Ein Regal mit bekannten Produkten
Dort sticht als erstes das Regal ins Auge. Auf drei Metern Höhe stehen darin hübsch aufgereiht bekannte Produkte aus dem Supermarkt. Die neue Produktlinie „Organics“ von Teekanne zum Beispiel, die mit ihren verspielt-bunten Schachteln so ganz anders daherkommt, als klassische Sorten. „Es hat mich immer fasziniert, den Produkten eine Sprache zu geben“, sagt Roman Klis. „Egal wie bekannt sie sind, alle stehen nachher im gleichen Regal und haben wieder die gleiche Chance beim Konsumenten.“ Und genau in diesem entscheidenden Moment will er den Unterschied machen: Bei welchem Produkt greift der Kunde zu? Viel hängt da von der Verpackung ab: Farbe, Aufmachung, Tonalität, nicht zu vergessen: die Haptik des Materials.
Die Teekanne-Schachteln haben nicht die bekannte Hochglanz-Optik, sondern sind etwas rauer und aus umweltfreundlichem Material. Nachhaltigkeit sei der große Designtrend dieser Zeit, sagt Klis. Er muss es wissen. „In normalen Zeiten reise ich extrem viel, um im Gespräch mit meinen Kunden oder Experten Trends aufzuspüren“, sagt er. So komme es vor, dass er binnen eines Jahres den Planeten bis zu sieben Mal umrundet. „Wir kooperieren mit Unternehmensberatungen wie Ernst & Young, der Harvard-Universität oder dem deutschen Zukunftsinstitut“, sagt der Agenturchef. Immer gehe es darum, den kommenden Konsumentengeschmack zu antizipieren – und in den Supermarkt-Regalen dieser Welt dann möglichst genau zu treffen.
Unterschiedliche Designs
Denn viele von Klis’ Kunden – allen voran der weltgrößte Nahrungsmittelkonzern Nestlé – sind mit tausenden Untermarken auf dem gesamten Erdball vertreten. Unterschiedliche Kulturen verlangen aber ein unterschiedliches Marketing und demnach auch ein unterschiedliches Produktdesign. Dieses Problem erkannt und gelöst zu haben, war einst Klis’ Eintrittskarte bei dem Schweizer Konzern. Obwohl es zuerst gar nicht danach aussah.
Der Schlüsselmoment 1997
Als junger Designer erhält er 1997 die Möglichkeit, an einem sogenannten Pitch für Nescafé teilzunehmen, wie Werber den Wettbewerb um einen Etat nennen. Roman Klis: „Ein Schlüsselmoment in meinem Leben.“ Damals ist er erst Mitte 20 und hat kaum Erfahrung in der Branche. Er tritt in Paris gegen die beiden Großagenturen Publicis und McCann Erickson an. „Das war in einem Flughafen-Hotel und mein Flieger hatte Verspätung“, erinnert er sich und wirkt dabei noch immer nervös. Es ging darum, verschiedene Nescafé-Produktlinien weltweit an den Mann zu bringen. Dafür brauchte es ein Konzept. Tage und Wochen hatte Klis passende Produktdesigns für die verschiedenen Marktregionen ausgetüftelt und sich die Nächte in der Agentur um die Ohren geschlagen. Alles für diesen Moment.
Als er fertig ist mit dem Aufbau seiner Kreationen und anfangen will zu präsentieren, klatscht der leitende Nescafé-Manager in die Hände und sagt trocken: „Okay, danke, Sie können gehen.“ Klis ist fassungslos, fürchtet, es vermasselt zu haben. Er wird gebeten, draußen zu warten. „Die nächsten 45 Minuten waren die längsten in meinem Leben“, sagt er und schüttelt den Kopf. Als die Tür endlich aufspringt, kann er jubeln: „Sie haben gewonnen, Sie haben gewonnen!“ Der weltweite Etat für die Markteinführung einer ganzen Nescafé-Linie wandert an seine damals noch winzige Agentur. Es war der Durchbruch. „Der Nescafé-Chef hat schon beim Aufbauen begriffen, dass ich die Nuss geknackt hatte“, erinnert sich Klis.
Bei Nestlé einen Fuß in der Tür
Nachdem er bei Nestlé einen Fuß in der Tür hatte, wächst und wächst die Firma. Mittlerweile betreut er zig Marken des Konzerns. Klis scheint mit seinen Designs einen Schlüssel zum Konsumenten zu finden, der besser passt, als manch anderer. Für die Konzerne ein enorm wichtiger Schlüssel – entscheidet er doch über Erfolg oder Misserfolg. Woher hat er das?
„Die eine Hälfte meiner Familie war immer unternehmerisch, die andere künstlerisch veranlagt“, sagt der 49-Jährige, der zwar in München geboren, aber in Öschelbronn aufgewachsen ist. Seine Mutter ist Künstlerin, malt in Öl oder auf Glas. Sein Vater war – und da schließt sich ein Kreis – lange Jahre Manager bei Nestlé, verantwortete dort die Marke Thomy und arbeitete später als Berater für Pepsi.
Als Kind wollte er Modedesigner werden
Auch seine Großmutter hatte eine kreative Ader: Sie gestaltete Dessous. „Als ich noch klein war, wollte ich Modedesigner werden“, sagt Klis. Seine Entwürfe lässt er bei der örtlichen Schneiderin zusammennähen und trägt sie selbst. Darunter eine pinke Shorts in Kombination mit einer Lederweste, was für Öschelbronner Verhältnisse damals eher ausgefallen war. Klis: „Doch das habe ich dann wieder sein lassen. Nach der Schule wollte ich unbedingt Industriedesigner werden.“
Vorbild Hartmut Esslinger
Sein erstes Vorbild ist der berühmte Designer Hartmut Esslinger aus Altensteig im Schwarzwald. Esslinger war schon damals eine Größe in der Design-Szene, arbeitete in den Anfangsjahren von Apple kongenial mit dessen visionärem Gründer Steve Jobs zusammen und verhalf vielen Marken zum Erfolg, darunter Wega, Villeroy & Boch, Junghans. „Ich hatte die Möglichkeit, Hartmut Esslinger meine Mappe zu zeigen“, sagt Klis. „Er sagte: ‚Roman, Du bist ein grottenschlechter Industriedesigner, aber Du hast ein großes grafisches Talent.’“ Obwohl seine Stärken offenkundig im Zweidimensionalen liegen, hält er am Industriedesign fest, in dem aber vor allem Dreidimensionalität gefragt ist. „Es war für mich eine Traumwelt“, sagt er. Klis bekommt dennoch ein Stipendium für Industriedesign und studiert das Fach im Art Center College of Design in Montreux in der Schweiz.
„Einer meiner Ikonen war Murat Günak, der damalige Leiter des Exterieur Designs bei Mercedes-Benz und spätere Leiter der Designabteilung bei Volkswagen.“ Klis nimmt Kontakt zu Günak auf und zeigt ihm ebenfalls seine Mappe. Sein Urteil fällt ähnlich aus wie das Esslingers: Er sei ein miserabler Autodesigner, aber ein begnadeter Grafiker. Trotzdem unterrichtet Günak ihn ein Jahr lang in seinem Haus in Ehningen. Zwischen den beiden entwickelt sich eine enge Freundschaft: Günak wurde der Taufpate von Klis’ Sohn.
Schmuckes Domizil in Herrenberg
Im Jahr 2004 bezog die Agentur ihr heutiges Domizil in der Kalkofenstraße in Herrenberg. Ein formschönes Bürogebäude mit viel Glas, das Klis Atlantis getauft hat. Für einige Jahre war auch sein ehemaliger Mentor Hartmut Esslinger mit Frog Design dort eingemietet. „Hartmut hatte sogar einen Flügel dort stehen“, erinnert sich Klis an den einstigen Büronachbarn.
In der Branche sieht er sich nicht mehr nur im Wettbewerb mit deutschen Häusern, sondern vor allem mit großen internationalen Agenturen aus London, Paris oder New York. Das gilt auch für den Kampf um die größten Talente. Doch wie kann man diese nach Herrenberg locken? Und am Arbeitsplatz darin unterstützen, in einen Flow zu kommen, also in einen Zustand besonderer Produktivität? Klar, dass eine Designagentur sich auch beim Design ihrer Räume keine Blöße gibt.
Das Büro als Wohlfühloase
Aufenthalte auf den Malediven haben bleibenden Eindruck auf Klis hinterlassen: „Die Malediven sind ein Ort, an dem sich Menschen einfach nur wohlfühlen. An dem Traumziel von vielen ist es besonders einfach, in einen Zustand innerer Balance zu kommen. Dazu trägt neben dem angenehmen Klima auch die vielfältige Pflanzenwelt bei.“ In Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro Ippolito Fleitz und Porsche Consulting wollte er diesen Gefühlszustand in seine Büros übertragen. Den Kreativen, die eher zu Großstädten tendieren, will er so eine Besonderheit bieten am Rand des Schwarzwalds.
Klis: „Die Büros sind nicht nur schön anzuschauen, sondern alles hat eine Funktion. Die Produktivität hat zugenommen und die Krankheitsrate ist um 50 Prozent gesunken.“ So tragen zum Beispiel die 3000 Pflanzen zu einer hohen Luftfeuchtigkeit bei, senken den Stress, fördern die Kreativität und steigern die Leistung. Die Größe und Anordnung der Arbeitsplätze sei auf Erkenntnisse aus der Verhaltensforschung und Wünschen der Mitarbeiter abgestimmt.
Mit dem Fahrrad zur Arbeit
Über die eigenen Mitarbeiter hinaus hat die besondere Innenarchitektur Anerkennung von der Fachwelt erhalten in Form von drei namhaften Auszeichnungen, unter anderem den siebten Platz bei „The Top 25 Most Popular Offices of 2020”, den ihm ein namhaftes Magazin jüngst verlieh. Damit steht Klis noch vor Bürogebäuden von IT-Größen wie Youtube, Microsoft, Accenture oder Twitter. Im Übrigen handele es sich bei der Auszeichnung um eine, auf die man sich gar nicht bewerben kann.
Bleibt bei so viel Arbeit überhaupt noch Zeit für Privates? Als Vater von drei Kindern treibt Klis viel Sport. Von seinem Privathaus auf dem Herrenberger Schlossberg läuft oder radelt er täglich ins Büro – für ihn genauso ein Beitrag zum Klimaschutz wie das Elektroauto in seiner Garage. Wohin will einer wie Roman Klis noch, der schon so viel erreicht hat?
In dem imposanten Regal im Konferenzraum steht auch eine Sonderedition von Colaflaschen, aufwendig illustriert wie kleine Pop-Art-Kunstwerke. Sind die von ihm? „Leider nicht“, gesteht er ein. Das ist sein Traum: „Einmal eine Design-Ikone wie die Colaflasche zu erschaffen, die Generationen überdauert.“ Das hätte tatsächlich was: Ein weltbekanntes Design-Objekt – made in Herrenberg.