Der langjährige Bosch-Chef wäre 100 geworden Nur wenig erinnert an den „Diener des Hauses Bosch“

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Hans L. Merkle hat zu den mächtigsten Männern der deutschen Wirtschaft gehört.

Einst  galt Hans L. Merkle als „Gottvater“. Foto: Achim Zweygarth
Einst galt Hans L. Merkle als „Gottvater“. Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart - Eigentlich, so hatte Hans L. Merkle einst einem Vertrauten gesagt, wollte er diesen Tag noch erleben: den 1. Januar 2013, seinen 100. Geburtstag. Aber diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Der gebürtige Pforzheimer, der jahrzehntelang den Elektro- und Elektronikkonzern Bosch dominiert hat und einer der einflussreichsten Manager in Deutschland war, starb am 22. September 2000. Nur gut zwölf Jahre später ist Merkles Bild verblasst. Auch das Unternehmen hält den Aufwand, mit dem an den großen Mann erinnert wird, in Grenzen. So lässt Bosch am Grab auf dem Pforzheimer Hauptfriedhof einen Kranz mit Schleife niederlegen. Zudem erhalten die Kinder einen Brief zur Würdigung seines „Wirkens in unserem Unternehmen. Seine Leistung und seine Persönlichkeit werden uns unvergessen bleiben“. Das war’s.

Die Zeit ist über Merkle hinweggegangen; Bosch hat sich emanzipiert von ihm, der das Unternehmen einst eisern im Griff hatte. Merkle war geprägt von einem spartanischen Arbeitsethos, gepaart mit einem Hang zu Pedanterie und Bürokratie. Stets umgab den hageren Mann eine Aura des Unnahbaren. Dass er auf seine Umgebung kühl und hart wirkte, wusste er, und bat dafür um Nachsicht – in der von ihm selbst entworfenen Rede für die eigene Trauerfeier. Es sei doch stets nur um die Sache gegangen, hieß es entschuldigend. Hart aber auch gegen sich selbst, mochte er noch nicht einmal an jenem Tag im Jahr 1990 einen Termin absagen, als seine Ehefrau Annemarie gerade gestorben war. Der Tod war für ihn Privatsache, zu trennen vom Geschäftlichen.

Was heute gestrig wirkt, war für Merkle ebenso wichtig wie selbstverständlich: seine Pflicht tun. So hat sich der Sohn eines Druckereibesitzers und Verlegers seine beeindruckende Machtfülle bei Bosch auf eigene Weise zurechtdefiniert: Führen hieß für ihn Dienen, und so hat er sich selbst als Diener „des Hauses Bosch“, wie es damals hieß, gesehen; folgerichtig erschien kurz nach seinem Tod eine Aufsatzsammlung unter dem Titel „Dienen und Führen“. Welches Amt dieser „Diener“ offiziell gerade innehatte, war eigentlich zweitrangig – ob nun Geschäftsführer, Aufsichtsratsvorsitzender, Gesellschafter der Besitzgesellschaft Treuhand-KG oder auch nur Ehrenvorsitzender. Der frühere US-Außenminister Henry Kissinger, der seit Langem mit dem Bosch-Konzern verbunden ist, hat Merkles Ausstrahlung bewundert; auch weil der Manager auf „Vorrechte aus der hierarchischen Ordnung“ (Kissinger) nie pochen musste. In wichtige Entscheidungen haben ihn die Nachfolger stets einbezogen – „um Rat gefragt“, wie es beschönigend hieß. Das galt auch nach 1993, als er keine offizielle Funktion mehr in dem Konzern hatte.

Er wird mit dem Unternehmen gleichgesetzt

Merkle kam 1958 als Geschäftsführer zu Bosch. Aus dem Vorleben des damals 45-Jährigen sind nur Bruchstücke bekannt. 1931 machte er nach dem Abitur eine kaufmännische Lehre im Betrieb des Vaters und ging 1935 zur Textilfabrik Ulrich Gminder in Reutlingen. Das Studium von Jura und Volkswirtschaftslehre, auf das bisweilen hingewiesen wird, beschränkte sich auf einen Gasthörerstatus an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Tübingen. Merkle stieg auf bei Gminder und blieb auch bei dem Unternehmen beschäftigt, als er parallel dazu von 1942 an in Berlin für die Reichsvereinigung Textilveredlung tätig wurde. Diese Organisation war in die Kriegswirtschaft eingebunden. Was genau Merkle dort gemacht hat, ist nicht bekannt; es geriet ihm auf jeden Fall nicht zum Nachteil: Nach Kriegsende stieg er bei Gminder weiter auf und wurde 1949 Geschäftsführer.

Bei Bosch war er zunächst für Beteiligungen zuständig und wurde dann 1963 der dritte Chef nach Robert Bosch und dessen Nachfolger Hans Walz. Als Merkle 1984 aus der operativen Führung ausschied, Platz für seinen Nachfolger Marcus Bierich machte (den er natürlich selbst von der Allianz geholt hatte) und in den Aufsichtsrat wechselte, da wurde Merkle fast mit dem Unternehmen Bosch gleichgesetzt. Spöttisch und ehrfurchtsvoll zugleich erhielt er den Beinamen „Gottvater“. Aufgrund eines eindrucksvollen Netzwerks, gesponnen über und mit Hilfe der Deutschen Bank, war Merkle auf dem Höhepunkt der Macht.

Als Merkle 1963 Bosch-Chef wurde, brachte es das Unternehmen auf gerade mal zwei Milliarden Mark Umsatz; als er 1984 die Geschäftsführung abgab, waren es gut 18 Milliarden Mark (2011: 51,5 Milliarden Euro). Das Ansehen des Konzerns wuchs in dieser Zeit beträchtlich. Der spätere Bosch-Chef und promovierte Ingenieur Hermann Scholl erinnert sich noch, wie sein Doktorvater an der Universität Stuttgart 1962 fast empört reagierte, als er erfuhr, dass Scholl zu Bosch gehen wollte: „Das ist doch wohl nicht ihr Ernst“, herrschte er den jungen Mann an. Bei Wissenschaftlern, so sagt Scholl, hatte Bosch keinen guten Ruf, weil die Konstrukteure angeblich von den Meistern in der Produktion dominiert wurden. Davon war später keine Rede mehr. Scholl erlebte ein „Unternehmen im Aufbruch“, das dann mit zahllosen Innovationen auf dem Gebiet der Motorelektronik aufhorchen ließ und mittlerweile der größte Autozulieferer der Welt ist.

Merkle hat unternehmerisch keine grundlegende Weichenstellung vorgenommen. Er hat Bosch vielmehr kontinuierlich fortentwickelt. Seine große Leistung besteht darin, Bosch eine stabile Eigentümerstruktur verschafft zu haben. Er überredete die Erben zum weitgehenden Verzicht, ohne sie zu verprellen. 92 Prozent der Anteile hält die gemeinnützige Robert-Bosch-Stiftung, deren Stimmrechte wiederum von der Treuhand-KG ausgeübt werden, die das eigentliche Machtzentrum bildet.