Der Mythos des Ewigen Juden Wie kam Ahasver nach Altbach?

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Ahasver, der Ewige Jude, taucht 1766 in Altbach bei Esslingen auf. Wie kam er dorthin? Ein Essay über die Geburt und den Tod eines Mythos.

Der Kupferstich zeigt, wie Ahasver Jerusalem verlässt. Foto: Landesbibliothek Württemberg
Der Kupferstich zeigt, wie Ahasver Jerusalem verlässt. Foto: Landesbibliothek Württemberg

Altbach - Auch ein Mythos kann ermordet werden: Nach Goebbels’ schauerlichem antisemitischem Propagandafilm „Der ewige Jude“ begann die Geschichte von Ahasver, dem Wanderer, zu erlöschen. Zuvor war die schillernde Sagengestalt über Jahrhunderte in ganz Europa – angeblich – von Augenzeugen gesehen worden: 1599 beispielsweise in Wien, 1644 in Paris und 1766 in Altbach bei Esslingen.

Wie kam Ahasver nach Altbach, in ein unbedeutendes Dorf, das 783 auf einer Urkunde aus dem Dunkel der Geschichte trat, um sofort wieder darin zu verschwinden? Was zog den ewigen Wanderer zu einem Menschenschlag, der laut Oberamtsbeschreibung von 1844 „mehr klein und ausdauernd als groß und ansehnlich“ war?

Es bedurfte etlicher Recherchen, um die Quelle ausfindig zu machen, die Ahasvers Altbacher Aufenthalt zum ersten Mal beschreibt. Der Autor dieser Schrift verwendete das Pseudonym Lichtfreund und schilderte im Jahr 1825, wie die mystische Figur in einem Schafstall übernachtet und an einer Wand eine Inschrift hinterlassen hat: „Ich Ahasver von Jerusalem bin nun schon das zweitemal gut in diesem Schafstall beherbergt worden, das Gott vergelte. Den 1. Jan. 1766.“ Diese Wandschrift, schreibt Lichtfreund, hätten er, seine Mutter, der Schmied Johannes Barth und der Maurermeister Conrad Wörner im Jahr 1776 mit eigenen Augen gesehen. Leider sei der Schafstall kurz darauf zu einer Schmiedewerkstätte umgebaut worden, wobei der Beweis unwiederbringlich zerstört worden sei.

Ein Volksbuch als Ausgangspunkt

Der Wahrheitsgehalt solcher Überlieferungen ist zweifelhaft. Zudem könnte es schlichtweg ein Landstreicher gewesen sein, der sich einen Scherz machen wollte, als er die Botschaft an die Wand kritzelte. Aber wie ist es möglich, dass die Geschichte des Ewigen Juden überhaupt so viele Jahrhunderte überdauert hat?

In der Stuttgarter Landesbibliothek liegt das Volksbuch, in dem Ahasver zum ersten Mal beschrieben wurde. Ein paar geheftete Blätter, so sahen damals die Groschenromane aus. Gedruckt wurde es 1602 in Bautzen von einem Wolfgang Suchnach, und man kann ziemlich sicher sein, dass der Druckort genauso fingiert ist wie der Herausgeber. Unbekannt ist auch der Verfasser, der seinen Bericht am 9. Juni 1564 vollendet haben will. Seine Begründung für die Niederschrift könnte von einem heutigen Journalisten stammen – weil hier und jetzt nichts Neues geschehen sei, wolle er etwas Altes erzählen:

Im Winter 1542 hat der Bischof Paulus von Eitzen in einer Hamburger Kirche einen Mann gesehen, der dem Gottesdienst mit besonderer Demut beiwohnte. Er trug einen Rock bis an die Knie, durchgewetzte Hosen, einen Mantel bis auf die Füße und war von großer Gestalt. Nach der Predigt sprach ihn der Bischof an: Er sei Jude aus Jerusalem, sagte der Mann, heiße Ahasver und übe das Schuhmacherhandwerk aus. Er habe mit den anderen Juden über Jesus Christus das „Kreuziget ihn“ geschrien. Als Jesus auf dem Kreuzweg an seinem Haus habe ausruhen wollen, sei er mit Eifer zu ihm gelaufen und habe ihn mit Scheltworten angewiesen, sich wegzupacken. Er solle dahin gehen, wo er hingehöre. Da habe ihm Christus in die Augen geschaut und gesagt: „Ich will stehen und ruhen, du aber sollst gehen.“ Ahasver musste daraufhin sein Weib, sein Kind und sein Gesinde verlassen und durch die Welt gehen. Erst nach vielen Hundert Jahren sei er zurückgekommen, doch da habe er Jerusalem zerstört gefunden. So wandere er nun weiter. Bis zum Jüngsten Tag.