Der Musiker Eberhard Weber Selbstgespräch mit Kontrabass

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Ein Leben auf fünf Saiten: Als erster überhaupt ist der 75-jährige Eberhard Weber mit dem Jazz-Sonderpreis des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet worden.

Nach einem Schlaganfall kann Weber nicht mehr spielen. Foto: Nadia Romanini
Nach einem Schlaganfall kann Weber nicht mehr spielen. Foto: Nadia Romanini

Stuttgart - Stuttgart im Januar, zehn Uhr am Morgen, ein Hotel hinter der Liederhalle. Eine Couch, zwei Sessel. In einem der beiden sitzt der Bassist Eberhard Weber, aus Südfrankreich zu Besuch in seiner Geburtsstadt, um Auskunft zu geben, oder, wie seine Autobiografie jetzt heißt, ein „Résumé“ zu ziehen. Hinter der Gardine schaut der Tag aus wie dünne Grießsuppe, und wenn man jetzt bei sich daheim wäre in der Stadt, würde man wahrscheinlich zur Stimmungsaufhellung etwas von Eberhard Weber spielen: „Seriously deep“, „The following Morning“, The Colours of Chloë“, „Silent for a While“ oder „Cambridge“: unerhört weiche, volle, vollendet in sich ruhende, immer wieder buchstäblich aufbrechende, immer wieder überraschende Musik. Dann käme jemand zur Tür herein und sagte, was noch fast jeder gesagt hat, der je zur Tür hineinkam, wenn Musik von Eberhard Weber lief: „Das ist schön.“ Und der Tag wäre wieder ein anderer.

Eberhard Weber versteht, was man meint, obwohl es ihn auch heute, mit 75 Jahren, immer noch ein bisschen erstaunt, dass so viele Menschen auf der Welt – und so viele unterschiedliche dazu – so lange schon mit seinen sehr speziellen Klängen leben und oft gar nicht genug davon bekommen konnten, schon gar nicht beim Konzert. Am Ende, sagt Eberhard Weber, dem man schwerlich Superlative entlocken kann, sei das auf der Bühne stets ein besonderer Moment gewesen, wenn das Licht nach dem regulär beendeten Auftritt länger gedimmt war, der Applaus aber anhielt und erneut die Beleuchtung anging, vor der ersten Zugabe: „So ein Schrei manchmal“, sagt Weber, „als ob ein entscheidendes Tor gefallen wäre.“ Und dann schmunzelt er dieser weltweit gleich erlebten Szene ein bisschen hinterher, ganz wie er in solchen Situationen im Konzert leise lächelte, auf dem Weg zurück, um noch einmal anzusetzen.

„Encore“ heißt Eberhard Webers vermutlich letztes Album, das Ende Februar ausgeliefert wird, und wieder schließt sich ein Kreis, denn über den Puls des Weber’schen Basses, der im Ostinato die Zeit aufhebt, steigt manchmal, wirklich wie ein Vogel in die Luft, ganz frei, der Flügelhornton des Niederländers Ack van Royen, der schon mit Weber gespielt hat, als dieser nicht das Kontrabassspielen im Allgemeinen, aber auf jeden Fall sein Kontrabassspiel und seinen ureigenen Klang erfunden hat.

Die „Oma“, die wie Orpheus singt

Mit fünf Saiten statt vier auf dem Griffbrett wurde aus dem im Jazz häufig perkussiv und, wie Eberhard Weber sagt, „dienend“ eingesetzten Bass ein völlig anderes Instrument. Die „Oma“, wie die Musiker zum schwerfälligsten Körper unter den Streichern sagen, konnte auf einmal wie Orpheus singen. Und, ja, selbst Steine zum Weinen bringen, kein Schmu. Damals formierte Weber nach „Chloë“, das war 1974, seine hernach weltberühmte Gruppe Colours. Wie wird der Musiker zum Maler?

„Durch Zuhören“, sagt Eberhard Weber. Das war einfach – und auch wieder nicht, denn wenn Weber, am 22. Januar 1940 in Stuttgart-Hedelfingen als Sohn eines Berliners und einer Stuttgarterin geboren, unter dem Esslinger Wohnzimmertisch hockte, um seinem Vater, dem Cellisten, und dessen Orchesterkollegen beim Musizieren im Streichquartett zuzuhören, hieß es alsbald, dass der Junge ins Bett müsse. Schließlich war am nächsten Tag Schule. Doch Eberhard Weber pfiff drauf, wie er überhaupt bereits bemerkenswert früh eine Neigung hatte, ziemlich stur zu bleiben, wenn er von etwas überzeugt war. Mit einem halben Ohr also und mit ganzem Herzen hing er nach dem Rausschmiss aus der guten Stube an der Kinderzimmerwand in der Schelztorstraße 12 und ist noch heute überzeugt davon, dass er seit den  Kammermusikabenden damals innerlich schon für einen ganz bestimmten, den „dichten Sound“ schwärmte, inklusive „Rhythmuswechsel, Harmoniesprünge und komplexer Melodielinien“. Sein Sound später.

Gerade halbwüchsig, tauscht er, mittlerweile „absolut jazzfixiert“, das Cello gegen den Kontrabass, besorgt sich bei Lausch & Zweigle Noten von Georg Shearings Standard „Lullaby of Birdland“ und orientiert sich fortan zuerst bei Martin Schwäble, einem Pianisten vom Esslinger Gymnasium, der Webers Reaktionsvermögen ausbildet, weil er bei Musik vom Blatt das Blatt auch mal Blatt sein lässt.

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