„Der Kredit“ in der Komödie im Marquardt Herrenwitze im Goldrahmen

Von links: Ralf Stech als Herr Goetz und Andreas Klaue als Herr Schmidt Foto: TOBIAS METZ FOTOGRAFIE

Jordi Galcerans Konversationskomödie „Der Kredit“ gilt als Erfolgsstück. Die aktuelle Inszenierung der Komödie im Marquardt enthüllt allerdings, wie gestrig der Text klingt.

Die Holzvertäfelung im Büro von Herrn Goetz strahlt warmes, seriöses Understatement aus. Der Designersessel vorm Schreibtisch setzt einen eleganten Akzent. Die akkurat aufgereihten Urkunden an der Wand belegen den Erfolg des Kreditvermittlers, das Familienfoto im Goldrahmen mit strahlender Gattin und drei Kindern beweist, dass Herr Goetz auch als Privatmann alles erreicht hat, was sich Menschen gemeinhin erträumen. Aber dann kreuzt Herr Schmidt in der Filiale des Geldinstitutes auf und bittet Herrn Goetz um ein Darlehen. Damit nimmt das Schlamassel seinen Lauf in Jordi Galcerans Konversationsdrama „Der Kredit“, das am Freitag in der Komödie im Marquardt Premiere gefeiert hat.

 

Ute Willing inszeniert den Schlagabtausch zweier ungleicher Männer im so naturalistisch wie symbolträchtig anmutenden Bühnenraum von Jan Hax Halama mit den bestens aufgelegten Schauspielern Ralf Stech als Herr Goetz und Andreas Klaue als Herr Schmidt.

Arm aber mit allen Wassern gewaschen

Letzterer ist ein armer Schlucker, der sich vom selbstgewissen Filialleiter einen Korb holt; Herr Schmidt ist schlicht zu arm für einen Kredit. Dafür aber mit allen Wassern gewaschen, als er Herrn Goetz freundlich droht, wenn der ihm nicht das Geld bewillige, wolle er, Herr Schmidt, mit Herrn Goetzens Frau schlafen. Für Herrn Goetz zunächst eine irre Vorstellung, vor allem, weil Herr Schmidt mit seiner untersetzten Figur und den einfachen Kleidern dem schlanken, hoch aufgeschossenen und edel gekleideten Herrn Goetz auch in Sachen Sexappeal unterlegen scheint. Der Clou in Jordi Galcerans Stück ist aber, dass Herr Schmidt dem schnöseligen Kreditberater tatsächlich die fixe Idee vom angekündigten Seitensprung in den Kopf pflanzen kann. Und damit dessen wohlgeordnetes Leben aus den Angeln hebt. Was in der Theorie turbulent und witzig klingt, erweist sich jedoch in der Bühnenumsetzung selbst in knappen 80 Minuten Spielzeit als zäher Spaß. Das liegt allerdings weniger an Inszenierung und Spiel als am Text. Jordi Galceran hätte von realen Nöten und ökonomischen Abhängigkeiten erzählen können, stattdessen beschränkt er sich auf ein allgemeines Was-Wäre-Wenn-Gedankenspiel, in dessen Verlauf sich zwar die Machtverhältnisse umkehren, tatsächliche soziale Verwerfungen aber keine ernsthafte Rolle spielen. Deshalb fehlt es der Komödie an interessanten Reibungspunkten und Brechungen.

Ein konservativer Herrenwitz die Idee, dass Herr Schmidt mit seiner unmoralischen Phantasie, mit Frau Goetz zu schlafen, einen ohnehin schwelenden Ehekrach vollends eskaliert! Und wenn Herr Schmidt zur Beilegung des Konfliktes vorschlägt, er könne Frau Goetz zunächst gut behandeln, um sie dann fallen zu lassen wie eine heiße Kartoffel, damit sie das kleinere Übel, ihren Gatten, wählt, stellt sich die Frage, in welchem Jahrhundert der Autor Galceran seine Figuren verortet – so gestrig sind die banalen Schenkelklopfer. Ralf Stech und Andreas Klaue geben sich alle Mühe, die ollen Rollenklischees mit sympathisch harmlosem Witz zu erfüllen. Bei der Premiere gab es tosenden Beifall dafür.

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