Der Mannheimer Künstler Rüdiger Krenkel Keine Kunst für Galerien

Reportage: Frank Buchmeier (buc)
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Das Bildhauerdasein ist prekär. Der Kunstmarkt wird von Wertsteigerungserwartungen bestimmt, und aus einem Krenkel wird vermutlich niemals ein Chillida, Serra oder Giacometti. Hinzu kommt, dass Rüdiger Krenkel zwar auch handliche Werke fertigt, diese den Betrachter aber längst nicht so magisch anziehen wie seine Großplastiken. Turmhohe Eisenobjekte lassen sich jedoch in keine Galerie pressen, also müssen Interessenten zu ihm kommen. Unglücklicherweise besitzt Krenkel keinerlei Selbstvermarktungstalent, selbst sein Internetauftritt ist völlig veraltet, die letzte Aktualisierung fand vor vier Jahren statt. Wenn man ihn fragt, wie solvente Kunstsammler auf seine Arbeit aufmerksam werden sollen, zuckt er zunächst mit den Schultern und erzählt dann, dass beim Museumstag immerhin 70 Kulturinteressierte in seinem Garten standen. Sie bestaunten den fünf Meter hohen „Himmelstrichter“ aus Rundstahl, den sechs Meter hohen „Fachwerkspross“ aus Betonrippenstahl oder das acht Meter hohe Windobjekt „Tropfenflügel auf Gittermast“. Gekauft hat niemand etwas, nicht einmal einen Anhänger am Lederband für acht Euro.

Rüdiger Krenkel macht trotz solcher Frusterlebnisse einfach weiter. Ein Künstler wie er kann nicht anders, als ständig Kunst zu schaffen. Seine neueste Arbeit hat er für eine temporäre Ausstellung geschaffen: „Kruste“ ist ein Stahlkörper, den er aus etwa tausend Tetraedern gebaut hat. Die Form modellierte er zunächst in einer Art Sandkasten und setzte darin dann sechs Wochen lang die Einzelteile wie bei einem Puzzle zusammen. „Diese Arbeit war für mich Meditation“, sagt er. Bis zum 15. November wölbt sich „Kruste“ nun im Skulpturenhof des Mannheimer Kunstvereins, dann versetzt Krenkel die filigrane Konstruktion in seinen Garten, wo sie neben all seinen anderen Schöpfungen auf einen Käufer warten wird.

Eigentlich braucht Rüdiger Krenkel nicht viel zum Glück. Das Fahrrad, mit dem er heute durch Mannheim kurvt, hat er einst als Jugendlicher in Stuttgart aus dem Sperrmüll gefischt. Es tut’s noch. Nach dem Studium lebte er jahrelang mit seiner Frau in einem Bauwagen mitten im Pfälzer Wald. Erst als der gemeinsame Sohn Anton zur Welt kam, kaufte sich das Paar in einem Dorf bei Kaiserslautern ein altes Schulhaus. Beruflich lief es für Krenkel zu dieser Zeit recht gut, privat erlitt er Schiffbruch. Die Ehe zerbrach, Anton kam zur Mutter.

Inspiration im Pumpenhaus

Rüdiger Krenkel wollte raus aus der pfälzischen Einöde, zurück in die Stadt, sich aber nicht zu weit von seinem Sohn entfernen. In Mainz, Wiesbaden und Frankfurt sind großzügige Ateliers unerschwinglich. Nach langer Suche fand er vor acht Jahren das Pumpenhaus in der Mannheimer Peripherie, auf der Friesenheimer Insel zwischen Rhein, Neckar und Bonadieshafen gelegen. Es ist ein inspirierender Ort: Die ausgedienten Maschinen mit ihren Rundungen, die stählerne Wendeltreppe hinauf zur Empore, die hölzernen Sprossenfenster – auch das ist Kunst. Im vorderen Teil des Gebäudes richtete sich Krenkel ein winziges Schlafzimmer ein, unter das Hochbett stellte er seinen Schreibtisch, daneben den Kleiderschrank. Hinten baute er sein Schweißgerät und die Ständerbohrmaschine auf. Dann legte er los.

Ohne handwerkliche Auftragsarbeiten würde Rüdiger Krenkel nicht über die Runden kommen. Zurzeit baut er einen korbartigen französischen Balkon für ein Jahrhundertwendehaus in der Neckarvorstadt. Der Job bringt Geld in seine Haushaltskasse, das er umso nötiger braucht, nachdem sein 15-jähriger Sohn beschlossen hat, lieber zu seinem flippigen Vater nach Mannheim zu ziehen, als sich weiterhin in der Pfalz zu langweilen. Weil Anton nicht auch noch in dem Atelier untergebracht werden konnte, hat Rüdiger Krenkel für seinen Sohn und sich die ehemalige Wohnung des Kläranlagenwächters im Vorderhaus renoviert. Dafür musste er seine Eltern in Stuttgart um eine kleine Finanzspritze bitten.

Vor dem Wohnhaus donnern Tag und Nacht Lastwagen über die schlaglochübersäte Diffenéstraße und lassen die Klinkersteinwände zittern. Nach hinten raus geht der Blick in den halb verwilderten Garten mit seinen rostigen Kunstwerken. Der Sturm hat ein bewegliches Teil von der Großplastik „Flügel“ abgerissen, es ist in einem der stillgelegten Klärbecken gelandet. Von oben betrachtet könnte man meinen, es wäre ein stählerner Engel abgestürzt. Diese Wahrnehmung gefällt Rüdiger Krenkel. Er mag Dinge, die sich bewegen und allmählich vergehen. So wird Eisen zu Poesie.

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