Der gute Ton im Fernsehen TV-Rüpel sind out!

Sie sind bekannt dafür, oft nicht den richtigen Ton zu treffen: Stefan Raab, Dieter Bohlen, Niels Ruf und Oliver Pocher (im Uhrzeigersinn) Foto: dpa/Britta Pedersen, imago/Christoph Hardt, Lichtgut/Julian Rettig (2)

Abwertendes will keiner mehr hören: Oliver Pocher ist das letzte Relikt einer Fernsehära, in der toxische Späße auf Kosten anderer Konjunktur hatten.

Stefan Raab tat es, Harald Schmidt auch, und Dieter Bohlen sowieso: Abwertende Späße auf Kosten von vermeintlich Schwächeren – von Frauen, Homosexuellen, sozial Benachteiligten und Zufallsopfern, die sie in ihren Shows lustvoll dem öffentlichen Gespött preisgaben. Doch die Ära der toxischen Fernsehrüpel ist vorbei. Sie haben in einer Zeit, in der unter anderem die MeToo-Debatte und die LGTBQ-Bewegung für mehr Respekt und Feinfühligkeit gesorgt haben, kein Oberwasser mehr. Zu den unrühmlichen Ausnahmen zählt Oliver Pocher, der sich immer noch notorisch mit vergifteten Späßen zu Lasten bedauernswerter Mitmenschen hervortut.

 

Die Galionsfigur der TV-Spaßmacher, die keine Rücksicht auf die Gefühle anderer nahmen, war lange Zeit Stefan Raab mit seiner Show „TV total“. So machte er nach dem Outing von Ex-Fußballer Thomas Hitzlspergers anzügliche Scherze auf Stammtisch-Niveau, führte Menschen aus prekären Milieus vor (Stichwort: „Maschendrahtzaun“) und verspottete die damals 16-jährige Schülerin Lisa Loch wochenlang wegen ihres Namens. Die Teenagerin musste damals in Therapie gehen, Raab wurde von einem Gericht zu einer Zahlung von 70 000 Euro Schmerzensgeld verurteilt.

Deutlich sozial verträglicheres Verhalten

Viele der einstigen Bildschirm-Rüpel sind heute weg vom Fenster. So wie Niels Ruf, der Ende der 90er in seiner Viva-Show „Kamikaze“ eine leicht bekleidete Frau im Studio liegen hatte, das „Kamikätzchen“. „Das hat geschnurrt, wenn ich ihm einen Klapps auf den Hintern gab“, erinnerte sich Ruf später in einem Interview. Ingo Appelt, selbst ernannter „Kotzbrocken der Nation“, flog mit seiner Show bei Pro Sieben vom Sender, als er mit Kinderpuppen auf eine Torwand schießen ließ.

Nicht zu vergessen Dieter Bohlen, der in der Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ mit derben Sprüche auf den Gefühlen der Kandidaten herumtrampelte – Kostprobe: „Du kneifst die Augen zusammen wie ich beim Kacken.“ 2021 trennte sich RTL von ihm, Begründung: Das Verächtliche und Abwertende sei nicht mehr zeitgemäß. Seit 2023 ist Bohlen zwar wieder auf Sendung, bemüht sich jedoch um ein deutlich sozial verträglicheres Verhalten – von einigen Rückfällen abgesehen. So leistete sich Bohlen einen schweren Mobbinganfall, als er eine 22-jährige Kandidatin fragte: „Hast du nur Abi und dich dann durchnudeln lassen?“

Schlag in die Magengrube

Und auch Stefan Raabs für den 14. September geplantes TV-Comeback mit dem Boxkampf gegen Regina Halmich treibt Kritikern schon die Sorgenfalten auf die Stirn. Die österreichische Tageszeitung „Der Standard“ schrieb: „Wir streichen ,Winnetou‘, aber ein Entertainer mit Witzen aus der untersten Schublade darf wieder ins Fernsehen? Das ist ein Schlag in die Magengrube.“

Die Moderatorin Bettina Böttinger erinnerte sich kürzlich in einem Interview an die Blütezeit des toxischen TV-Humors: „Harald Schmidt und auch Stefan Raab haben ja etwas Historisches vollbracht. Sie haben die Häme salonfähig gemacht im deutschen Fernsehen.“ Sie bezog sich unter anderem auf jenen viel zitierten Ausspruch Harald Schmidts, der die queere Böttinger mit einer Klobrille verglichen hatte: „Kein Mann würde sie anfassen.“ Doch ausgerechnet ihm platzte 2014 der Kragen, als es Oliver Pocher in der gemeinsamen ARD-Sendung „Schmidt & Pocher“ zu weit trieb. „So ’ne kleine, miese Type“, kanzelte er Pocher ab, als dieser unappetitliche Späße auf Kosten eines weiblichen Gastes gemacht hatte, und ergänzte: „Nächstes Mal hat er’s begriffen.“

Hier irrte der Chefzyniker. An Oliver Pocher scheinen die Zeichen der Zeit vorbeigegangen zu sein, er macht wie eh und je mit Scherzen auf Kosten anderer Schlagzeilen. Schon 2006 wurde er zur Zahlung von 6000 Euro Schmerzensgeld verurteilt, weil er eine „Wetten, dass…?“-Zuschauerin beleidigt hatte („Du siehst ganz schön alt aus für dein Alter“). Zuletzt sorgte der 46-Jährige im Mai dieses Jahres für Wirbel, als er bei einem Auftritt in Stuttgart eine Zuschauerin gnadenlos sexistisch demütigte.

Platten Humor gibt es kaum noch

Doch während es früher für derlei Späße selten Gegenwind gab, ist die Stimmung in der Gesellschaft mittlerweile eine andere, und spätestens die Coronapandemie mit ihren Folgen hat die Öffentlichkeit für das Thema seelische Gesundheit sensibilisiert. Nach Pochers Auftritt hagelte es in den sozialen Netzwerken Ablehnung und Unverständnis, ein User schrieb: „Mobbing ist wirklich nicht lustig“.

Und der Schriftsteller Jakob Hein, Autor des Buchs „Deutsche und Humor. Geschichte einer Feindschaft“, hat beobachtet, dass es zwar nach wie vor Comedians gebe, die in ihren Scherzen mit stereotypen Genderbildern arbeiten und über Frauen witzeln, die nicht einparken können, dass der Trend jedoch in eine andere Richtung gehe: „Witze, die pointiert als sexistisch empfunden werden, sind auf dem Rückzug.“ Vor allem bei hippen Comedians, die als angesagt gelten und Preise gewinnen, gebe es derlei platten Humor kaum noch.

Dass Comedians nicht von oben nach unten austeilen sollten – das ist in weiten Teilen der professionellen Humorszene ohnehin schon länger Common Sense. Das mahnte zuletzt sogar Papst Franziskus an: „Humor beleidigt nicht, er erniedrigt nicht, er nagelt die Menschen nicht auf ihre Fehler fest“, gab der Papst den mehr als hundert internationalen Comedians mit auf den Weg, die er zu einer Audienz im Vatikan empfangen hatte.

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