Der Mode-Professor Stockhammer Tiefe Taillen, scharfe Schnitte

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Er hat Diane Kruger, Claudia Schiffer und Iman angezogen. Später verhalf er als Chefdesigner der Traditionsmarke Etienne Aigner zu neuem Chic. Jetzt ist der Oberbayer Johann Stockhammer Modeprofessor in Pforzheim.

Vom Catwalk in die Seminarräume der Hochschule: „Wir sind immer in Bewegung, deshalb machen wir Mode“, sagt  Johann Stockhammer Foto: Andreas Reiner
Vom Catwalk in die Seminarräume der Hochschule: „Wir sind immer in Bewegung, deshalb machen wir Mode“, sagt Johann Stockhammer Foto: Andreas Reiner

Pforzheim - Manchmal, wenn ich so in einem Straßencafé sitze und die Leute anschaue, frage ich mich: Verdammt noch mal, das ist doch nur ein Anzug, warum sieht der so cool und heutig aus? Es ist sehr, sehr viel Arbeit, Sie müssen sich das immer bewusst machen. Es ist die Schnittführung: Wo genau sitzt die Taille? Ist die Schulter leicht aufgesetzt, gerade oder fast schon hängend?“

Johann Stockhammer, 54, trägt einen locker fallenden dunkelblauen Maßanzug, Viskosequalität mit leichtem Elasthananteil, und weiße Füßlinge in weiß-grünen Adidas-Turnschuhen. „Sie müssen sich immer fragen: Wie baue ich die Silhouette? Will sich da einer weich bewegen oder ist ihm Bequemlichkeit völlig wurst, solange er nur scharf aussieht?“ Seine Stimme klingt freundlich, die Jahre als internationaler Topdesigner haben seinen oberbayrischen Akzent kaum abgeschliffen. „Yves Saint Laurent sagte sich irgendwann: besser geht es nicht, ich ändere den Schnitt jetzt nie mehr. Damit hatte er aber nicht ganz recht. Denn wir sind immer in Bewegung. Deswegen machen wir Mode.“

Der Professor steht vor Pforzheimer Modedesign-Studenten im dritten Semester. 15 Frauen und ein Mann. Sie präsentieren ihre Ideen für eine Kollektion und machen eigentlich alle einen recht normalen Eindruck – „obwohl die Technikstudenten hier im Haus immer ein bisschen Angst vor uns haben“, sagt Johann Sockhammer.

Eine Studentin hat das Foto einer gepflückten Kleeblüte in einer Holzvase gewählt, um das innere Wesen ihrer Kollektion zu beschreiben. Ganz schlicht, aber ästhetisch ausbalanciert, so soll auch der Look sein. Wer kauft das dann? Sie hat einen starken Kerl vom Land im Sinn, einen, der der sich in seine Umgebung immer neu verlieben will, der Wind und Wetter trotzt, einen freien Mann, der aus dem Herzen heraus lebt und durch seine innere Reinheit außergewöhnlich wirkt.

Heu und Stahlwolle

Die Materialien: eine junge Frau möchte mit Heu arbeiten – „nur bröselt das wahrscheinlich schnell“, sagt Stockhammer. Bei mit Stoff umnähter Noppenfolie besteht die Gefahr, dass man sich das Kleid kaputt knipst – weil es immer so schön knallt. Die Idee mit Schlitzen in einer Lammwolldecke für das Winterbeet gefällt Stockhammer. Akopads-Stahlwolle findet er auch cool – „könnte aber kratzig werden“. Mit einer Strickwickeljacke ist es so eine Sache: „Sie funktioniert hier nicht, für Deutsche ist das zu anstrengend mit der Wickelei.“

Schon als Zehnjähriger will Stockhammer Schneider werden. Er wächst auf in einem Sechs-Häuser-Dorf im Chiemgau, die Mutter Hutmacherin, der Vater Schuster, Johann ein Modefreak. Als 14-Jähriger fährt er mit dem Zug nach Freilassing, um sich am Bahnhof das „Collezioni“-Magazin zu kaufen. Da sind die Trends aus Mailand, Paris, London drin. „Früher musste man ja Monate warten, bis man endlich die Bilder von den Fashionshows sehen konnte.“

Er wird groß mit der 70er und 80er-Mode. Frauen tragen bodenlange Kleider, Faltenröcke, Hemdblusen: transparent, mit Volants oder Stehkrägelchen. Häkelmode schafft es auf die internationalen Laufstege, Stockhammer verbreitet seinen Chic in Fridolfing-Eberding und Umgebung. Marken wie Ufo und Man kann er sich nicht leisten, da schneidert er sich eben eine grüne Rundhose, die von Ufo sein könnte: „unten weit ausgestellt, oben ganz eng mit winzigen Taschen, damit ja nichts aufträgt“.

Die Discozeit: Leggings, Stulpen, Catsuits aus grellem Lurex, schöne, bunte Pullunder für den Mann, schmale Lederkrawatten, Karottenjeans und Bommelslipper. Stockhammer hat jetzt eine Dauerwelle. Neben der Schule kreiert er Jeansmützen für seine Kumpel, arbeitet mit Schulterpolstern, fertigt Batikshirts und Neon-Tops für Klassenkameradinnen. Oder warum nicht mal einen Hosenanzug in senfgelbem Cord? „Gürtel von Aigner waren ein Must-have“, sagt Johann Stockhammer. Seine selbst gemachten sehen genauso aus.