Der Mythos des Ewigen Juden Die Romantik entdeckt die Wundergeschichte

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Die Romantik, selbst voller Wandergeschichten, entdeckte die Wundergeschichte vom Ewigen Juden: Ludwig Achim von Arnim schreibt 1811 ein Drama über Ahasver. Überliefert ist auch, dass Goethe ein großes Werk über den Ewigen Juden plante, es blieb aber ein Fragment. Richard Wagner komponierte den Wanderer in die Meistersinger ein. Der Esslinger Dichter Nikolaus Lenau schrieb vier Jahre lang an seinem Gedicht „Ahasver“. Wilhelm Müller, der die Verse für die berühmte Winterreise Schuberts schmiedete, bedichtete ebenfalls den Wanderer Ahasver. Johann Nestroy machte 1846 eine Burleske aus dem Thema, Ernst Toller veröffentlichte ein Drama 1918.

Immer mystischer, immer seltsamer wurden die Geschichten von dem unsterblichen Ahasver. Die Schriftsteller sinnierten über Tod und Unendlichkeit, wetteiferten darin, neue Schauplätze und Motive zu erfinden: Der Schotte Henry Rider Haggard schrieb im Roman „Sie“ über eine geheimnisvolle weiße Frau, die im Herzen Afrikas Jahrtausende lebt, eine Geschichte, die der Pole Joseph Conrad wiederum in seiner Novelle „Das Herz der Finsternis“ benutzte. Der Argentinier Jorge Luis Borges schreibt über Unsterbliche in seltsamen Städten des Orients, die ihre Namen und ihre Lebensgeschichten vergessen haben.

Die bildenden Künstler zeigen Ahasver mal mit, mal ohne Schuhe, mal demütig bescheiden (wie der Schweizer Ferdinand Hodler), mal forsch ausschreitend (wie der Franzose Gustave Doré).

Ein Hörspiel von Walter Jens

Der Film entdeckt den Ruhelosen. „Der Golem, und wie er in die Welt kam“ heißt das stumme Werk von Paul Wegener aus dem Jahr 1920, in dem Ahasver eine weitere jüdische Sagengestalt, den Golem, begleitet. In der Düsternis der Kinematografensäle findet der Ewige Jude als Motiv der Weltkunst auch sein Ende: Ein Jahr nach dem Überfall auf Polen bereiten die Nazis den schlimmsten Genozid der Weltgeschichte mit dem Film „Der ewige Jude“ vor. 1940 erscheint der Streifen, der das jüdische Volk als „Parasiten und Schädlinge“ diffamiert. Als Wandernder passte Ahasver zu den Vorurteilen der Nazis, als jemand, der das Geld verachtet, allerdings nicht, doch das war den Nazis herzlich egal. Mit dieser Interpretation zerstörten sie den Mythos mit einem Schlag, und kein Künstler mochte mehr den Ruhelosen in sein Repertoire aufnehmen.

Es gehört zu den großen Verdiensten von Walter Jens, dem Tübinger Humanisten, diese Umwertung rückgedeutet zu haben. In seinem Hörspiel „Ahasver“ beschreibt er einen jüdisch-deutschen Arzt, der vor den Nazis flieht, aber in jedem Gastland weiter verfolgt wird, bis er wieder nach Deutschland kommt, wo er einsam stirbt.

So ist Ahasver dann doch noch zum Symbol des Judentums geworden, einem positiven Symbol. Jens beschreibt ihn ganz anders als die Gestalt der Volksbücher: Der Mann namens Ahasver, so stand dort zu lesen, soll so feste Fußsohlen gehabt haben, „das man’s gemessen, zwei Finger dick gewesen, gleich wie ein Horn so hart“. Merkwürdig, dass er keine Schuhe hatte, wo er doch Schuhmacher war.