Mark Benecke ist ein forensischer Entomologe mit vielfältigen Interessen und Wissensgebieten. Als Fachmann für biologische Spuren arbeitet er weltweit an der Aufklärung von Mordfällen und kann auch was zum perfekten Mord sagen.

Einmal quer durch den Hölderlinsaal der Schwabenlandhalle reicht die Schlange all jener, die ein Selfie mit oder ein Autogramm von dem Star des Abends haben wollen. Kein Zweifel: Der Kriminalbiologe Mark Benecke ist eine Zugnummer. 1360 Menschen hat Andreas Mihatsch, der Veranstalter der als Lichtbildvortrag nur höchstunzulänglich zu beschreibenden Veranstaltung, gezählt – mehr geht nicht.

Anhand der Besiedelung mit Larven liefert er Infos zum Todesumstand

Aus Presse, Funk, Fernsehen, als Buchautor und aus sozialen Medien ist der forensische Entomologe bekannt. Das liegt sicherlich zuvorderst daran, dass der promovierte Biologe ein Spezialgebiet hat, das Interesse weckt. Aus der Besiedelung von Leichen mit Insektenlarven, aber auch mit Bakterien und anderen Kleinlebewesen liefert er wichtige, oft entscheidende Hinweise auf die Todesumstände. Wer dem ebenso schmächtigen wie kurzsichtigen 52-Jährigen eine Weile zuhört, der merkt auch als mordunerfahrener Laie, dass der Mann weiß, wovon er spricht. Ohne sich zu verhaspeln, stellt er komplexe Sachverhalte plastisch dar.

Beim Publikum sorgt Beneckes Vortrag für krasse Kopfkino-Bilder

Plastisch einerseits, indem er das Kopfkino seines Auditoriums anspricht. Andererseits aber auch durch detaillierte Erläuterungen von Fotos, die als erschreckend und verstörend nur zurückhaltend beschrieben sind. Immerhin dauert es diesmal mehr als eine halbe Stunde, bis die erste Tote auf der Leinwand erscheint: eine Frauenleiche mit leicht grünlich verfärbtem Genitalbereich. Ein Bakterium namens Pseudomonas ist die Ursache – die Besucher im Hölderlinsaal werden es am Samstagabend häufiger zu Gesicht bekommen. Noch schauriger sind mitunter die Erklärungen dafür, wodurch ein Bakterium an den Ort seiner Verbreitung gekommen ist. Das kann dann schon mal ein kontaminiertes Rohr oder ein Messer sein, das in den Genitaltrakt eingeführt wurde und zum Tode führte.

Obwohl es nach Ansicht von Mark Benecke den perfekten Mord nicht gibt, werden mangels offensichtlicher Hinweise längst nicht alle Tötungsdelikte entdeckt. „Wir haben regelmäßig Fälle, wo wir sicher sind, dass es kein Suizid ist, wo aber nicht ermittelt wird“, sagt Mark Benecke, für den eine exakte Messung ganz entscheidend für die Aufklärung ist: „Was logisch oder lebensnah ist, ist mir völlig egal. Entweder es ist gemessen oder nicht.“ Bakterien sind für ihn eine Trittleiter, um weiter in den Fall hineinzusehen und zugleich die Möglichkeit, ein zeitliches Netz über das Geschehen zu legen. Klar ist: „Bakterien wollen es feucht und warm.“ So ist auf einem anderen Foto nur der halbe Schädel einer Leiche bereits verwest – er lag auf dem isolierenden Kissen, während der gut erhaltene, vertrocknete Teil der Zugluft ausgesetzt war.

Noch drastischer sind Darstellungen lebender Menschen, die an den Beinen von Maden besiedelt sind. Durch psychische Erkrankungen haben diese Tag und Nacht Schuhe getragen, und Fliegen haben an kleinen Wunden Eier abgelegt. Teilweise waren die Eiter fressenden Krabbler dann sogar die Rettung, denn „ansonsten hätten Bakterien längst den ganzen Körper überschwemmt“.

Die Art der Schilderungen macht betroffen, fasziniert aber zugleich, zumal Mark Benecke nicht mit – meist – beabsichtigter Komik spart. „Auch Ihr Körper besteht aus wiederverwendetem Material. Wenn Sie das nicht mögen, haben Sie ein Problem.“

Seine Zuschauer sind teils von weither angereist. Ein Ingenieur ist sogar von Ansbach nach Fellbach gefahren: „Mark Benecke ist ja nicht überall, und da muss man halt eine weitere Anfahrt in Kauf nehmen.“ Ob er zum nächsten Auftritt des forensischen Entomologen am 19. Januar 2024 wieder 147 Kilometer zur Stadt unterm Kappelberg fährt, bleibt allerdings abzuwarten, aber am Zuspruch für den Vortrag des „Herrn der Maden“ wird es nichts ändern. Andreas Mihatsch erwartet schon ein halbes Jahr vor der Visite ein ausverkauftes Haus.

Hintergrund

Vielseitiger Fachmann Mark Benecke ist promovierter Biologe, der seine Doktorarbeit über genetische Fingerabdrücke geschrieben hat. Der gebürtige Rosenheimer mit Lebensmittelpunkt im Köln hat eine zweistellige Anzahl an Bücher veröffentlicht, deren Bandbreite von Fachliteratur über ein „Illustriertes Thierleben“ bis zum Kinderbuch reicht. Zudem schrieb er das Vorwort zur Biografie des Massenmörders Charles Manson. Der 52-jährige Vegetarier hat unterschiedlichste Interessen. Er engagiert sich für autistische Kinder ebenso wie für die Tierrechtsorganisation Peta oder die Satirepartei „Die Partei“. Benecke wurde unter anderem an der FBI-Academy ausgebildet und lebte längere Zeit in den USA. Er hält auch Vorträge über den Klimawandel und hat Labors in vielen Ländern aufgebaut.