Der Kult um „Babylon Berlin“ Die schrecklich schönen 20er Jahre

Neulich im „Moka Efti“: Kriminalassistentin Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) Foto: dpa

Die erfolgreiche deutsche TV-Serie „Babylon Berlin“ kehrt zurück; auf Sky läuft jetzt die dritte Staffel. Warum ist das gewagte Projekt so schnell Kult geworden?

Kultur: Tim Schleider (schl)

Stuttgart - Kommissar Gereon Rath und seine hyperbegabte Assistentin Lotte Ritter sind wieder im Einsatz: „Babylon Berlin“ geht weiter, endlich! Seit diesem Wochenende sendet der Pay-TV-Sender „Sky“ eine frische dritte Staffel; im Herbst folgt die öffentlich-rechtliche ARD. Die Filme nach den Kriminalromanen von Volker Kutscher aus dem Berlin Ende der 1920er Jahre sind der große deutsche Serienerfolg jüngerer Zeit. Ein Millionenpublikum hat sich von den spannenden Mord- und Anschlagsgeschichten aus der Endphase der Weimarer Republik schon begeistern lassen; die Serie ist weltweit vermarktet und mit Preisen überhäuft. In der deutschen Hauptstadt gibt es längst einen „Babylon“-Tourismus: Besucher aus aller Welt lassen sich zu den Drehorten führen und feiern Partys im Stil des „Moka Efti“, des lustvoll-verruchten Serien-Nachtklubs. „Zu Asche, zu Staub", der durchaus Ekstase fördernde Serien-Titelsong von Severija, wurde zum Hit und in der Szene längst zum geflügelten Wort.

 

Was ist das Geheimnis dieses Erfolgs? Sicher, es liegt an der Serie selbst. Den drei Regisseuren Tom Tykwer, Achim von Borries und Hendrik Handloegten, die auch die Drehbücher verfasst haben, gelingt hier eine Qualität, eine Dichte, eine Spannung, eine Rhythmik, ein solches Maß an Überraschungen, wie es mit Verlaub die deutsche Filmproduktion so zuvor noch nicht gezeigt hat. Und so viel sei verraten: Gleich die ersten drei Intro-Minuten der neuen Staffel – sie spielen in der Berliner Börse – zaubern einen derartigen Bildersturm hervor, dass man als Zuschauer schlicht den Atem anhält.

Aber das Geheimnis des Erfolges geht natürlich tiefer: Es ist auch die Zeit der Handlung, die viele Menschen fasziniert; es sind die 1920er Jahre. In vielen deutschen Großstädten brach sich damals eine Moderne Bahn, die den meisten Menschen zwar nicht materielle Sicherheit oder gar Wohlstand brachte, die aber ein Lebensgefühl von Aufbruch, Experiment und Überschwang vermittelte. Die Zwanzigerjahre haben Kunst und Kultur eine geradezu fantastische Vielfalt beschert – und zumindest in Berlin und Hamburg ein Nachtleben, das in puncto Toleranz und Freizügigkeit wohl erst von den 1990er Jahren wieder erreicht wurde.

Die „Goldenen Zwanziger“ hatten auch eine Kehrseite, einen Abgrund

Aber die „Golden Twenties“ hatten eine Kehrseite, die ja in „Babylon Berlin“ auch sehr eindrucksvoll gezeigt wird – der große Tanz war ein Tanz auf dem Vulkan. Die neue Ordnung der Weimarer Republik, die all diese Freiheiten erst ermöglichte, war eine Demokratie mit viel zu wenigen Demokraten. Die noch jungen Instanzen des Staates wurden von Rechten wie von Linken in die Zange genommen; Justiz und Wirtschaft, Kirchen und Verbände waren geprägt von alten Kameraden. Auch ein Großteil der florierenden Kulturszene gefiel sich übrigens im Dünkel über den Parlamentarismus. Thomas Mann ist eine der wenigen und daher rühmenswerten Ausnahmen, der durch die Erfahrungen der Zwanzigerjahre zum engagierten Republikaner und SPD-Wahlhelfer wurde. Und so sehr die ganz Linken später, nach 1933 unter dem Nazi-Terror zu leiden hatten – vor 1933 haben sie kräftig am Grab der Weimarer Republik mitgeschaufelt.

Blenden wir diese Abgründe aus, wenn wir uns heute für die Zwanzigerjahre und deren Lebensgefühl begeistern? Oder spüren wir gerade in diesem Doppelgesicht eine gewisse Nähe zu unserer Zeit, unserer aktuellen Befindlichkeit? Wenn dem so wäre, darf man nur eines hoffen: Dass der Zuschauer sich nicht nur lustvoll dem Rausch von „Babylon Berlin“ hingibt. Sondern auch die Warnung begreift, die in diesem Stoff steckt. Auch dies ist den Schöpfern der Serie zu danken: Bei aller Spannung, sie haben eine Haltung. Es geht in aller Fülle stets um Maß und Vernunft. Wie geht es weiter? Wir sind gespannt.

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