Der Esslinger Schauspieler Gerhard Polacek spielt nach 30 Jahren erneut den Theaterklassiker „Der Herr Karl“ – diesmal im Kollektiv „Die Versponnenen“ in der Regie von Felix Jeiter.
Er gilt als Mitläufer und Opportunist par excellence: „Der Herr Karl“, jener Antiheld, der – auf der Bühne und im Film meisterhaft interpretiert vom österreichischen Schauspieler Helmut Qualtinger – 1961 zur Kultfigur wurde. Den knapp einstündigen Monolog hat der Esslinger Schauspieler Gerhard Polacek vor 30 Jahren schon einmal auf die Bühne gebracht. Nun hat er, gemeinsam mit seinem Regisseur Felix Jeiter, diesen Theaterklassiker für das Esslinger Theaterkollektiv „Die Versponnenen“ neu erarbeitet und festgestellt, wie aktuell dieses Stück noch heute ist.
Gerhard Polacek hat „Der Herr Karl“ in den 90er-Jahren im Tübinger Zimmertheater, im Esslinger Centraltheater und im Stuttgarter Theater „tri-bühne“ gespielt. Jetzt eine neue Version auf die Bühne zu bringen, ist für ihn eine echte Herausforderung: „Ich habe heute 30 Jahre mehr Lebenserfahrung, ich habe 30 Jahre mehr Bühnenerfahrung. Die Version von damals hat sich von innen in meine Schädeldecke eingraviert. Trotzdem musste ich große Teile des Textes beinhart neu lernen. Und gemeinsam mit Felix Jeiter habe ich versucht, das Stück noch einmal ganz neu zu lesen.“
Konstruktive Atmosphäre bei den Versponnenen
Eine Generation trennt den Schauspieler und den Regisseur, ihre Liebe zur Bühne und zur Literatur verbindet sie. Die Zusammenarbeit lobt Felix Jeiter in den höchsten Tönen: „Wir sind beide offen für die Ideen des anderen. Wir haben viel über das Stück gesprochen, uns Dinge klargemacht, diskutiert. Wir haben intensiv an der Schärfe und Genauigkeit der Gedanken gearbeitet. Ich habe unendlich viel auf Gerhard Polacek eingeredet. Am nächsten Tag kommt er zur Probe, beginnt zu spielen, und ich merke, dass ganz viel von dem, was wir gestern besprochen haben, nun eingeflossen ist“, erzählt Jeiter grinsend.
Gerhard Polacek gibt das Lob zurück: „Das war eine sehr einvernehmliche und überaus konstruktive Arbeit, die ganz viel Spaß gemacht hat. Es geht bei uns beiden in der Diskussion nicht ums Recht haben, sondern um die Sache, um den Inhalt, um die Inszenierung. Wir ziehen an einem Strang.“
Esslinger Schauspieler Polacek wuchs in Österreich auf
In dem 1961 von Helmut Qualtinger und Carl Merz geschriebenen Text erscheinen viele historische Ereignisse und Personen aus Österreich vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. „Manche Formulierungen müssen genau so bleiben, wie sie sind, weil sie zur DNA dieser Figur gehören. Manche Dinge sind aber einfach zu speziell, die müssen in Österreich bleiben und deshalb gestrichen werden. Das tut dem Stück nur gut, und mit einem so schönen Text kann man sehr frei umgehen“, erklärt Felix Jeiter. Gerhard Polacek, der in Österreich aufgewachsen ist, gibt unumwunden zu, dass ihm manchmal das Herz geblutet hat bei Felix Jeiters Vorschlägen, bestimmte Textpassagen zu streichen: „Aber ich lasse mich von guten Argumenten auch überzeugen. Wenn ich aus reiner Sentimentalität an einem Satz hänge, nur weil ich die Formulierung damals so gern gespielt habe, dann muss das halt weg.“
Regisseur Felix Jeiter: „Der Herr Karl lebt in seiner Blase.“
Gerhard Polacek als „Herr Karl“ erzählt dem Zuschauer im Vorratslager eines Feinkostgeschäftes seine Lebensgeschichte. Anfangs wirkt er nett, ein bisschen naiv vielleicht. Er raunzt und grantelt, plaudert und schwadroniert. Nach und nach entpuppt er sich jedoch als egoistischer Kleinbürger, der sich durchs Leben manövriert und zum Mitläufer wird. „Er wusste alles immer schon vorher, und im Nachhinein war er dann aber nie dabei“, schaut Gerhard Polacek hinter die Fassade. Gemeinsam haben Jeiter und Polacek vor allem eine sehr zeitlose Eigenschaft ihres Protagonisten herausgearbeitet: „Unser Herr Karl beharrt auf seinem Standpunkt, und er rechtfertigt sich nicht. Dann bezieht er urplötzlich eine konträre Position, wieder ohne sich zu rechtfertigen. Das ist doch hochaktuell, dass einer in einem Atemzug das Gegenteil dessen sagt, was er eben noch behauptet hat“, betont Gerhard Polacek. Ob Politik, Zeitläufte oder die Damenwelt in den Donau-Auen – im einen Augenblick ist es laut Herrn Karl „schrecklich“, im nächsten Moment mit der gleichen Überzeugung „herrlich“. „Der Herr Karl lebt in seiner Blase, er formt sich seine Welt. Er schaut, wie er für sich den größtmöglichen Vorteil aus allem ziehen kann“, charakterisiert Felix Jeiter die Hauptfigur.
Dabei kann das Publikum bei diesem zwischen Theaterstück und Kabarett angesiedelten Werk in der Esslinger Inszenierung durchaus seinen Spaß haben. „Man kann herzhaft lachen. Aber man knirscht mit den Zähnen, wenn dieser Mensch ohne Moral sein Fähnchen nach dem Wind hängt. Und er tut einem manchmal auch ein bisschen leid, und man denkt: Oh, was für ein armes Würstchen. Er hockt in diesem Kellerloch und verkauft uns dieses armselige Dasein, als sei das das Beste, das man sich je vorstellen konnte“, fasst Felix Jeiter zusammen.
Neuauflage eines österreichischen Kultstücks
Die Bühne
Überraschend bei dieser Inszenierung in der Alten Spinnerei ist die räumliche Anordnung: „Gerhard Polacek sitzt im eigentlichen Zuschauerraum. Da hockt jetzt der Herr Karl wie eine Kellerassel in seinem kleinen Eck, Auge in Auge mit dem Publikum. Weitere Plätze für die Zuschauer sind auf der eigentlichen Bühne und auf der Eingangsempore eingerichtet. Das ist ein bisschen wie ein Hexenkessel, der Herr Karl wird von allen Seiten beobachtet“, erläutert Regisseur Felix Jeiter.
Aufführungen
Die Premiere von „Der Herr Karl“ in der Alten Spinnerei (Esslingen, Maille 3) findet am 22. November statt, weitere Vorstellungen sind für den 29. November sowie den 17. und den 31. Januar 2026 geplant, ebenso ein Gastspiel im Kabarett der Galgenstricke (Esslingen, Webergasse 9) am 7. Februar 2026. Die Aufführung startet jeweils um 20 Uhr. Karten gibt es per E-Mail unter: info@kulturamrande-es.de oder montags bis freitags von 11 bis 14 Uhr direkt in der Spinnerei.