Arezoo Shoaleh auf einer Kundgebung in Ludwigsburg im November 2022. Damals hatte sie schärfere Sanktionen der Europäischen Union gegen das Regime im Iran gefordert. Foto: Archiv (Simon Granville)
Mit einem Studentenvisum kam Arezoo Shoaleh aus dem Iran nach Deutschland. Die Situation in der einstigen Heimat belastet die 53-Jährige. Wir haben mit ihr gesprochen.
Sie ist eine Powerfrau. Stadträtin in Ludwigsburg, Geschäftsführerin des Vereins Frauen für Frauen, Sozialpädagogin, Dolmetscherin. Seit Jahren erhebt Arezoo Shoaleh ihre Stimme – auch für ihre entrechteten Landsleute.
Doch die Bilder und Nachrichten, die sie in diesen Tagen erreicht, machen es der 53-Jährigen schwer, sich auf die Arbeit und ihren Alltag hier in Deutschland zu fokussieren. „Ich fühle mich zerrissen. Es ist schwer, zu funktionieren“, erzählt Shoaleh am Donnerstagmittag. Vor allem, seitdem der Kontakt zur Familie und zu Freunden am Mittwoch abgebrochen ist.
Internet ist abgeschaltet
Mitten im Krieg wurde das Internet im Iran fast vollständig abgeschaltet. Die Einschränkung erfolge „aufgrund des Missbrauchs des nationalen Kommunikationsnetzes durch den feindlichen Aggressor für militärische Zwecke und zur Gefährdung von Leben und Eigentum unschuldiger Menschen“, zitiert die Nachrichtenagentur Mehr eine Mitteilung des iranischen Kommunikationsministeriums.
Für Shoaleh ist es extrem schwer, mit ihrer Familie in Kontakt zu bleiben. Doch der bewusste Blackout verschlechtere auch die allgemeine Informationslage, betont sie. „Viele Menschen erfahren nicht, was passiert, und können Warnungen vor Gefahren nicht rechtzeitig erhalten.“ Schließlich sei das Internet nicht nur ein Kommunikationsmittel, sondern ein Überlebensinstrument.
Aus einer Öleinrichtung im Süden Teherans, Iran, steigt Rauch auf, nachdem sie von einem Angriff getroffen wurde. Foto: Uncredited/AP/dpa
Als vergangenen Freitag sechs Köpfe des Verbrecherregimes umgebracht wurden, sei die Freude groß gewesen, erzählt Shoaleh. „Sie hatten sehr viele Demonstranten auf dem Gewissen und viele regimekritische Iraner haben große Hoffnungen in Israel gesetzt. Sie hofften, dass endlich etwas passiert und das Regime gestürzt wird.“
Menschen werden verhaftet und hingerichtet
Doch inzwischen nehme sie immer mehr Angst und Panik wahr. „Die Menschen im Iran leben seit 47 Jahren im Krieg – auch wenn es kein Krieg ist, der mit Bomben geführt wird. Menschen werden verhaftet für nichts, hingerichtet, Frauen in Gefängnissen vergewaltigt. Das hört nicht auf“, mahnt Shoaleh. Es herrsche Panik, aber auch Resignation. Menschen fühlten sich allein gelassen mit der Bedrohung. Es gebe Versorgungsengpässe. „Die Situation ist dramatisch.“
Am Freitag wollen sich die Außenminister aus Deutschland, Frankreich und Großbritannien mit dem iranischen Außenminister in Genf zusammensetzen, berichteten die Nachrichtenagenturen dpa und Reuters unter Berufung auf Insider. Ziel der Gespräche ist es den Berichten nach, den Iran zu einer Garantie zu bewegen, sein Atomprogramm tatsächlich nur für zivile Zwecke zu nutzen.
Mehr Angst vor dem Regime als vor dem Krieg
Die Ludwigsburgerin ist mehr als skeptisch. „Die größte Sorge vieler Iranerinnen und Iraner ist, dass Iran sich an den Verhandlungstisch setzt, der Krieg aufhört und alles bleibt, wie es ist, und das Regime weiterexistiert. Davor haben die Menschen mehr Angst als vor Krieg“, sagt sie. Mit dem Iran könne man nicht diplomatisch verhandeln, ist sie überzeugt.
Jeder militärische Angriff bringe Leid, Tod und Zerstörung mit sich. „Kriege sind nie eine Lösung“, betont die Kommunalpolitikerin. Denn es seien immer die Menschen, die die Konsequenzen tragen müssen. Nichtsdestotrotz verbinde sie, wie viele Menschen im Iran, mit der Androhung von US-Präsident Donald Trump, den Iran ebenfalls anzugreifen, die Hoffnung, dass das Ganze bald ein Ende habe und das Regime gestürzt werde. Ein Regime, das brutal und unberechenbar sei und nichts mehr zu verlieren habe. Das mache die Lage so gefährlich.
Situation voller Ungewissheit
„Ich bin keine außenpolitische Expertin, aber als Beobachterin mit tiefem Bezug zu diesem Land, sehe ich eine Situation voller Ungewissheit. Was jetzt gebraucht wird, ist Verantwortungsbewusstsein, weltweit und auf allen Seiten.“ Ein Verantwortungsbewusstsein, das das Regime nicht habe.