Eine Betroffene hat in einer Illustration festgehalten, was sie in der vermeintlichen Erholung erlebt hat. Foto: rivat/StZ
Unsere Redakteurin Hilke Lorenz bilanziert die Aufarbeitung des Skandals um die Geschehnisse in den Kindererholungskurheimen. Es ist auch eine Chronik der Untätigkeit. Warum tun sich Institutionen so schwer mit der Aufarbeitung?
In dieser Woche hat das Landesarchiv Baden-Württemberg seinen Bericht zur Aufarbeitung der Kinderverschickung in der Nachkriegszeit der Öffentlichkeit vorgestellt. Es ist eine Steilvorlage, schließt sich doch die Frage an, welche Rolle die Öffentlichkeit – und damit auch die journalistische Berichterstattung – gespielt hat, dass es überhaupt zu einer Aufarbeitung gekommen ist. Denn danach sah es lange nicht aus. Millionen Kinder – darunter rund eine Million aus Baden-Württemberg - sind in der Bundesrepublik Deutschland in der Nachkriegszeit bis in die 90er-Jahre zur Kur in spezielle Heime geschickt worden. Auf Anraten von Ärzten, zur Erholung. Viele dieser Verschickungskinder erlebten systematische Gewalt, Vernachlässigung, Missbrauch, litten unter dem zum Teil noch von NS-Ideologie geprägten Umgang in den Heimeinrichtungen – unabhängig davon, ob letztere öffentlich oder privat waren, getragen von Kirchen oder der Arbeiterwohlfahrt. B is zuletzt glänzten die betroffenen beteiligten Institutionen und deren Nachfolger nicht gerade mit Transparenz.
In der Doppelkompetenz als Historikerin und Redakteurin und Autorin dieser Zeitung habe ich mich mit der Kinderverschickung in den vergangenen fünf Jahren beschäftigt. Trotz meines Geburtsjahrgangs 1962 bin ich nie verschickt worden. Ich bin also keine Betroffene, konnte mich dem Thema als neutrale Berichterstatterin nähern.
Das, was ich nun schildere, ist so etwas wie ein Werkstattbericht dieser fünf Jahre. Das Making-of, das sonst nicht interessiert, weil das journalistische Ergebnis und nicht der Weg dorthin zählt. In diesem Fall bin ich mir jedoch sicher, dass die journalistische Berichterstattung einen maßgeblichen Anteil an der Aufarbeitung hat. Auch wenn es bis heute zu viele Defizite und weiße Flecken in dieser lange nicht (aus)erzählten Geschichte der Bundesrepublik gibt. Doch die Berichterstattung hat deutlich gemacht: Es gibt Handlungsbedarf. Es waren die Berichte in dieser Zeitung und dann die der Kolleginnen und Kollegen, die eine öffentliche Beschäftigung mit dem Thema in Gang gesetzt haben, als die betroffenen Institutionen – also die Nachfolgeorganisationen ehemaliger Kinderkuranbieter und jene, die Kinder in Kuren geschickt haben wie Ärzte – es nicht taten . Und sie haben Druck auf diese Institutionen ausgeübt. Denn während bei anderen sozialen Themen oft Pressemitteilungen der Häuser mit Bitte um Berichterstattung einflattern, herrschte zur Kinderverschickung Schweigen in den Sozialeinrichtungen. Gott sei Dank hat der damalige Abteilungsleiter Clemens Rehm im Landesarchiv Baden-Württemberg zumindest für die dem Landesarchivrecht unterliegenden Institutionen eine Aktenmoratorium mit Wegwerfverbot erlassen. Die Sorge der Betroffenen war nämlich groß, dass Akten und damit Beweise verschwinden.
Wer damals bei den entsprechenden Institutionen nachgefragt hat, wurde oft auf unsortierte Keller verwiesen, in denen man nichts finden könne. Oder es kam die Gegenfrage: Ja, wer soll das denn machen? Dafür haben wir niemanden. Mit Verlaub, diese als Hilflosigkeit getarnte Unfähigkeit – oder muss man sagen: dieser Unwille – hat mich überrascht. Ein E-Mail-Irrläufer gab dann Einblick in das Denken einiger Nachfolger der Akteure der Verschickungspraxis. Darin ist zu lesen, wenn man jetzt nur ruhig bleibe, würden „die dunklen Schatten der Vergangenheit“ vielleicht vorüberziehen.
Die Ausstellung im Hauptstaatsarchiv Stuttgart zum Thema Kinderverschickung läuft bis zum 8. November. Foto: dpa/Marijan Murat
Doch ein manchmal nachgeschobenes „Das müssen Sie verstehen“, das übrigens auch die Betroffenen oft hören mussten, befeuerte eher meinen Willen, weiter zu forschen. Ich habe diese Ausflüchte als Journalistin weggesteckt. So ist nun mal das Geschäft. Aber seit wann müssen Betroffene Verständnis dafür aufbringen, dass man ihnen Aufklärung verweigert? War das Taktik, um das ungeliebte Thema aus der Öffentlichkeit zu halten, es gar auszusitzen?
Doch von Beginn an: Im Jahr 2017 erschien ein Artikel in der Wochenzeitung ZEIT. Die Autorin schildert darin, wie ihr Vater in einem Kinderkurheim auf Sylt misshandelt wurde – und dass es vielen Jungen und Mädchen so ging. Es blieb ruhig. Keine unangenehmen Fragen an Institutionen und Politik. Im Herbst 2019 fand dann auf Sylt ein erstes Treffen Betroffener statt. Eingeladen hatte die Publizistin Anja Röhl, selbst verschickt, mit pädagogischem Hintergrund. Das Presseecho? Zunächst verhalten. Fünf Jahre ist das jetzt her. Fünf Jahre!
Vielschichtige Thema
Ich selbst saß im Oktober 2019 zum ersten Mal einem ehemaligen Verschickungskind gegenüber. Es war Andrea Weyrauch, die später mit anderen Betroffenen den Verein Aufarbeitung Kinderverschickungen Baden-Württemberg gegründet hat. Glauben Sie mir: Es brauchte maximal eine Viertelstunde, bis ich begriff, welche großen und wichtigen Themen ineinandergreifen, wenn Menschen von ihren leidvollen Erfahrungen berichten, die sie während ihrer Kur am Meer, in deutschen Mittelgebirgen oder in den Bergen gemacht haben.
Da ist die geschichtliche Dimension des Themas, die NS-Kontinuitäten in den Einrichtungen. Über allem aber steht eine Haltung gegenüber Kindern, die nicht deren Wohlergehen in den Mittelpunkt stellte, sondern das Funktionieren von Abläufen in den Kurheimen. Ich hatte das Gefühl, Andrea Weyrauch würde aus Johanna Harrers „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ zitieren, einem Ratgeber aus der Zeit des Nationalsozialismus. Schnell merkte ich: Es geht auch um nichtgelebte Trauer darüber, das Urvertrauen zu den Eltern zu verlieren.
Ich führte weitere Gespräche. Wie Mosaiksteinchen setzen sie sich zu einem großen Ganzen zusammen. Bei Zeitzeugenberichten beließ ich es nicht. Ich ging in Archive, um die aus nachvollziehbaren Gründen lückenhafte Erinnerung mit historischen Dokumenten zu untermauern. 2020 waren Archive zeitweise wegen Corona geschlossen. Und doch ging was, wenn man es wollte.
Die Archive suchten nach Akten
Während viele Institutionen sich auf meine Nachfragen hin weiter in Schweigen hüllten, gab es doch auch Hilfe beim Erschließen von Aktenbeständen – etwa im Staatsarchiv Ludwigsburg. Dort verschanzten sich Peter Müller und sein Team nicht hinter Organisationsabläufen, sondern machten Tempo. Wer sich durch Akten des Stadtarchivs Stuttgart oder des landeskirchlichen Archiv las, konnte auch dort unterstützt von hilfreichen Archivarinnen fündig werden. Konnte etwas erfahren über Strukturen, Größenordnung, über Heime und Vertragspartner.
Immer wieder berichtete ich. Ein Zeitungsartikel und ein Sachbuch zum Thema sind keine universitäre Forschung. Aber die Resonanz darauf zeigt, wie groß das Bedürfnis nach Aufarbeitung bei Betroffenen und auch in der Gesellschaft war und ist – im Gegensatz zu dem mancher Institutionen. Warum meldeten sie sich nicht, erklärten, dass sie sich des Themas annehmen? Das frage ich mich noch immer. Warum so wenig Kommunikation? Warum ist es Sache der Betroffenen und der Journalistinnen und Journalisten, an deren Stelle zu forschen und zu recherchieren? Denn abgesehen von ein paar Ausnahmen kam so gut wie nichts von den Einrichtungen. Nicht einmal der Versuch war spürbar, Schaden zu begrenzen und gegenüber den Betroffenen nicht zu agieren, als seien diese Bittsteller – so wie sie es damals als hilflose Kinder in einem autoritären System waren. Das ist umso bemerkenswerter, als doch die Aufarbeitung der Heimkinderschicksale die Schlagzeilen füllten – und die Betroffenen ihre Forderung nach Aufarbeitung immer wieder formulierten.
Auch Comics sind Teil der Ausstellung im Hauptstaatsarchiv Stuttgart. Foto: dpa/Marijan Murat
Es war dann die Konferenz der Familienministerinnen und Familienminister unter dem Vorsitz Baden-Württembergs, die im Mai 2020 beschloss, der Bund möge das Thema aufarbeiten. Bereits im Januar 2020, noch vor dem Lockdown, hatte der baden-württembergische Sozialminister Manne Lucha in einem Interview mit unserer Zeitung folgende Frage gestellt: Gab es eine Fürsorge-Versorgungsindustrie? Soll heißen: Wer hatte ein Interesse, das System möglichst lange am Laufen zu halten?
Institutionen stehen in der Pflicht
Als ich ihn fragte, wie er vorgehen wolle, formulierte der Minister die Blaupause für die Aufarbeitung: „Wir müssen uns anschauen, was in den ehemaligen Kindererholungsheimen geschehen ist. Klären, was aus den Häusern geworden ist. Fragen, ob es noch Zeitzeugen gibt. Die Fragen müssen aber auch die betroffenen Institutionen, also etwa Krankenkassen und die Ärzteschaft, selbst beantworten. Auch sie stehen in der Pflicht. Wir müssen Zeitzeugenberichte und nüchterne Erforschung zusammenführen...“
Konnte ich nach diesen Worten etwas berichten? Setzte gar eine Kommunikation nach außen ein? Nein. Lange nicht. „Sind noch nicht so weit“, hieß es meist. Zwar kamen Anrufe, ob ich behilflich sein könne bei der Aufarbeitung. Ob ich einen Tipp hätte, wo man suchen könnte. Wahrscheinlich habe ich damals die eine oder andere Anruferin vor den Kopf gestoßen. Aber ich habe mich stets als Berichterstatterin verstanden. Und dazu gehört zu berichten, was geschieht – und was eben nicht.
Inzwischen stiegen Zeitungen bundesweit in die Berichterstattung ein, interviewten ehemalige Verschickungskinder, schrieben über deren Erfahrungen. Sie alle legten den Grundstein dafür, dass es heute ein Wissen über das Wesen der Kinderverschickung in der Öffentlichkeit auch bei denen gibt, die nicht unmittelbar betroffen sind. Gleichzeitig machte das jenen Mut, die als Betroffene lange geschwiegen haben, weil man ihnen schon als Kinder nicht geglaubt hatte. Die Berichte erhöhten den Druck auf die am Kurbetrieb Beteiligten, machten aus Schweigen und Einzelgeschichten ein öffentliches Thema, das sich nicht mehr unter den Tisch kehren ließ.
Wer von Anfang forschte, waren die Betroffenen selbst. Allen voran die Vereine in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Es ist ihr Verdienst, dass etwas voranging, trotz allem. Wie zäh und kräfteraubend diese Aufarbeitung vonstatten ging, zeigt ein Beispiel: Das Rechercheteam des baden-württembergischen Vereins stellte eine Liste mit wissenschaftlichen Publikationen und Berichten Hans Kleinschmidts zusammen, in denen er von Medikamentenversuchen an Kurkindern berichtete. Kleinschmidt war von 1956 bis 1973 Chefarzt des DRK-Kindersolbad Bad Dürrheim. In einer Reportage in der Stuttgarter Zeitung berichtete eine Betroffene von schlimmsten Erlebnissen dort, einer Art Waterboarding – eine Foltermethode, bei der Ertrinken simuliert wird – als Erziehungsmethode. Der Bericht in unserer Zeitung, in dem Kleinschmidt aufgrund seiner Spruchkammerakte auch die Beteiligung an der Tötung eines Kindes, an Euthanasie nachgewiesen wurde, entlockte dem DRK Baden auf Anfrage immerhin die öffentliche Äußerung, dass man forsche. Später ließ die Pressestelle verlauten, die Studie sei fertig, es gebe aber Probleme im Verlag. Die Sache zog sich. In drei Wochen soll sie nun in Bad Dürrheim vorgestellt werden. Fünf Jahre nachdem die Betroffenen ihre Geschichten erzählt haben. Im Einladungsschreiben des DRK an die betroffenen ehemaligen Verschickungskinder heißt es, die Berichterstattung über das Schicksal der Zeitzeugin in der Stuttgarter Zeitung habe mit dazu beigetragen, sich der Aufarbeitung anzunehmen.
Gesetz ist in Vorbereitung
In einer Gesetzesvorlage aus dem Hause der Familienministerin Lisa Paus, die Kinder besser vor Gewalt schützen soll und über die der Bundesrat aktuell berät, ist übrigens auch eine Forderung der Missbrauchsbeauftragten des Bundes, Kerstin Claus eingeflossen: Betroffenen haben demnach ein Recht auf Aufarbeitung – und die Institutionen die Pflicht zur Aufarbeitung.
Und wie ich hoffentlich darlegen konnte, kann auch eine gut recherchierte Berichterstattung in den Medien ein wesentliches Element sein, um Institutionen diese Notwendigkeit – und Pflicht! – der Aufarbeitung deutlich zu machen.
Hilke Lorenz ist Autorin im Thementeam Familie, Bildung, Soziales. Sie recherchiert seit vielen Jahren zum Thema Kinderverschickung, hat 2021 das Sachbuch „Die Akte Kinderverschickung“ veröffentlicht. Diesen Text ist der Abdruck ihres Vortrag anlässlich der Abschlusstagung des Landesarchivs Baden-Württemberg zum Projekt „Kinderverschickung“.