Der Kampf gegen Corona wird zum Verteilungskampf Die Dialektik des Impfens

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Wenn ein Serum verfügbar sein wird, das gegen Covid-19 schützt, dann werden Verteilungskämpfe alle Impfskeptiker übertönen. Ein Impfstoff ist zwar kein Allheilmittel. Ohne die ökonomischen Anreize, die das Geschäft mit einem solchen Medikament verspricht, wären unsere Perspektiven aber finster, meint StZ-Autor Armin Käfer.

Impfen gegen Corona – darauf wartet die Welt. Foto: dpa/Christoph Schmidt
Impfen gegen Corona – darauf wartet die Welt. Foto: dpa/Christoph Schmidt

Stuttgart - Nun scheint sogar US-Präsident Donald Trump seine eingebildete Immunität gegen Corona verloren zu haben. Offenbar hat auch er inzwischen begriffen, dass bloße Ignoranz gegen diese Seuche nicht schützt. Trump empfiehlt neuerdings, Mundschutzmasken zu tragen, hat dies sogar zur „patriotischen Pflicht“ erklärt. Die Pandemie breitet sich in den USA dramatisch aus. Allein Florida meldet täglich mehr Neuinfizierte als die komplette Europäische Union. Trump, der bisher wortmächtigste Verharmloser, sagt: „Es wird wahrscheinlich leider schlimmer werden, bevor es besser wird.“

Besser würde es schon, wenn er sich an anderen Ländern ein Beispiel nimmt, welche die Infektionsrisiken konsequenter bekämpfen. Gut wird es erst, wenn ein Impfstoff verfügbar ist. Doch auch ein Impfstoff kann Trump zumindest politisch nicht mehr helfen. Sein Schicksal als Präsident entscheidet sich bei der Wahl am 3. November. So schnell wird es kein Serum geben, da nützen auch die Milliarden nichts, die er dafür in Bewegung setzt.

Impfstoffe sind kein Allheilmitteln – aber unverzichtbar

Dabei gab es zuletzt ermutigende Nachrichten aus diversen Forschungslaboren, in denen Wissenschaftler unter Hochdruck daran arbeiten, einen Wirkstoff zu entwickeln, der die Pandemiegefahr bannen könnte. Da findet ein Wettbewerb statt, wie ihn die Pharmazie und die Welt überhaupt noch nicht erlebt haben. Daran knüpfen sich kommerzielle Interessen – und existenzielle Hoffnungen aller, die von Corona bedroht sind.

Zur Dialektik des Impfens gehört freilich auch, dass Impfstoff-Entwickler wie die Tübinger Firma Curevac sich einerseits vor Freiwilligen kaum retten können, wenn es darum geht, Probanden für die erforderlichen Tests zu finden, andererseits aber auch die Skepsis hinsichtlich einer Immunisierung mittels Spritze zu wachsen scheint. Sie verschafft sich bei einschlägigen Demonstrationen Gehör, wo aber stets nur Minderheiten zu Wort kommen. Auch aktuelle Umfragen deuten jedoch auf eine sinkende Impfbereitschaft hin. Diese Art von Skepsis wächst mit der Entdramatisierung des Corona-Geschehens in Europa. Das kann sich aber schnell wieder ins Gegenteil wenden.

Impfstoffe sind gewiss kein Allheilmittel. Sie haben Nebenwirkungen, verschaffen unter Umständen keine dauerhafte Immunität und werden auf längere Zeit auch nicht für jedermann verfügbar sein. Sobald ein Impfstoff auf den Markt kommt, werden wir in dieser dialektischen Entwicklung jedoch die Antithese von Skepsis erleben: heftige Verteilungskämpfe um das ersehnte Serum. Dann rücken ganz andere Fragen in den Vordergrund: Für wen und wie viele wird das Mittel kurzfristig erhältlich sein? Wer wird als erstes geimpft? Wer bestimmt, wer sich wo in der Warteschlange anstellen darf? Und welche Vorteile ergeben sich für das Land, in dem der erste Impfstoff entwickelt wird?

Impfskepsis wird allenfalls eine nachrangige Rolle spielen

Diese Verteilungskämpfe könnten sich zu einem regelrechten Impf-Nationalismus auswachsen oder gar zu einem Impf-Imperialismus. Das Serum verschafft ökonomische Vorteile und politischen Einfluss. Es lässt sich wie eine Waffe einsetzen, vergleichbar mit der Herrschaft über knappe Rohstoffe. Der Zugriff auf Impfstoffe wird nicht ohne Folgen für die globale Machtbalance bleiben.

Auch auf nationaler Ebene wirft das Impf-Dilemma heikle Fragen auf: Wird es Prioritäten bei der Impfung geben? Wer hat Vorrang? Wer kommt für die Kosten auf? Haben Kassenpatienten von Anfang an die gleichen Chancen auf eine Spritze wie privat Versicherte? Impfskepsis wird allenfalls eine nachrangige Rolle spielen.

Es geht hier um ein enormes Geschäft – deshalb bleibt zu hoffen, dass es schnell geht. Denn schließlich hängt davon die Gesundheit der ganzen Welt ab.




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