Der hohe Preis des Aufrechtseins

Von "Kornwestheim und Kreis Ludwigsburg" 

Kornwestheim Peter Josef Snep erzählt 90 Zuhörern, wie er das Schuhläuferkommando im KZ Sachsenhausen überlebte. Von Susanne Mathes

Kornwestheim Peter Josef Snep erzählt 90 Zuhörern, wie er das Schuhläuferkommando im KZ Sachsenhausen überlebte. Von Susanne Mathes

Ganz zum Schluss verliert Peter Josef Snep dann doch noch fast die Fassung. "Wir sollen als Europäer dafür sorgen, dass nie wieder so etwas geschieht", ruft der 88-Jährige seinen Zuhörern unter Tränen zu. Die brechen daraufhin in spontanen Applaus aus - aufgewühlt von zwei Stunden, in denen sie viel erfahren haben. Darüber, dass es im Dritten Reich Menschen gab, die auch unter lebensbedrohlichsten Umständen nicht korrumpierbar waren. Und darüber, welch hohen Preis sie dafür zu zahlen hatten.

Als 20-Jähriger half Snep seinem Vater, Juden aus dem von Deutschen besetzten Holland über die Grenze zu schleusen, damit sie über Belgien und Frankreich in die Schweiz gelangten. 1942 wurden die beiden verraten und verhaftet. Zunächst kamen sie ins Konzentrationslager Amersfoort; die Häftlinge mussten dort unter anderem schwere Steine von einer auf die andere Straßenseite schleppen - und am nächsten Tag dasselbe retour. "Wenn man sich fragt, wie ein hochstehendes Volk wie die Deutschen so schlimme Verbrechen begehen konnten, muss ich sagen: Es gab auch holländische SS-Leute. Die waren mindestens genauso grausam", so Snep.

Von Amersfoort aus führte der Leidensweg Vater und Sohn Snep ins KZ Sachsenhausen, wo sie dem berüchtigten Schuhläuferkommando zugeteilt wurden. Auf einer Teststrecke mussten Häftlinge bis zu 40 Kilometer täglich in Schuhen marschieren, die ihnen oft nicht passten - mit wunden, entzündeten, vereiterten Füßen. Tag für Tag. Und Tag für Tag sah Snep völlig entkräftete Mithäftlinge taumeln, stürzen und sterben. Anschließend karrte man sie ins Krematorium. Snep und sein Vater überlebten nur durch außergewöhnlich gute Kondition, eisernen Willen und viel Glück.

Die Materialtests gingen damals im Auftrag der deutschen Schuh- und Lederersatzstoffindustrie vonstatten. Ob er gewusst habe, dass auch die Firma Salamander an dieser Materialprüfungspraxis teilhatte, wird Snep im Johannesgemeindehaus gefragt - er ist auf Einladung der evangelischen Kirche nach Kornwestheim gereist. "Nein. Wir Häftlinge kannten den Zweck der Schuhprüfstrecke nicht." Man habe gedacht, es handele sich schlichtweg um eine besonders monströse Art der Bestrafung. Die Märsche in wechselndem Schuhwerk habe er nicht bestimmten Firmen zugeordnet, sagt Snep. Salamander-Schuhe hätten später sogar in seinen Alltag gehört: Seine Frau habe sie gerne getragen. Auch als er nach ihrem Tode ihre Habe sortiert habe, hätten sich wieder Salamander-Schuhe gefunden. Die Gebäude des einstigen Kornwestheimer Traditionsunternehmens hat Snep jetzt zum ersten Mal gesehen: Am Montag sammelte er dort Eindrücke.

Snep und sein Vater entkamen damals dem Tode, weil sie das Glück hatten, als Tischler schließlich anderweitig gebraucht zu werden. Als der junge Mann vom KZ-Außenlager Lichterfelde aus zurück nach Holland geschickt wurde, um sich - wie für seinen Jahrgang vorgeschrieben - für den Arbeitsdienst zu melden, tauchte er in Amsterdam unter und kam heil davon. Auch sein Vater überlebte wie durch ein Wunder. "Nach dem Krieg", sagt Snep, "haben wir nie wieder über diese Zeit gesprochen." Für die Zuhörer unvorstellbar.

Ob sein katholischer Hintergrund mit seinem Einsatz für die Juden zusammenhänge, will Pfarrerin Fraukelind Braun von dem 88-Jährigen wissen. Das sei eher Mentalitätssache gewesen, entgegnet Snep. "Wir haben geholfen, weil wir gebeten wurden. Und weil es schlimm war, wie man die Leute behandelt hat." Von vielen Bekannten habe man nicht einmal gewusst, dass sie Juden seien. "Das spielte keine Rolle."

Derzeit laufe der Antrag, dass Peter Josef Snep von der Gedenkstätte Yad Vashem als Gerechter unter den Völkern geehrt werde, sagt Pfarrerin Braun. Die Kornwestheimer Zuhörer sind berührt, diesen Gerechten persönlich zu erleben, in befragen und ihm danken zu können. Der Zeitzeuge aus Amsterdam ist trotz seines hohen Alters voller Energie, äußerst präsent und gibt bereitwillig Auskunft. "Als ich 1942 verhaftet wurde", meint Peter Josef Snep, und seine Stimme wird brüchig, "hätte ich es mir niemals träumen lassen, dass ich irgendwann als freier Mann zu Ihnen allen würde sprechen können".