Der Mordfall Anna B. Das letzte Gebet

Von Kerstin Rech 

Dann gibt es endlich das versprochene Pistazieneis. Elisabeth bereitet in zwei Schälchen eine Portion für Anna und eine Portion für sich. Im Kühlschrank steht noch eine angebrochene Flasche Schokoladensoße, von der Anna gerne etwas auf ihr Eis haben möchte und von Elisabeth auch bekommt. Der Tante ist die Schokoladensoße zu süß, sie verzichtet darauf und isst nur von dem Eis. Anna schmeckt es ausgesprochen gut, deshalb bekommt sie noch mehr Eis und noch mehr Schokosoße. Gegen 21 Uhr geht Anna zu Bett. Elisabeth bleibt noch bei ihr sitzen und hört zu, wie sie in ihrem Nachtgebet für den schönen Tag dankt und um Schutz für ihre Lieben und sich bittet. Es ist ihr letztes Gebet.

Als Annas Eltern nach Hause kommen, bestellen sich die drei Erwachsenen Pizza bei einem Lieferservice. Sie trinken Wein und essen Pizza, als Anna ungefähr um 22 Uhr nach ihrem Vater ruft. Sie muss sich übergeben, und es ist ihr furchtbar schlecht. Sie bittet ihre Eltern, nicht auf Tante Elisabeth böse zu sein, weil sie ihr so viel Eis und Schokoladensoße gegeben hat. Anna darf ausnahmsweise noch bei den Erwachsenen bleiben. Sie sitzt auf dem Schoß ihrer Mutter. Zur Linderung bekommt sie Schwarzen Tee sowie „Uzara“, ein pflanzliches Heilmittel, das bei Durchfall eingenommen wird. Es geht ihr so schlecht, dass die Eltern sie mit ins Ehebett nehmen. Doch Anna findet keine Ruhe mehr. Alle Viertelstunde muss sie sich jetzt übergeben, hat Durchfall, bekommt Krämpfe. Der Vater verabreicht ihr Kohletabletten.

Elisabeth wird später aussagen, dass sie im Gästezimmer geschlafen und von Annas nächtlichen Qualen nichts mitbekommen hat. Um sieben Uhr scheint Anna das Bewusstsein zu verlieren. Jetzt erkennen die Erwachsenen, dass nur noch ärztliche Hilfe Rettung bringen kann. Sie tragen das Kind zum Auto. Elisabeth sitzt im Schlafanzug auf dem Rücksitz und hält ihre völlig erschöpfte und apathische Nichte im Arm. Sie versucht, sie wach zu halten, indem sie sie zwickt und auf sie einredet.

Anna stirbt in der Klinik

Sie steuern die Praxis von Annas Kinderarzt an, die zu dieser frühen Stunde noch nicht geöffnet ist. Von dort fahren sie ins Klinikum Ludwigsburg, wo Anna endlich in professionelle Hände kommt. Aber es ist zu spät. Anna stirbt nach einigen Stunden. Elisabeth verlässt die Klinik zu einem Zeitpunkt, als Anna noch lebt und die Ärzte um ihr Leben ringen. Sie fährt mit dem Taxi zum Haus des Bruders, holt ihren kranken Hund ab und bringt ihn (noch immer im Schlafanzug) zum Termin in die Tierarztpraxis. Danach fährt sie zurück nach Tamm-Hohenstange, duscht, schminkt sich und zieht sich an. Und noch etwas macht sie, was sie später bei den polizeilichen Ermittlungen schwer belasten wird. Als sie kurz darauf in die Klinik zurückkommt, eröffnet ihr der Bruder, dass Anna gestorben ist. Dann fällt ein Satz, der in einer solchen Ausnahmesituation ungewöhnlich ist. Elisabeth sagt, dass sie die Spülmaschine (mit den Eisschälchen) angestellt hat, obwohl diese nur halb voll war.

Die Ärzte möchten eine Obduktion durchführen lassen, gegen die sich Annas Mutter aber vehement wehrt. Davon würde ihre Tochter auch nicht mehr lebendig werden, meint sie. Die Obduktion wird dennoch gemacht – und dabei eine tödliche Dosis Arsen in Annas Körper gefunden. Die Dosis, die das kleine Mädchen verabreicht bekommen hat, hätte ausgereicht, um zwanzig Kinder zu vergiften.

Die Ermittlungen der Polizei beginnen mit einem katastrophalen Versäumnis. Die Lebensmittel im Elternhaus von Anna werden nicht gleich sichergestellt, um sie dann auf Giftrückstände untersuchen zu können. So ist es möglich, dass Annas Mutter sämtliche Lebensmittel im Haus wegwerfen kann und es fortan im Bereich der Mutmaßungen liegt, wie und mit welchem Lebensmittel Anna das Gift zu sich genommen haben könnte. Als sehr wahrscheinlich wird angenommen, dass das Pistazien-eis oder die Schokosoße mit Arsen vergiftet waren.

Die Nachbarn, die Ärzte, Annas Lehrer werden befragt, Hausdurchsuchungen in Tamm-Hohenstange und Königstein durchgeführt, eine Telefonüberwachung wird geschaltet. Zuerst sind alle drei Erwachsenen verdächtig, die sich in dieser Nacht im Haus aufgehalten haben. Nicht zuletzt, weil alle drei sehr reserviert und beherrscht wirken. Und alle drei halten zu diesem Zeitpunkt auch noch zusammen und überlegen eine gemeinsame Verteidigungsstrategie, denn sie sind davon überzeugt, dass es niemand von ihnen gewesen sein kann. Warum auch? Welches Motiv gäbe es denn für eine so grauenvolle Tat? Eine Frage, auf die es bis zu dem heutigen Tag keine Antwort gibt.

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