„Der kleine Horrorladen“ im Alten Schauspielhaus Wie ein ehemaliger Zimmermann die Monsterpflanze zum Leben erweckt

Achtung, bissig! Figurenspieler Lukas Schneider (rechts) zeigt auf die Pflanze, die im Musical „Der kleine Horrorladen“ heranwächst. Mario Mariano (links) leiht ihr seine Stimme. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Im ersten Beruf war Lukas Schneider Zimmermann. Dass er das Zupacken gelernt hat, hilft dem Figurenspieler bei seinem neuen Job im Musical „Der kleine Horrorladen“. Für das Spiel mit der menschenverschlingenden Pflanze braucht es sogar noch einen zweiten Mann.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Sie ist groß. Sehr groß. Und für eine Zimmerpflanze ist sie ziemlich betreuungsintensiv. Auf der Bühne im Alten Schauspielhaus braucht es an diesem Probenvormittag im Mai ein paar starke Männer, um das grüne Wesen einsatzbereit zu machen. Als es so weit ist, plappert Audrey Zwo, wie die pflanzliche Hauptfigur im Musical „Der kleine Horrorladen“ heißt, munter mit ihrem muschelförmigen Klappmaul. „Du kannst alles kriegen, wonach du dich sehnst“, erpresst sie mehr Nahrung.

 

Die besteht in dem skurrilen Musical, in dem eine Pflanze Liebesglück und Karriere des Blumenverkäufers Seymour befördert, aus Fleisch, Blut – und Schweiß. Lukas Schneider dampft jedenfalls ordentlich, als er sich aus dem Inneren der Pflanze herauswindet. Dass der Figurenspieler eine Ausbildung als Zimmermann hat und weiß, was harte Arbeit bedeutet, mag bei seinem aktuellen Job als Pflanzenbeweger hilfreich sein. „Auch das Figurenspiel erfordert eine gewisse körperliche Fitness“, erklärt Lukas Schneider und gesteht: „Aber nach zwei Stunden Horrorladen-Proben bin ich ganz schön durch.“

Das Figurenspiel-Studium brachte Lukas Schneider nach Stuttgart

Der aus der Schweiz stammende Künstler, der in Stuttgart an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Figurenspiel studierte und blieb, war schon als Kind fasziniert vom Puppentheater. Eine Inszenierung, die er mit 16 Jahren sah, infizierte ihn mit dem „Horrorladen“-Virus. Als er von der Suche der Schauspielbühnen nach einem Figurenspieler für eben dieses Musical erfährt, bewirbt er sich und wächst nun selbst mit der Rolle, die ihn schon als Teenager begeisterte.

Erst klein, dann unersättlich: Audrey Zwo in zwei Erscheinungsformen Foto: lg/Max Kovalenko

Dank guter Pflege entwickelt sich Audrey Zwo nämlich in vier Schritten vom zarten Pflänzchen zum menschenverschlingenden Monster. Einer Handpuppe gleich manipuliert Lukas Schneider die junge Topfpflanze aus einem Versteck in einem Möbelstück heraus. In der ausgewachsenen Variante bietet das Innere der Nimmersatten nicht nur Platz für den Figurenspieler; auch ihr menschliches Futter passt durchs Maul.

In ihrer größten Variante ist Audrey Zwo eine Menschenfresserin. Foto: lg/Max Kovalenko

Viel zu tun für Lukas Schneider, der vom perfekten Zusammenwirken mit allen Akteuren abhängt. „Ich spiele im Inneren von Audrey Zwo blind und muss mich auf die anderen und auf ihre exakte Platzierung im Raum verlassen können“, sagt der Figurenspieler. Auch die Koordination mit Mario Mariano, der Audrey Zwo aus einer Seitenloge heraus seine Stimme leiht, muss perfekt klappen. „Die Pflanze ist etwas schwerfälliger, deshalb gibt sie mir das Timing“, erklärt der Musicaldarsteller. „Wenn sie sich nicht bewegt, kann ich nicht singen.“ Damit das nicht passiert, kennt Lukas Schneider alle Texte und Songs auswendig. „In der Vorbereitungszeit habe ich den ,Kleinen Horrorladen‘ rauf- und runtergehört“, sagt der Figurenspieler.

Eine Lieblingsstelle hat der 38-Jährige auch. Wenn jemand zu Audrey Zwo sage, dass sie ja nur ein unbeseeltes Objekt sei, bringt das für Lukas Schneider seine Kunst auf den Punkt. „Meine Bewegung bringt Leben in die Pflanze. Es ist faszinierend, was man aus totem Material herausholen kann; sobald wir Figurenspieler drinstecken, wird daraus ein beseeltes Wesen. Und es darf Dinge sagen, die wir von Menschen nie akzeptieren würden.“

Musical mit aktueller Botschaft

Auch Regisseur Klaus Seiffert ist begeistert von der Monsterpflanze, die von einer Hamburger Produktion ausgeliehen und in den Werkstätten der Schauspielbühnen angepasst wurde. „Sie kann von ganz niedlich bis bedrohlich wirken“, erläutert der Musical-Spezialist und ergänzt: „Sie ist fordernd und die treibende Kraft. Ihre Machtgier macht Audrey Zwo zu einer großen Verführerin.“

Probenszene mit Audrey Zwo und Oliver Morschel Foto: lg/Max Kovalenko

In der Menschenfresserin, die sich bis zur Beherrschung der Welt durchfuttern will, steckt neben Figurenspieler Lukas Schneider auch die Aktualität des Musicals. Audrey Zwo biete Glück, Reichtum und Berühmtheit, wenn Seymour dafür über Leichen gehe, sagt Klaus Seiffert. „Nehmt euch in Acht, wenn jemand Versprechungen macht, diese Botschaft ist immer aktuell und kann viele Auslegungen haben“, weiß der Regisseur und nennt die Versprechen politischer Parteien als Beispiel.

Im Kampf mit einer Widerspenstigen

Dass Audrey Zwo nur im Rahmen der Regieanweisungen ein Eigenleben entwickelt, liegt in den Händen von Lukas Schneider. „Sie ist absolut widerständig, damit hatte ich erst ganz schön zu kämpfen“, sagt der Figurenspieler und erzählt, wie sich die größte Variante mit ihm unvorhergesehen auf die Seite legte. „Es war eine Herausforderung, die Pflanze in der vorgesehenen Probenzeit kennenzulernen“, sagt der Figurenspieler. „Weil sie so groß ist, geht das nur auf der Bühne.“ Bis zur Premiere sollten sich die beiden bestens verstehen: Dann dürfen sich Audrey Zwo und Lukas Schneider den kompletten „Horrorladen“ einverleiben.

Info

Termin
„Der kleine Horrorladen“ hat am 7. Juni im Alten Schauspielhaus Premiere. Weitere Aufführungen gibt es bis zum 13. Juli.

Inszenierung
Klaus Seiffert, der auch als Darsteller reichlich Musical-Erfahrung sammelte, führt in der Stuttgarter Produktion Regie. Die Choreografie stammt von Mario Mariano, der zudem der Horrorpflanze seine Stimme leiht. Die Hauptrollen von Seymour und der von ihm angebeteten Audrey übernehmen Oliver Morschel und Dorothée Kahler. Die deutsche Version der „Horrorladen“-Songs stammt von Michael Kunze.

Musical
„Little Shop of Horrors“ kam am 6. Mai 1982 in New York auf die Bühne. Vorlage für den Komponisten Alan Menken und den Librettisten Howard Ashman war ein Film des kürzlich verstorbenen Regisseurs Roger Corman aus dem Jahr 1960. Für die neue Verfilmung des Musicals wählte Regisseur Frank Oz 1987 ein Happy End. Im Alten Schauspielhaus ist das Original-Finale mit Audrey Zwo als einziger Überlebender zu sehen.

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