Der Hitler-Attentäter Georg Elser Einsamer Held

Hellwacher Kopf seiner Zeit: Elser-Büste in der Gedenkstätte KönigsbronnFoto: Andreas Reiner Foto:  

Lesenswert aus dem Plus-Archiv: Vor 75 Jahren, am 9. April 1945, wurde Georg Elser ermordet. In und um Königsbronn auf der Ostalb kann man die Spur vom talentierten Handwerker zum Hitler-Attentäter verfolgen. 

Königsbronn - Manchmal, so berichtete es ein Mithäftling nach dem Krieg, habe er in seiner Lagerzelle Georg Elsers Zitherspiel gehört. Wiener Schrammelmusik durchwehte dann die bleierne Stille des Bunkers im KZ Dachau. Und auch die Isolation, in der die sogenannten Sonderhäftlinge in ihren Zellen saßen. „Ich trag im Herzen drin a Stückerl altes Wien“ – das Rührstück war Elsers Lieblingslied, das letzte Lebenszeichen eines Mannes, der am 8. November 1939 versucht hatte, in den Lauf der Geschichte einzugreifen. Und so knapp gescheitert war. „Nur die Erinnerung bleibt jetzt für uns zwei“, singt der Schauspieler Hans Moser im Original.

 

Heute liegt die Zither aus Dachau – schwarz ihr Korpus, weiß die Saiten – stumm in einer Vitrine der Elser-Gedenkstätte in seinem schwäbischen Heimatort Königsbronn bei Heidenheim und erinnert an diese letzten Wochen des Mannes, der Hitler in die Luft sprengen wollte. Die Zither, sie ist an diesem Tag auch der Endpunkt einer Suche nach Elsers Spuren.

Einige Stunden früher, vor den Werktoren der Firma Erhard in Heidenheim an der Brenz. Nebenan graben sich Baggerschaufeln durch die mannshohen Trümmer des ehemaligen Schlachthofgeländes, das erst kürzlich abgerissen wurde. Durch die weiß-roten Schranken des Firmengeländes fahren Lastwagen ein und aus. Dahinter, in den Werkhallen, werden noch immer Armaturen hergestellt, riesige Ventile, Klappen und Schellen, die von Heidenheim aus in die Welt gehen.

200 Seiten Verhörprotokoll

Wer verstehen will, wie aus Elser, dem talentierten Handwerker und Laienmusiker aus einfachen Verhältnissen, Elser, der weitsichtige Widerständler wurde, der muss vielleicht an diesem Ort in der Meeboldstraße 22 beginnen, wo Georg Elser arbeitete, als die Fabrik noch Waldenmaier hieß. Wo der Schreiner in der nahe gelegenen Gaststätte Zum Schlachthof zu Mittag aß und die ausliegende Zeitung studierte, gern an einem Tisch in der hinteren rechten Ecke des Gastraums. Und wo er wahrscheinlich verstand, dass die Nationalsozialisten einen Krieg vorbereiteten.

„Am 29. 12. 1936 trat ich bei der Firma Waldenmaier, Armaturenfabrik, in Heidenheim als Hilfsarbeiter ein.“ So steht es im Gestapo-Protokoll. So muss es Georg Elser nach seiner Verhaftung an der Schweizer Grenze in den quälenden Verhören erzählt haben. Das 200 Seiten lange Protokoll, es ist der Schlüssel zu seinem Denken, es ist seine Autobiografie, wie es der Historiker Lothar Gruchmann genannt hat. Und es ist auch ein Reiseführer zu den Schauplätzen seiner Geschichte.

Georg Elser wird 1903 in Hermaringen geboren und wächst 25 Kilometer entfernt in Königsbronn auf. Seine Eltern Ludwig und Maria betreiben eine Landwirtschaft und einen Holzhandel, bekommen vier weitere Kinder. Nach sieben Jahren Volksschule – seine besten Fächer sind Zeichnen, Schönschreiben und Rechnen – lernt Georg Elser Schreiner und geht auf Wanderschaft. Er arbeitet am Bodensee und in der Schweiz, lernt das Kunstschreinern mit Intarsienarbeiten, baut Gehäuse in einer Uhrenfabrik. Er ist einer, der die Freiheit liebt, der mittags zwei Stunden im Bodensee schwimmt, aber die Zeit abends nacharbeitet, der einen Betrieb verlässt, wenn es ihm dort nicht gefällt. Den Nazis wird er auch das zu Protokoll geben: Die Menschen seien unter Hitler nicht mehr frei in ihren Entscheidungen gewesen.

Er wollte den Krieg verhindern

Anfang der 30er Jahre kehrt Elser in die Heimat zurück. Bei Waldenmaier in Heidenheim schuftet er – damals 33 Jahre alt – zuerst in der Gussputzerei, dann wird er in die Versandabteilung befördert, wo er eingehende Materialien prüft. Hier erfährt er auch von einer Sonderabteilung, in der Geschosszünder hergestellt werden aus den Zündnadeln, Bolzen und Federn, die er dort abliefert. Er sieht die Stückzahlen, die in die Millionen gehen. Dass Hitler Krieg bedeutet, diese Vermutung verfestigt sich hier für Elser. „Ich wollte ja auch durch meine Tat ein noch größeres Blutvergießen verhindern“, so wird er es den Gestapo-Beamten später diktieren.

Im Herbst 1938 beschließt Elser, den Führer zu töten. Die beste Gelegenheit scheint ihm der 8. November des nächsten Jahres zu sein, wenn Hitler seine jährliche Rede im Münchner Bürgerbräukeller halten wird. Als Elser im Frühjahr 1939 in der Armaturenfabrik kündigt, hat er schon 250 Pressstückchen Pulver in seinem Kleiderschrank liegen, die er dort gestohlen hat.

Es ist diese Einsamkeit seines Entschlusses, die die Nationalsozialisten und später auch die Nachkriegsgesellschaft lange nicht glauben können. Die Nazis vermuteten zunächst, dass der Mann von der Ostalb im Auftrag und mit der Hilfe des britischen Geheimdienstes seine Bombe baute. Nach 1945 hielt sich lange die Überzeugung, Elser habe im Auftrag der SS gehandelt, um den Mythos von der Unsterblichkeit Hitlers zu nähren.

Erst als der Historiker Lothar Gruchmann 1964 zufällig das Vernehmungsprotokoll im Archiv des Justizministeriums fand, wurde klar, dass Elser tatsächlich allein gehandelt hatte. Dass da ein Mann aus dem Volk, Sohn eines trunksüchtigen Holzhändlers und einer gläubigen Protestantin, ohne Nähe zu irgendeiner politischen Gruppierung, eine komplexe Bombe mit Zeitzünder gebaut hatte, um einen Diktator zu töten. 1939, fast fünf Jahre bevor der elitäre Kreis um Claus Graf Schenk von Stauffenberg dasselbe wagte.

Elser, der Frauentyp

Das dörfliche Milieu der 20er und 30er Jahre, aus dem Elser stammte, kann man noch in der Benzstraße im Heidenheimer Stadtteil Schnaitheim erahnen. Kleine Häuschen stehen hier dicht an dicht. Ein ehemaliges Kleineleutemilieu, das heute herausgeputzt ist. Hier wohnt Elser von Mai 1939 an zur Untermiete bei Familie Schmauder. Hier hat man auch die Hobelbank mit Werkzeugen gefunden, an der Elser erste Zeichnungen und wohl auch das erste Modell seines „Apparates“ fertigt, wie er die Bombe im Protokoll nennt.

Aber hier baut der Kunstschreiner auch ein Schmuckkästchen für Maria Schmauder, die Tochter des Hauses, mit der er ein Verhältnis hat. Wie der gut aussehende Georg Elser – dunkles Haar, kluger Blick – überhaupt ein Frauentyp ist. Verschiedene Liebeleien scheinen im Verhörprotokoll auf: „Der Brunhilde folgten eine gewisse Anna, dann die Mathilde Niedermann, dann die Hilda Lang und dann später . . . in Königsbronn meine dortige Hausfrau Härlen.“ Mit Mathilde Niedermann hat er am Bodensee einen unehelichen Sohn. Fest binden will er sich nicht.

Nächste Station: der Steinbruch Vollmer in Königsbronn-Itzelberg. Das Brenztal wirkt hier enger als anderswo. Die dicht bewaldeten Hügel stehen im Herbst wie in goldenen Flammen. Georg Elser heuert Ende April 1939 als Hilfsarbeiter hier an. Damals wird Kalkstein aus dem Fels gesprengt, heute vertreibt einer der Vollmer-Erben nur noch Kies und Schotter. Wo Georg Elser einst Steine in Rollwagen lud und den Vorarbeiter Kolb bei den Sprengungen beobachtete, verdecken Bäume und Gebüsch das nackte Gestein.

„Bereits in der ersten Woche ging ich daran, mir Sprengstoff widerrechtlich anzueignen“, gab Elser zu Protokoll. Er trägt die Sprengpatronen nachts in einem Rucksack aus dem Betonhäuschen, dessen Schloss leicht zu öffnen ist. 105 Patronen und 125 Sprengkapseln sind es insgesamt. Neben seinem Bett, in einem Holzkoffer mit Doppelboden, bewahrt er sie auf.

Königsbronn wird Attentatshausen

Das Bild des damaligen Steinbruchbesitzers Georg Vollmer hängt noch heute in den Büros auf dem Gelände. Nach Elsers Tat werden Vollmer und sein 16-jähriger Sohn verhaftet. Der Chef sitzt ein halbes Jahr im KZ Welzheim ein. Er ist nur einer von vielen Königsbronnern, die nach dem gescheiterten Attentat gelitten haben. Die Nationalsozialisten verhören fast jeden, der Elser kennt, der Ort wird als Attentatshausen geächtet. Auch ein Grund, warum Königsbronn lange nichts wissen wollte von seinem berühmten Sohn.

Erst 1988 gründen Bürger aus der Umgebung, unter anderem Manfred Maier und Hans-Ulrich Koch, den Georg-Elser-Arbeitskreis. Sie forschen, befragen Zeitzeugen, geben Bücher heraus. Lange kämpfen sie für ein Museum und für ein Bewusstsein unter den Leuten. 1998, endlich, können sie die Gedenkstätte in Königsbronn eröffnen.

In ihren Räumen, unweit der Brenzquelle, fügen sich die Puzzlestücke zusammen. Elser, das Kind. Elser, der freiheitsliebende Schreiner. Elsers Entschluss zur Tat und seine Vorbereitungen. Seine Hobelbank lagert hier, die Instrumente und Werkzeuge, eine Uhr, die er für seine Schwester geschreinert hat, Maria Schmauders Schmuckkästchen. Und auch das Protokoll liegt in den drei Räumen aus.

Blutige Knie von den Vorbereitungen

Am 5. August 1939 steigt Georg Elser in den Zug nach München, wo er sich ein Zimmer gemietet hat. Mehr als 30 Nächte lang lässt er sich unbemerkt im Bürgerbräukeller einsperren. In die Säule oberhalb von Hitlers Rednerpult meißelt er einen Hohlraum. Er hämmert, bricht, gipst. Er schafft Schutt weg, kleidet mit Kork aus, holt sich blutige Knie von der Arbeit. Tagsüber baut er unter anderem aus zwei Uhrwerken, einem Kammrad, Draht, Bolzen, einer Feder und Patronen seinen Zündmechanismus.

Am 5. November ist er fertig und aktiviert die Zeitschaltuhr. Am 7. November kehrt Elser noch einmal zurück, um sie zu kontrollieren: Die Räder laufen. Einen Tag später, um 21.20 Uhr, zündet die Bombe plangemäß. Sie tötet acht Menschen, verletzt 63 und zerstört den Bürgersaal fast vollständig. Nur Adolf Hitler trifft sie nicht. Er hat das Gebäude schon um 21.07 Uhr wegen des schlechten Wetters verlassen, früher als geplant.

Am selben Abend wird Georg Elser in Konstanz unweit der Schweizer Grenze festgenommen. Mit einer Postkarte des Bürgerbräukellers im Gepäck, mit Zünderteilen, einer Beißzange und seinen wunden Knien macht er sich verdächtig. 30 Meter fehlen ihm bis zur Schweizer Grenze

Nach tagelangen Verhören und Folter sperren die Nationalsozialisten Georg Elser im KZ Sachsenhausen ein, 1945 verlegen sie ihn ins Lager Dachau. Er sitzt dort in vollkommener Isolation, nur die Zither darf er spielen. Seine Feinde lassen ihn am Leben, um nach dem Krieg einen Schauprozess zu führen. Aber als der Krieg nicht mehr zu gewinnen ist, brauchen sie auch Elser nicht mehr: Am 9. April 1945 wird er am späten Abend auf dem Gelände zwischen den beiden Krematorien erschossen, vermutlich in einem der Öfen verbrannt.

Seine Zither nimmt einer der Wärter an sich. Nach dem Krieg legt der Mann sie nachts mit einem Zettel auf die Türschwelle von Elsers Bruder in Königsbronn. Der gibt sie weiter an Elsers Sohn Manfred.

Das Instrument erzählt von Georg Elsers Ende als schwer gezeichnetem Häftling. Aber auch von Elsers Anfang als geselligem Musiker und hellwachem Menschen seiner Zeit. Es erzählt von einem, der erkannte, wann der Moment war aufzustehen und zu sagen: „I du’s.“

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