Rüdiger Krenkel erschafft in einem ehemaligen Klärwerk in Mannheim große Kunst. Besuch bei einem Bildhauer, der um Anerkennung kämpft.

Reportage: Frank Buchmeier (buc)

Mannheim - Rüdiger Krenkel hätte ein entspanntes Leben haben können, wenn er nach seiner Meisterprüfung den Betrieb eines Fellbacher Steinmetzes übernommen und Grabsteine hergestellt hätte. Sein Vater Gottfried, der mit einer Festanstellung bei Bosch die Familie Krenkel stets bestens ernähren konnte, riet ihm seinerzeit inständig dazu, diesen sicheren Berufsweg einzuschlagen: Handwerk habe bekanntermaßen goldenen Boden, und gestorben werde immer. Doch Rüdiger Krenkel bevorzugte das Risiko. Mit 27 verließ er seine Heimatstadt Stuttgart, um in Saarbrücken und Karlsruhe bildende Künste zu studieren.

Ein viertel Jahrhundert später wohnt und arbeitet der Bildhauer Rüdiger Krenkel in einem ehemaligen Pumpenhaus. Das Gebäude gehörte einst zu einer Kläranlage, heute ist es ein Denkmal Mannheimer Industriekultur. Inmitten der modernen Zweckarchitektur von BASF, Fuchs Petrolub und Daimler wirkt es mit seiner Backsteingotik geradezu malerisch. Der Garten rund um das alte Pumpenhaus sieht aus wie eine Mischung aus subtropischem Dschungel und englischem Park. Kröten, Eidechsen, Libellen kreuchen und fleuchen herum, und Krenkels riesige Plastiken bewegen sich mit den Bäumen im Wind. Drinnen, in dem kirchenähnlichen Raum, arbeitet der 52-jährige Künstler gerade an einer neuen Skizze, nebenher hört er Drum-and-Bass-Musik. Die Szene wirkt wie aus einem amerikanischen Spielfilm – fast zu cool, um echt zu sein.

Hinter dieser Kulisse, die keine ist, geht es weniger lässig zu. Das wahre Bildhauerleben sieht so aus: Acht Jahre lang kämpfte Krenkel darum, von der Stadt Mannheim einen unbefristeten Pachtvertrag für das Pumpenhaus zu bekommen, im Juli kam es endlich zu der Unterschrift. Freilich macht sich die Bürokratie nach wie vor bemerkbar, den Behörden ist seine künstlerische Freiheit noch immer nicht recht geheuer, weshalb sie seine Selbstbestimmung, trotz eines gewissen Wohlwollens, begrenzen. Zuletzt wurde Krenkel vorgeschrieben, eine Berufshaftpflichtversicherung abzuschließen, eine zusätzliche Aufwendung, die ihn, der mit jedem Euro kalkulieren muss, schmerzt.

Blühende Oase in der Industriewüste

Rüdiger Krenkel war mehrfach kurz davor, das eigenhändig liebevoll instand gesetzte Refugium aufzugeben. Im Winter ist es ohnehin kein Spaß, in dem völlig ungedämmten, mit einem Holzofen beheizten Gebäude zu arbeiten. Im Sommer stehen regelmäßig ungebetene Besucher vor dem Tor, die von der blühenden Oase inmitten der Industriewüste gehört haben und sich geschwind selbst ein Bild machen wollen. Am allerübelsten sind die Gäste, die sich gewaltsam Zutritt verschaffen: Zwei Mal wurde in das Atelier eingebrochen, zuletzt an einem Weihnachtstag. Die Täter haben nicht nur Krenkels Laptop gestohlen, sondern auch mit dem Schaum aus einem Feuerlöscher ihre Spuren verwischt. Schöne Bescherung.

Selbstverständlich freut sich Rüdiger Krenkel über jeden, der sich nach Terminvereinbarung ernsthaft mit seinem Werk auseinandersetzen will. Bei einem Rundgang über das verwunschene Gelände erläutert er die Phasen seines Schaffens: Im dichten Grün stehen figürliche Skulpturen, die er als junger Steinmetz in Stuttgart gehauen hat. Mit den Jahren wurde seine Formensprache abstrakter, und während des Studiums in Saarbrücken – seine Bildhauerklasse war in einem ehemaligen Werksgebäude der Völklinger Hütte untergebracht – entdeckte Krenkel schließlich den Stahl für sich. „Mich interessiert das Organische“, sagt er. Atome, Pflanzen, ja die ganze Galaxie dienen ihm als Vorbilder für seine Objekte, er ist stets auf der Suche nach einer – wie er es nennt – „heiligen Geometrie“.

Seine Plastiken wirken labil, sind jedoch äußerst stabil. Konstruktionstechnische Meisterwerke, die Assoziationen zu Leonardo da Vincis Flugmaschinen wecken. Manche scheinen tatsächlich zu schweben, obwohl dieser Eindruck eindeutig im Widerspruch zu dem schweren Material steht. Meist nagt der Rost an dem Eisen, ein sinnlicher Naturprozess: Die Korrosion lässt das Metall braun-rot-grün leuchten und färbt auf tastende Fingerspitzen ab. „Es ist mein Ziel, den Zerfall sichtbar zu machen“, sagt Rüdiger Krenkel.

Keine Kunst für Galerien

Das Bildhauerdasein ist prekär. Der Kunstmarkt wird von Wertsteigerungserwartungen bestimmt, und aus einem Krenkel wird vermutlich niemals ein Chillida, Serra oder Giacometti. Hinzu kommt, dass Rüdiger Krenkel zwar auch handliche Werke fertigt, diese den Betrachter aber längst nicht so magisch anziehen wie seine Großplastiken. Turmhohe Eisenobjekte lassen sich jedoch in keine Galerie pressen, also müssen Interessenten zu ihm kommen. Unglücklicherweise besitzt Krenkel keinerlei Selbstvermarktungstalent, selbst sein Internetauftritt ist völlig veraltet, die letzte Aktualisierung fand vor vier Jahren statt. Wenn man ihn fragt, wie solvente Kunstsammler auf seine Arbeit aufmerksam werden sollen, zuckt er zunächst mit den Schultern und erzählt dann, dass beim Museumstag immerhin 70 Kulturinteressierte in seinem Garten standen. Sie bestaunten den fünf Meter hohen „Himmelstrichter“ aus Rundstahl, den sechs Meter hohen „Fachwerkspross“ aus Betonrippenstahl oder das acht Meter hohe Windobjekt „Tropfenflügel auf Gittermast“. Gekauft hat niemand etwas, nicht einmal einen Anhänger am Lederband für acht Euro.

Rüdiger Krenkel macht trotz solcher Frusterlebnisse einfach weiter. Ein Künstler wie er kann nicht anders, als ständig Kunst zu schaffen. Seine neueste Arbeit hat er für eine temporäre Ausstellung geschaffen: „Kruste“ ist ein Stahlkörper, den er aus etwa tausend Tetraedern gebaut hat. Die Form modellierte er zunächst in einer Art Sandkasten und setzte darin dann sechs Wochen lang die Einzelteile wie bei einem Puzzle zusammen. „Diese Arbeit war für mich Meditation“, sagt er. Bis zum 15. November wölbt sich „Kruste“ nun im Skulpturenhof des Mannheimer Kunstvereins, dann versetzt Krenkel die filigrane Konstruktion in seinen Garten, wo sie neben all seinen anderen Schöpfungen auf einen Käufer warten wird.

Eigentlich braucht Rüdiger Krenkel nicht viel zum Glück. Das Fahrrad, mit dem er heute durch Mannheim kurvt, hat er einst als Jugendlicher in Stuttgart aus dem Sperrmüll gefischt. Es tut’s noch. Nach dem Studium lebte er jahrelang mit seiner Frau in einem Bauwagen mitten im Pfälzer Wald. Erst als der gemeinsame Sohn Anton zur Welt kam, kaufte sich das Paar in einem Dorf bei Kaiserslautern ein altes Schulhaus. Beruflich lief es für Krenkel zu dieser Zeit recht gut, privat erlitt er Schiffbruch. Die Ehe zerbrach, Anton kam zur Mutter.

Inspiration im Pumpenhaus

Rüdiger Krenkel wollte raus aus der pfälzischen Einöde, zurück in die Stadt, sich aber nicht zu weit von seinem Sohn entfernen. In Mainz, Wiesbaden und Frankfurt sind großzügige Ateliers unerschwinglich. Nach langer Suche fand er vor acht Jahren das Pumpenhaus in der Mannheimer Peripherie, auf der Friesenheimer Insel zwischen Rhein, Neckar und Bonadieshafen gelegen. Es ist ein inspirierender Ort: Die ausgedienten Maschinen mit ihren Rundungen, die stählerne Wendeltreppe hinauf zur Empore, die hölzernen Sprossenfenster – auch das ist Kunst. Im vorderen Teil des Gebäudes richtete sich Krenkel ein winziges Schlafzimmer ein, unter das Hochbett stellte er seinen Schreibtisch, daneben den Kleiderschrank. Hinten baute er sein Schweißgerät und die Ständerbohrmaschine auf. Dann legte er los.

Ohne handwerkliche Auftragsarbeiten würde Rüdiger Krenkel nicht über die Runden kommen. Zurzeit baut er einen korbartigen französischen Balkon für ein Jahrhundertwendehaus in der Neckarvorstadt. Der Job bringt Geld in seine Haushaltskasse, das er umso nötiger braucht, nachdem sein 15-jähriger Sohn beschlossen hat, lieber zu seinem flippigen Vater nach Mannheim zu ziehen, als sich weiterhin in der Pfalz zu langweilen. Weil Anton nicht auch noch in dem Atelier untergebracht werden konnte, hat Rüdiger Krenkel für seinen Sohn und sich die ehemalige Wohnung des Kläranlagenwächters im Vorderhaus renoviert. Dafür musste er seine Eltern in Stuttgart um eine kleine Finanzspritze bitten.

Vor dem Wohnhaus donnern Tag und Nacht Lastwagen über die schlaglochübersäte Diffenéstraße und lassen die Klinkersteinwände zittern. Nach hinten raus geht der Blick in den halb verwilderten Garten mit seinen rostigen Kunstwerken. Der Sturm hat ein bewegliches Teil von der Großplastik „Flügel“ abgerissen, es ist in einem der stillgelegten Klärbecken gelandet. Von oben betrachtet könnte man meinen, es wäre ein stählerner Engel abgestürzt. Diese Wahrnehmung gefällt Rüdiger Krenkel. Er mag Dinge, die sich bewegen und allmählich vergehen. So wird Eisen zu Poesie.

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