München - Die neue Freiheit kennt keine Üppigkeit, keine goldenen Engel, keinen Rokoko-Stuck. Anselm Bilgri zögert, bevor er die Türe öffnet – „zum ersten Mal schließe ich selber auf“ – und lässt seinem Welsh-Terrier Miss Sophie den Vortritt. Hinein in die Kargheit von St. Willibrord. „Das ist jetzt meine Kirche, die einzige, wo ich legal tätig sein kann.“
Der einstige Chef des Klosters Andechs und lange Zeit Bayerns populärster Mönch mit eigener Talkshow hatte genug von den Heimlichtuereien, die ihn seit der Pubertät begleitet haben. „Ich wollte nicht länger meine Sexualität unterdrücken“, sagt der 67-jährige Münchner mit dem Genießerbauch und einer sprudelnden Herzlichkeit. Bilgri ist zum Kirchenrebellen geworden, er fordert in seinem Buch „Bei aller Liebe“ ein Ende des Gebots der Ehelosigkeit für Priester und ist jüngst aus der katholischen Kirche aus- und in die liberale alt-katholische Kirche eingetreten. Im März hat er seinen langjährigen Partner Markus Achter geheiratet, einen 40-jährigen Manager bei der Deutschen Bahn. Kennengelernt haben sich die beiden über eine Online-Dating-Plattform, für beide ist es die große Liebe, sie sind seit elf Jahren ein Paar, über ihrem Bett im Schlafzimmer hängt der Gekreuzigte.
Bilgri ist mit halb München befreundet
Es könnte eng werden in St. Willibrord, der einzigen alt-katholischen Kirche Münchens, befürchtet Bilgri und bleibt zwischen den Holzbänken mit den roten Sitzpolstern stehen. „Wenn im Herbst das Feiern erlaubt ist, werden wir hier kirchlich heiraten.“ Sein Partner wünsche es sich stilvoll mit Frack, danach werde gefeiert – unter Freunden. Davon hat der Geistliche jede Menge: Er ist mit halb München bekannt. Früher ging er regelmäßig mit Wiesn-Wirten Skifahren, hat Kontakte zu vielen Promis. Oberbürgermeister Dieter Reiter hat darauf bestanden, höchstpersönlich die Trauung zu übernehmen und überreichte gleich zwei Blumensträuße, für jeden Bräutigam einen. Ein Pulk von Journalisten und Fotografen wartete vor dem Standesamt, nach dem Kuss in die Kameras rollte das Paar in einer Fahrradrikscha davon.
Ein Winseln mischt sich in Bilgris Vorfreude. Miss Sophie hat die Kühle des Marmorbodens genossen. Jetzt will die Hündin los und gerne vorher noch ein Leckerli. Ihr Herrchen hört auf sie.
Bilgri ist heute Coach und Unternehmensberater
Zwei U-Bahn-Stationen weiter, vom Sendlinger Tor bis zum Königsplatz, wohnt Bilgri mit seinem Mann in einem Altbau mit knarzender Treppe und Ausblick. Auf dem Esstisch liegen etliche Bücher des ehemaligen Mönchs, der sich als katholischer Coach bundesweit einen Namen gemacht hat. Wie sich mit der Botschaft der Bergpredigt ein Unternehmen führen lässt, ist eines seiner Lieblingsthemen. Er verbindet benediktinische Spiritualität mit wirtschaftlicher Effizienz und finanziert als gefragter Redner und Autor sein Leben nach dem Klosteraustritt.
Die Vergangenheit hängt gerahmt im Flur. Ein Stich von Andechs, wie es auf dem „Heiligen Berg“ über dem Ammersee thront, einer der beliebtesten Wallfahrtsorte Bayerns mit reichlich barockem Prunk und einem legendären Bräustüberl als Pilgergaststätte. „Ich hatte ein Eckzimmer im zweiten Stock“, erzählt Bilgri und zeigt mit dem Finger auf das Hauptgebäude der Benediktinerabtei. „Ich konnte die Zugspitze sehen und abends den Schein von München in der Ferne.“ 20 Jahre lebte er in der klösterlichen Gemeinschaft, fünfmal Beten gliederte den Tag, beim gemeinsamen Abendessen galt das Gebot der Stille. Er hatte sich verpflichtet, für immer zu bleiben, daraus wurde nichts.
Das schlechte Gewissen hat den Priester immer begleitet
Es seien Jahrzehnte des Schweigens gewesen in einem System, das sich stets gegen Reformen stemmte. „Ich habe dort nie mit jemandem über meine Homosexualität gesprochen“, sagt Bilgri. Mit dem Abt habe er das heikle Thema Sexualmoral ausgeklammert. „Ich schätze, dass ein Drittel der Priester in der katholischen Kirche homosexuell ist, ein Drittel heterosexuell und ein Drittel zölibatär lebt“, sagt Bilgri. Er selbst habe ein Gelübde auf Keuschheit abgelegt und immer drängender gespürt, „das geht nicht“. Das Gefühl der Sündhaftigkeit habe ihn immer begleitet, das schlechte Gewissen ob seiner Wünsche, die er auch als Ministrant, als junger Mann im Priesterseminar schamhaft für sich behielt. Im Kloster Andechs, einem Ableger der Münchner Abtei St. Bonifaz, machte Bilgri Karriere. Der Sohn von Wirtsleuten, der einst von Joseph Ratzinger zum Priester geweiht worden war, packte die Dinge an, er gab den Kurs vor. „Mein Verdienst war es, die Kraft der Marke Andechs erkannt zu haben“, sagt der einstige Benediktinermönch, der als Cellerar, als wirtschaftlicher Leiter, die recht einträglichen flüssigen und sonstigen Geschäfte führte.
Er entwickelte mit einem externen Partner ein Gaststätten-Franchise-System, um den Absatz des Klosterbiers zu sichern, und kümmerte sich um die Vergabe von Lizenzen. Gestresste Manager lud er zu seinen Vorträgen über Demut ins Kloster ein und schulte Führungskräfte in der Kunst des besseren Zuhörens. Seine Pläne für einen Golfplatz auf dem weitläufigen Gelände musste er aufgeben, der Naturschutz kam ihm in die Quere. Aber ein Pilgerhotel, das hätte es wohl irgendwann gegeben, wäre es nicht eines Tages vorbei gewesen mit der frommen Eintracht auf dem heiligen Hügel.
Bilgris Karrierknick: Bei der Abtwahl in Andechs wird er übergangen
Zum Krach in der brüderlichen Gemeinschaft kam es, als der prominente Prior, der den anderen Mönchen längst zu weltlich geworden war, bei der Wahl zum neuen Abt übergangen wurde. Frustriert verabschiedete er sich in ein Sabbatjahr. Die von ihm mitaufgebaute Andechser Gastronomie AG rutschte in die Insolvenz, es begann ein Streit um Namens- und Markenrechte, es gab Anzeigen, staatsanwaltliche Ermittlungen gegen einstige Mitstreiter und Partner Bilgris, viele Zerwürfnisse. Der Abtrünnige, zerstritten mit dem neuen Abt und nicht bereit, den Karriereknick hinzunehmen, entschied sich 2004, nicht mehr ins Kloster zurückzukehren. Er suchte sich seine erste eigene Wohnung, gründete eine Beratungsfirma und startete beruflich durch.
Die anfängliche Bitternis ist wieder weg. Bayrisch-überschwänglich erzählt der Ex-Mönch, dass er niemals geglaubt hätte, dass er vom konservativen, marienverehrenden jungen Katholiken zum radikalen Kirchenkritiker werden würde, aber keinen seiner Schritte bereue. Bilgri trägt grünen Pullunder, Jeans, eine randlose Brille und am kleinen Finger der rechten Hand seinen Ehering. Die Buchstaben A und M, für Anselm und Markus, ineinander verschlungen. „Mein Privatleben ist politisch geworden, kirchenpolitisch“, sagt er und genießt die Aufmerksamkeit, die er bekommt, um für eine liberalere Kirche zu kämpfen. Ständig gibt er Interviews, ist präsent in den Medien. Sein offener Umgang mit der eigenen Homosexualität sei in seinem Freundeskreis auf viel Verständnis gestoßen, nur der große Altersunterschied zu seinem Partner habe der eine oder andere nicht fassen können.
Vom Balkon seiner Münchner Wohnung aus geht der Blick zwischen Bäumen hindurch auf die Abtei St. Bonifaz, wo er als Novize sein erstes Zimmer bezog. „Das war mal meine Heimat“, sagt er. Gerade wird dort für 20 Millionen Euro generalsaniert, ein Riesenprojekt, in den Zellen werden sogar private Bäder eingebaut. Nur selten habe er noch Kontakt zu den Mönchen. Er würde gerne, hat die Hand zur Versöhnung ausgestreckt – doch sie sei nie ergriffen worden.