Der Mythos des Ewigen Juden Antisemitismus in Württemberg

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Das Volksbuch des unbekannten Verfassers wurde Mitte des 16. Jahrhunderts zu einem Renner. Immer neue Auflagen und Übersetzungen erschienen mit einer Geschichte, die immer mehr ausgeschmückt wurde. Plötzlich wollte den Ewigen Juden jedermann gesehen haben.

Zunächst soll Ahasver in den Städten der Hanse aufgetaucht sein: Hamburg, Danzig, Reval, dann 1575 in Madrid. Mehrere Zeugen werden genannt, der Sekretär Christoph Ehringer und der Magister Jacobus aus Holstein hätten sogar mit ihm gesprochen. Die Urheber der Geschichten blieben weiter anonym oder hatten fantasievolle Decknamen. Ein Westfale namens Chrysostomus Duduläus, der als Wohnort „Reval in Livland“ angab, steckte hinter den meisten Auflagen.

Warum der Ewige Jude 1766 ausgerechnet in Altbach aufgetaucht sein soll, lässt sich vielleicht mit den Tumulten erklären, die sich wenige Jahrzehnte zuvor in Stuttgart abspielten und die das Judentum ins öffentliche Bewusstsein rückten. Joseph Süß Oppenheimer, der jüdische Finanzbeirat des Herzogs Karl Alexander, war in Ungnade gefallen und wurde als Sündenbock hingerichtet für die verfehlte Finanzpolitik des Herzogs. In den Jahren danach kam es in Württemberg zu Ausschreitungen gegen Juden, und der Antisemitismus war verbreitet. Aus den 1780er Jahren ist eine Anekdote überliefert über das Stuttgart Original Leopold Baur, einen liederlichen Zechkumpan des Musikers und Dichters Daniel Schubart. Als Baur einen Juden auf dem Stuttgarter Marktplatz traf, wetterte er los, es könnten ihn alle Juden am Arsch lecken. Worauf der Jude ruhig antwortete: „Sie wissen doch, dass es uns verboten ist, Schweinefleisch zu kosten.“

Das Faszinosum des Wanderers

Denkbar ist, dass Daniel Schubart von der Altbacher Inschrift inspiriert war, als er 1783 eine Rhapsodie über den Ewigen Juden veröffentlichte. Er hob das Volksbuch damit in den Rang der ernsten Dichtung: In seiner Interpretation besteht die Tragik Ahasvers darin, den Tod so vieler Menschen mitansehen zu müssen und selbst nicht sterben zu dürfen.

Dass die Legende die Jahrhunderte überdauert hat, ist aber nicht dem schwäbischen Dichter Schubart zu verdanken, sondern dem polnischen Forschungsreisenden, Historiker, Diplomaten und Schriftsteller Jan Potocki. Der Mann, der die slawische Archäologie begründet hat, der als erster Pole in eine Montgolfiere stieg, der mit dem Orientalisten Julius Klaproth bis in die Innere Mongolei vorgestoßen war, machte mit seinem Roman „Die Handschrift von Saragossa“ die Volkssage vom Ewigen Juden zu einem Motiv der Weltliteratur.

Die meisten Spukgesichter sind an den Ort gebunden, an dem sie umhergehen, wo sie den Lebenden die Seelenkraft entziehen. Nur zwei Gespenster sind dazu verdammt, auf ewig zu wandern: der Fliegende Holländer und der Ewige Jude. Zum Faszinosum des Wanderers kommt noch der Topos der Unsterblichkeit. Und Ahasver, auch das ist eine Besonderheit dieser Figur, ist keine Schreckgestalt: Er ist demütig, er behält nie mehr als zwei Geldstücke, den Rest gibt er den Armen, heißt es im Volksbuch.