Der Modefotograf Dirk Seiden Schwan Ein Schwabe hat Models vor der Linse

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Der schwäbische Fotograf Dirk Seiden Schwan hat sich in der europäischen Modemetropole Paris etabliert. Zu Besuch bei einem Shooting mit zwei Models.

Dirk Seiden Schwan beim Shooting mit dem Model Suzie Bird Foto: Roxana Boluarte de Veiel 11 Bilder
Dirk Seiden Schwan beim Shooting mit dem Model Suzie Bird Foto: Roxana Boluarte de Veiel

Paris - Das also ist sein Reich. Zu den wenigen Pariser Fotografen zählt er, die Modehäusern ein eigenes Atelier bieten können. Nun gut, es ist noch nicht ganz fertig. Der Blick fällt auf Holzbalken, weiße Wände, Kupferrohre, Kabelstränge. Das Wichtigste, viel Raum und viel Licht, ist aber da. Das Studio ­erfüllt schon seinen Zweck.

Dirk Seiden Schwan hat das Leben vom bei Herrenberg gelegenen Affstätt nach Paris geführt. An diesem Morgen heißt seine Kundin Laurence Mahéo, Modeschöpferin des Hauses La Prestic Ouiston. Sie schreitet ihre Kreationen ab. Derweil denkt die Stylistin Elissa Castelbou laut über den Bildhintergrund nach – ganz weiß oder doch besser sandfarben? – und die beiden Models stolzieren Gazellen gleich umher. Im Wechsel haben sich die dunkelblonde Suzie Bird und die aus dem westafrikanischen Guinea-Bissau stammende Esther Gomis überzustreifen, was Mahéo mitgebracht hat. Der Herbst-/Winterkatalog des Mode­hauses muss erstellt werden.

Seiden Schwan greift zur Kamera, nimmt Bird ins Visier. Ein stetes Klicken signalisiert: Er fotografiert sie. Der 47-Jährige scheint sie zugleich zu umgarnen, zu umtanzen. Er verlagert das Gewicht vom linken aufs rechte Bein. Er geht in die Hocke. Er erhebt sich, wenn auch nur wenig, nähert sich in dieser gleichermaßen unnatürlichen wie kräftezehrender Haltung dem Model. Er richtet sich auf, stellt sich auf die Zehenspitzen, löst den Blick vom Sucher, blinzelt über die Kamera hinweg, weicht in Staccato-Schritten zurück. Blass wirkt Seiden Schwan. Die Dreitagebartstoppeln scheinen nachgedunkelt. Längst hat er den Pullover ausgezogen. Sportschuhe, T-Shirt, weite Hose trägt er nur noch, Arbeitskleidung eben in einem ­Metier, das sportlichen Einsatz verlangt.

Ein schier endloser Hürdenlauf

Unaufgefordert versucht sich Bird an immer neuen Winkelkombinationen von Kopf, Rumpf und Gliedmaßen. Rechter Fuß schräg vorne, Kopf gerade, rechter Arm 60 Grad vor dem Bauch. Augenblicke später stehen die Füße in einer Reihe, baumeln die Arme herab, scheint die Mademoiselle zum Schulmädchen mutiert. Ein glockenblumenförmiges Kleid aus hauchdünnem Stoff trägt sie, das im nächsten Winter Sommerträume wecken dürfte.

Der Fotograf setzt die Kamera ab, schreitet mit der Stylistin zur Qualitätskontrolle. Vor einem über Kabel mit der Kamera verbunden Laptop-Bildschirm stehen die beiden nun. Foto für Foto fällt Castelbou, ihr Urteil. „Nicht übel“, sagt sie und dann: „Nein, das geht überhaupt nicht, das Kleid hat in der Taille enger anzuliegen.“ Die Stylistin sucht eine Wäscheklammer, die den Stoff auf dem Rücken des Models zusammenziehen soll.

Seiden Schwan ist Hindernisse gewohnt. Bevor er im Pariser Modezirkus seinen Platz finden sollte, hatte er einen schier endlosen Hürdenlauf zu absolvieren. Ein Jahrzehnt lang durfte er nicht einmal auf den Auslöser drücken. Mit Handreichungen hatte er sich zu ­begnügen, den ihn ausbildenden Fotografen Lampen, Reflektoren und Stativ aufzustellen. So bitter ihn das ankam, versüßt wurde es ihm dadurch, dass er Altvorderen über die Schultern schauen, sich Wichtiges abgucken konnte.

Wasserhähne statt Models

Altensteig, Hannover, Leonberg und Stuttgart waren Stationen auf dem Weg nach Paris. Anstatt Models lichteten Seiden Schwans Ausbilder Wasserhähne, Stereoanlagen oder Autos ab, was insofern passte, weil er nach dem Gymnasium eine technische Ausbildung absolviert und sich zunächst in der Softwarebranche verdingt hatte.

In Stuttgart riskierte er den Schritt in die Selbstständigkeit. Als freier Assistent bot er Fotografen seine Dienste an. Bis er dann, 26 Jahre alt, aufs Ganze ging. Im August 1995 war es, in den Sommerferien: Seiden Schwan suchte Telefonnummern Pariser Modefotografen heraus, empfahl sich als Gehilfe. „Aus reiner Neugier, ich wollte wissen, wie das ist, in der Stadt der Mode zu fotografieren.“

Es war anders als alles, was er zuvor erfahren hatte. Wesentlich professioneller ging es in Paris zu und dies in äußerst entspannter, ja fröhlicher Atmosphäre. Als im November 95 in Stuttgart das Telefon klingelte und einer der Pariser Fotografen fragte, ob Seiden Schwan ihm assistieren wolle, musste der Angerufene nicht lange überlegen.