Der Schnapsbrenner Keller hört auf Nach ihm die Ginflut
Christoph Keller ist Deutschlands erfolgreichster Schnapsbrenner. Auf dem Höhepunkt seines Erfolges hört er auf. Doch was heckt der kreative Geist als nächstes aus?
Christoph Keller ist Deutschlands erfolgreichster Schnapsbrenner. Auf dem Höhepunkt seines Erfolges hört er auf. Doch was heckt der kreative Geist als nächstes aus?
Eigeltingen - Wie gut das duftet. Ein letztes Mal hat Christoph Keller in seiner Stählemühle in der Nähe des Bodensees eine Maische angesetzt. Für die Stuttgarter Zeitung will Keller ein allerletztes Mal brennen. Deutschlands höchstdekorierter Schnapsbrenner hört auf. Bis Ende nächsten Jahres will er die Schätze in seinem Lager verkauft haben. Dann wird er sein Gewerbe abmelden und etwas anderes machen. Was genau? Keine Ahnung.
Ist Christoph Keller vielleicht von allen guten Geistern verlassen?
Dieser Satz hätte als Überschrift auch ganz gut funktioniert. „Ausgebrannt!“ dagegen nicht, würde es doch die Assoziation wecken, dass hier einer fix und alle ist, überrollt vom Erfolg, ausgelaugt vom Ginmärchen und dem darauf folgenden Aufstieg zum Superdestillateur, zum Alchemisten mit den goldenen Brennhänden.
Dem ist aber nicht so. An einem der letzten schönen Herbsttage strahlt Keller die Ruhe eines Mannes aus, der genau weiß, was er will. Selbst eine Baustelle am Tor seiner Stählemühle nimmt er gelassen hin. „Die verlegen hier Glasfaserkabel“, sagt Keller. Das ist Deutschland im Jahr 2017: Irgendwo verlegt immer einer Glasfaser.
Während die Digitalisierung weiter voranschreitet, gibt es seit einigen Jahren eine Gegenbewegung, eine Abkehr von der Hektik, eine Hinwendung zur handwerklich hergestellten Entschleunigung in Produktform, ein Trend, den Keller im Bereich der Destillate mit zu verantworten hat.
Zu seinen Fans und Stammkunden gehören Popstars genauso wie Fernsehköche. Johann Lafer verneigte sich kürzlich in einer Liebeserklärung vor dem Blutorangendestillat der Stählemühle. Ministerpräsident Winfried Kretschmann fühlt sich nicht nur dem Geiste seiner Hausheiligen Hannah Arendt verpflichtet, er schätzt auch die Geister, die Keller produziert. „Deswegen befindet sich ein Digestif der Stählemühle inzwischen auch in der Auswahl der offiziellen Geschenke des Staatsministeriums zu feierlichen Anlässen“, erklärt ein Sprecher auf StZ-Nachfrage.
Wie kann man bei einer solchen Anhängerschaft aufhören? Keller ist Wiederholungstäter, was das Schlussmachen angeht. Schon einmal hat er ein Kapitel beendet, als es blendend lief. Vor seiner Schnapskarriere verantwortete Keller in einer One-Man-Show den Verlag „Revolver – Archiv für aktuelle Kunst“, in dem er zwischen 1998 und 2005 rund 500 Titel verlegte. „Zu der Situation gibt es Parallelen. Die Routine liegt mir nicht. Dazu kommen damals wie heute private Gründe. Ich habe den Verlag verkauft, um mehr Zeit für die Kinder zu haben. Bald sind aber beide aus dem Haus. Dann soll vor allem meine Frau wieder berufliche Erfüllung finden und sich nicht mehr um Buchhaltung oder Logistik kümmern müssen“, sagt Keller.
Der Aufstieg zum hochprozentigen Familienunternehmen war nie geplant. Nachdem Keller seinen Verlag abgegeben hatte, wollte er mit der Familie in die Natur ziehen und kam über eine Zeitungsanzeige zur Stählemühle. Der Rest der Geschichte hat mittlerweile Legendenstatus: An die Mühle war ein Brennrecht gebunden. Als der Zoll bei Keller klingelte, dachte der, es ginge um das Verbrennen von Holz. Schließlich ließ er sich vom Vorbesitzer ins Schnapsbrennen einführen und verfeinerte sein Handwerk auf derart schnelle Art, dass Alexander Stein, Sproß einer Familie, die unter anderem den Magenbitter „Fernet Branca“ in Lizenz produzierte, auf ihn aufmerksam wurde. Gemeinsam erfanden die beiden den Gin Monkey 47 und lösten damit eine beispiellose Gineuphorie aus, die schließlich darin gipfelte, dass 2016 Monkey-Anteile an den französischen Alkoholkonzern Pernod Ricard verkauft wurden und der Gin aus Baden-Württemberg damit zur Weltmarke aufstieg.
Die Monkey-47-Geschichte hat Keller schon so oft erzählt, dass er sie selber nicht mehr hören kann. „Das war ein Märchen, wie es vielleicht alle 30 Jahre vorkommt.“ Stattdessen erzählt er lieber von seiner Motivation, nun aufzuhören. „Wir wollten das Bewusstsein für Handwerk und Kultur schärfen. In einem Kirschwasser für sieben Euro ist keine Kirsche drin. Zu einer Bewusstseinsbildung ist es aber nicht gekommen. Stattdessen sind 2000 neue Ginmarken entstanden, bei denen Enthusiasmus mit Kompetenz verwechselt wird.“ Und das Ende der Tirade: „Alle, die früher ein Weingut gekauft haben, kaufen heute eine Brennerei. Das ist aber eine Scheißarbeit.“
Aha, ertappt. Da wird einer also doch wehmütig, weil er aufhört? „Nein. Wir haben 700 Rohstoffe gebrannt. Eine Rezeptur zu entwickeln ist spannend, immer das Gleiche zu machen, langweilt dagegen.“ Während des Interviews rasen auf einmal zwei Radfahrer aufs Grundstück, so richtig schön fröhlich, und fragen nach dem berühmten Schnapsbrenner. „Das sind doch Sie, oder?“, sagt der Jüngere von beiden. „Wir würden gerne Ihren Betrieb besichtigen, etwas probieren und dann etwas kaufen.“ Keller lächelt gequält und verweist die Besucher auf seinen Shop im Internet. „Unsere Mühle ist nicht auf Publikumsverkehr ausgerichtet, wir leben hier“, sagt er, und als die Radfahrer verschwunden sind: „Das war noch harmlos. Es gab Zeiten, da standen sonntags Busse vor der Einfahrt und wollten rein.“
Keller führt über seinen Hof, vorbei an Schafen, Ziegen, Lamas. Auf einmal kracht es an einer Fensterscheibe der Büroräume. Keller lässt das Geräusch keine Ruhe. Er entdeckt einen jungen Star, der gegen das Glas geflogen ist, und nimmt das Tier in seine Hände. „Dich päppeln wir wieder auf“, sagt er, und zeigt die Gärtanks, den Sortiertisch, wo das Obst bisher gereinigt wurde, nun auch dem tierischen Besucher. „Am 31. Dezember 2018 ist Schluss, danach werden wir nur noch hobbymäßig unser eigenes Obst brennen, um es an Freunde zu verschenken. Am meisten freue ich mich darauf, unsere Facebook-Seite abzumelden.“
Ein kleiner Teil des Spirits der Stählemühle lebt dennoch weiter. Passend zu Kellers märchenhafter Geschichte allerdings in Japan. „Irgendwann hat sich ein Japanerle bei uns gemeldet, der sehr interessiert am Brennen war. Hiroshi Eguchi und ich hatten einen netten Austausch per Mail. Eines Tages stand er plötzlich mit seiner Frau bei uns vor der Haustüre, das Kind hatten sie in Eigeltingen schon im Kindergarten angemeldet. Er wollte das Brennen ernsthaft lernen. Da habe ich ihn eben als Lehrling angestellt.“
Keller erzählt kurzweilige Anekdoten, wie der japanische Azubi versucht, sämtliche Fachbegriffe mit dem Google Translator zu lernen. Scheinbar hat das einigermaßen funktioniert. Der Ex-Lehrling sammelte über eine Crowdfunding-Plattform während weniger Tage über 100 000 Euro ein und hat mittlerweile südlich von Tokio ein ehemaliges botanisches Institut angemietet, um Japans erste Obst- und Kräuterbrennerei an den Start zu bringen. Reizt es Keller angesichts einer solchen Geschichte nicht doch, an anderer Stelle mit dem Schnaps weiterzumachen? Spannende Angebote in diesem Bereich bekommt er zu Genüge. Eine amerikanische Milliardärin hat ihn zum Beispiel gefragt, ob er für sie nicht in Neufundland eine Brennerei aufbauen könnte. „Nachdem sich die An- und Abreise von dort als etwas schwierig herausgestellt hat, habe ich dankend abgelehnt“, sagt Keller.
Mit dem Schnapskapitel hat er also wirklich abgeschlossen. Was aber kommt danach? Seine Frau hat schon jetzt Respekt vor der nächsten Idee, die Keller wieder exzessiv betreiben wird. „Ehrlich gesagt habe ich noch keinen Schimmer“, sagt Keller, ehe er den Gast wieder aus seinem Paradies vertreibt. „Wobei, eine Sache würde mich wirklich reizen: Einen schönen Rollator zu designen. Da gibt es bisher nichts Schönes am Markt, die Zielgruppe wird aber immer größer und hat mittlerweile auch ein besseres Gespür für gute Gestaltung.“ Nach dem Kunstbuchverlag und der Schnapsidee strebt Keller also die Rollatorrevolution an? Diesem perfektionistischen Autodidakten ist auch das zuzutrauen.