kontaktaufnahme mit Ämtern. „Ich biete auch an, die Menschen zum Amt zu begleiten“, sagt Siebel. Oder sie bei der Wohnungssuche zu unterstützen. Kein leichtes Unterfangen in diesen Zeiten, für Menschen mit diesem Hintergrund erst recht nicht, räumt der Sozialarbeiter ein. Auch bei der Jobsuche greift er ihnen unter die Arme.

Es geht auch um Suchtberatung und medizinische Versorgung

Bisher habe es in den Wohnzellen keine Bewegung gegeben, „obwohl die Leute möglichst bald hier rauswollen“, sagt Siebel. Um das schaffen zu können, fungiert der Sozialarbeiter als Bindeglied zu weiterführenden Hilfen. Hier geht es um Suchtberatung, medizinische Versorgung, Ämterbesuche und finanzielle Absicherung. Die mobile, aufsuchende Betreuung der Obdachlosen sei unheimlich wichtig, weil diese Menschen oft nicht einmal den Weg in die Beratungsstelle in der Grabenstraße schaffen.

Institutionen stehen hinter der mobilen Betreuung

Stelle
Im Oktober hat die „Mobile Obdachlosenbetreuung“ unter Leitung der Wohnungslosenhilfe „Haus Linde“ in den Unterkünften an der Fils ihre Arbeit aufgenommen. Sozialarbeiter Rudolf Siebel füllt diese 50-Prozent-Stelle aus, die zu 80 Prozent von der „Aktion Mensch“ finanziert wird. Weitere Förderer sind die Wohnbau Göppingen, die Prolok-Stiftung und das „Haus Linde“. Die Stelle ist auf fünf Jahre befristet. 

Antrieb
Was ist sein Antrieb? Seine Hoffnung? Sein Wunsch? Rudolf Siebel bleibt bescheiden: „Ich habe den Wunsch, mit den Menschen dort im Austausch zu sein, den Kontakt aufrechtzuerhalten und zu schauen, wie man individuell Lösungen finden kann, dass sich die Situation der Menschen nicht verschlechtert und im besten Fall verbessert.“

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