Der Nachfahre von Scharfrichtern Bloody Belthle
Helmut Belthle entstammt einer Scharfrichter-Dynastie. Seit Jahrzehnten beschäftigt er sich mit seiner Familiengeschichte, keiner kennt sich besser aus in der Welt der alten Vollstrecker.
Helmut Belthle entstammt einer Scharfrichter-Dynastie. Seit Jahrzehnten beschäftigt er sich mit seiner Familiengeschichte, keiner kennt sich besser aus in der Welt der alten Vollstrecker.
Ludwigsburg/Tübingen - Jakob Reinhard, vom Volksmund „Hannikel“ (der Ochse) genannt, war kein Guter. Mit seinen Spießgesellen überfiel der Räuberhauptmann vor allem reiche Juden. Verrieten sie ihr Geldversteck nicht, goss er ihren Töchtern heißes Pech über den Kopf. Keiner konnte ihn fassen. So wurde er zur Legende. Noch heute findet man die Figur des „Hannikel“ in der schwäbisch-alemannischen Fasnet.
Mit dem bestialischen Mord an einem Grenadier, der Hannikels Schwägerin verführt hatte, überspannte der Schurke den Bogen. Jetzt wurde der Oberamtmann und Räuberjäger Schäffer, heute wäre er wahrscheinlich Profiler beim LKA, auf ihn losgelassen. Er verfolgte den Kerl bis in die Schweiz. Zu guter Letzt hatte er ihn.
Scharfrichter Georg Friedrich Belthle machte Hannikel den Garaus. Am 17. Juli 1787 beförderte er ihn per Strick hoch über dem Neckarstädtchen Sulz ins Jenseits. 12 000 Zuschauer jubelten. Hannikel schied nicht mit einem Fluch auf den Lippen dahin, wie es die Überlieferung behauptet. „Er flehte um Vergebung seiner Sünden“, sagt Helmut Belthle, Jahrgang 1955 und Nachfahre des Henkers.
Bis zurück ins frühe 17. Jahrhundert trägt sein Stammbaum den blutbefleckten Berufszweig des Scharfrichters – auch Executor, Carnifex (Fleischmacher), Scherer, Nachrichter oder Meister Hans genannt. Eine Henkerdynastie. „Es gibt keinen Belthle auf dieser Welt, den ich nicht kenne“, sagt Helmut Belthle.
Es fing damit an, dass er als 15-Jähriger eine Belthlestraße in der Tübinger Altstadt entdeckte. Wer war das? Seine Neugier erwachte. Er drang weiter vor, und die Sache packte ihn. Seitdem taucht er in den Tiefen der Archive und Kirchenbücher.
Er studierte Sport, Englisch und Verwaltungswissenschaft, heiratete, wurde Vater von zwei Kindern, zog nach Ludwigsburg und fing beim Wissenschaftsministerium an, Fachbereich Bauangelegenheiten von Hochschulen. Doch seine Ahnen ließ er nie aus den Augen. Bis heute beschäftigt er sich täglich mindestens zwei Stunden mit dem Scharfrichterwesen, der Rechts- und Medizingeschichte.
Helmut Belthle weiß tausend Geschichten zwischen Leben und Tod zu erzählen. Von „Meister Scharlach“, wie man Scharfrichter Bürk nachrief, wenn er in seinem roten Prachtwams durch die Reichsstadt Schwäbisch Hall stolzierte.
Von der feierlichen Poesie, die hierzulande auf Hinrichtungen einstimmte: „Aus des Frevlers Blut, das jetzt in Strömen aus dem Rumpf zur Erde sich ergießt. Mögt ihr die Warnungs-Stimm’ vernehmen, daß daraus noch Besserung sprießt.“
Vom Metzger und Tanzlehrer Johann Reichhart, der für die Nazis 3000 Menschen mit dem Fallbeil richtete – und nach dem Krieg für die US-Militärregierung 156 Nazis. Er starb verarmt und vereinsamt. Jeder ist seines Glückes Henker.
Belthle holte seine Altvorderen ins Licht der Gegenwart: Georg Friedrich und dessen Vater Georg Adam, die in Tübingen aktiv waren. Ottmar, Henker in Leonberg, und dessen Vater Johann, der 1682 seine Karriere in Weil der Stadt begann. Die Familienspur führte weiter zu Othmar Pöltl, Spross einer Henkersippe im Raum München. Aus den bayrischen Pöltles wurden irgendwann die schwäbischen Belthles. Die Profession blieb die gleiche.
Seine Kollegen im Ministerium nennen ihn nur „Bloody Belthle“. Seine Frau begleitet ihn immer gerne zu den jährlichen Treffen der Scharfrichter-Ahnen. „Alles nette Leute“, sagt sie. Aber manchmal lässt das Forschungsfieber ihres Mannes sie auch schaudern. Wenn er abends im Bett fragt: „Darf ich dir was vorlesen?“
Natürlich sind die Schilderungen schrecklich. Natürlich lehnt er die Todesstrafe ab. Und doch fesselt ihn der Stoff. Bei aller akademischen Sachlichkeit, mit der er zu Werke geht: Die historischen Figuren sind für Helmut Belthle irgendwie auch Familienmitglieder. Blut ist dicker als Wasser. Vielleicht, sagt er, treibt ihn ja insgeheim die Frage an: „Was hab ich noch in mir? Wäre ich selbst dazu in der Lage?“
Die Todesstrafe gibt es seit Ewigkeiten und überall. Schon in der Antike kennt man das Kreuzigen, Ersäufen, Häuten. Die Frankenkönigin Brunichild wird anno 613 zwischen vier Pferde gespannt und zerrissen. Damals sind es meist Knechte der Gerichtsherren, die den Tod bringen.
Im Mittelalter betritt dann der Scharfrichter die Bühne der Rechtsgeschichte. Er liquidiert hauptberuflich. Der erste Vertreter findet sich 1170 in Trier. Zunächst gibt es Vollstrecker nur in großen Städten. Doch der Sektor boomt, den Höhepunkt erreicht er nach dem Dreißigjährigen Krieg. „Insgesamt sind mehrere tausend Scharfrichter im deutschsprachigen Raum nachweisbar“, sagt Helmut Belthle.
Bald bilden sich Henker-Clans. Ehen werden fast nur innerhalb einschlägiger Familien und enger Verwandtschaftsverhältnisse geschlossen. Die Kirche muss Ausnahmegenehmigungen erteilen. Wer heiratet sonst so einen Mann? Das Amt wird an den erstgebornen Sohn weitergereicht. So ein Bub weiß früh: „Wenn ich groß bin, werd ich Executor.“
Vollstrecker zu sein, ist nicht ehrsam. Aber lukrativ. Hans Krieger, der 1686 Scharfrichter des Klosters Salem wird, bekommt „freye Behaußung, ein Krauth- und Baumgärteln“ sowie 60 Gulden jährlich – viel Geld damals. Und jeder Handgriff wird extra bezahlt: Hinrichten mit Schwert oder Strang: drei Gulden. Rädern oder Vierteilen: sechs Gulden. Je drei Gulden fürs „Vertränckhen“, „mit Feür zu verbrennen“ und „mit Zangen zwicken“.
Der Scharfrichter ist zugleich Viehdoktor, Marktaufseher, leert als „Nachtkönig“ die Aborte der Adeligen. Ihm obliegt die Aufsicht über das Hurengeschäft und das Glücksspiel „Scholdern“, eine Art Kegeln. Er selbst muss keine Steuern bezahlen.
Vom 15. Jahrhundert an entsorgt er das verendete Vieh. Nebenbei betreibt er eine Arztpraxis. Kurios: als Henker wird er gemieden, als Heilkundiger hofiert. Studierten Doktoren ist der Konkurrent zuwider, doch die unappetitlichen Haut- und Geschlechtskrankheiten überlassen sie ihm gern. Wer kennt menschliche Anatomie besser als er? Der Scharfrichter darf Hingerichtete sezieren und Leichenteile zu Arznei verarbeiten. Ob das Sprichwort auf ihn zurückgeht? „Zerlassen Menschenfett ist gut für lahme Glieder. So man sie damit schmiert, sie werden richtig wieder.“
Das Recht über Leben und Tod hat die adlige Herrschaft. Als Strafgesetzbuch dient ihr von 1532 an die Peinliche Halsgerichtsordnung von Kaiser Karl V. In Württemberg müssen sämtliche Bluturteile von der Tübinger Juristenfakultät begutachtet werden, deren Sicht zu guter Letzt fast immer den Ausschlag gibt. Die Prozesse sind nicht öffentlich, die Hinrichtungen dagegen schon. Schulklassen umrahmen das Spektakel oft mit Gesang.
Scharfrichter ist ein Lehrberuf mit mehrjähriger Ausbildung. Am Ende steht das Meisterstück: die fehlerfreie Exekution eines Mörders, Diebes, Brandstifters, Sodomisten oder Hexenweibs. Das Gericht stellt hernach ein Zeugnis aus.
Nicht immer verläuft so ein Debüt meisterlich: Am 12. November 1739 schlägt um acht Uhr am Morgen die letzte Stunde des Andreas Rothe. Der Verwalter hat 12 000 Gulden unterschlagen. In der Calwer Ratsstube liest ihm der Stadtschreiber das Todesurteil vor.
Draußen auf dem Schafott wartet schon der Tübinger Scharfrichter Georg Adam Belthle. Neben ihm: Johann Weidenkeller, der an diesem Tag sein Meisterstück machen will. Man warnt Belthle noch, er möge doch diesen aufsehenerregenden Fall nicht einem Anfänger lassen.
Rothe setzt sich auf den Stuhl und muss in diesen Momenten der einsamste Mensch der Welt sein. Pfarrer, Richter, Zuschauer, sie alle gehen nach der Tragödie wieder heim. Wohin geht er?
Belthle stellt sich in Positur, gibt dann Weidenkeller das Schwert. Der schlägt zu, trifft aber nicht den Hals, sondern weiter oben beim Ohr. Rothe rührt sich nicht vom Fleck. Erst beim zweiten Schlag, der zu tief angesetzt ist, fällt er zu Boden. Hier versucht es Weidenkeller erneut, ohne Erfolg. Jetzt reißt ihm Meister Belthle das Schwert aus den Händen und führt, den Kopf Rothes festhaltend, den vierten Streich aus. Doch erst nach einem weiteren Schlag löst sich der Kopf vom Rumpf.
Vor ein paar Jahren ist Helmut Belthle am Rande einer Veranstaltung ins Gespräch mit einem Mann gekommen, der hieß Rothe. Belthle wurde hellhörig: „Gab es unter Ihren Vorfahren mal einen Verwalter des Klosters Hirsau?“ – „Ja, tatsächlich“, sagte der Mann. – „Gestatten, Belthle, mein Vorfahr hat ihn enthauptet.“
Er darf solche derbe Scherze machen. Die Zeit, die alte Trösterin, hat seit den Schwertstreichen genug Wegstrecke hinter sich gebracht. Es ist nichts Persönliches mehr. Es tut keinem mehr weh. Zu viele Generationen dazwischen. „Wäre mein Opa Scharfrichter gewesen, ich würde mich schämen und wollte wahrscheinlich nichts davon wissen“, sagt Belthle.
Als Georg Adam Belthle 1766 stirbt, wird gleich sein zehnjähriger Sohn in die Lehre gegeben. Bis er Nachfolger werden kann, springt der Stuttgarter Scharfrichter ein. Sechs Jahre später macht der junge Belthle schon sein Meisterstück.
Scharfrichter sind gesellschaftlich mit einer „levis notae macula“, einer leichten Anrüchigkeit, behaftet. Ihre Söhne dürfen kein Handwerk lernen. Wohl aber studieren. Und so arbeiten sich etliche junge Männer aus ihrem zweifelhaften Milieu heraus. Freilich, ein Gschmäckle bleibt.
Der Nachwuchs tut gut daran, beruflich umzusatteln. Schlechte Zeiten ziehen auf: Im 19. Jahrhundert werden die Rufe gegen die Todesstrafe lauter. Häufig tritt lebenslange Haft an die Stelle der Hinrichtung.
Am 5. Juni 1820 endet in Münsingen auf der Alb die Scharfrichter-Tradition der Belthles. An jenem Montag soll der Kindermörder Michael Starkmann sterben. 6000 Menschen sind gekommen, um Georg Friedrich Belthle walten zu sehen.
Starkmann fragt den Henker, ob er so auch recht sitze, und bittet ihn, nur schnell und gut zu richten. Der Oberamtsrichter führt Protokoll: „Scharfrichter Beltlin derführte den ersten Schwertstreich so schlecht, daß kaum der dritte Theil des Halses durchhauen war. Ein gleichfalls mißlungener Hieb stürzte den Delinquenten vom Stuhl. Und hier auf dem Boden liegend suchte der ihm noch drey Hiebe beyzubringen, bey welchen das Schwert jedesmal in die Bretter des Schaffotts eindrang, so daß ich dem nächststehenden Scharfrichter von Reutlingen eiligst befahl, dieser schändlichen Metzeley ein Ende zu machen, der dann dem Beltlin das Schwert entriß und in aller Schnelligkeit den Rumpf vollends abnahm.“
Gegen den 63-Jährigen wird ein Verfahren eingeleitet. Belthle gibt an, „die Knochen des Delinquenten seyen pferdsmäßig gewesen“. Da verfing seine Technik nicht. Er holt nämlich nicht, wie andere Scharfrichter, weit aus und schlägt mit voller Wucht zu. Belthle schneidet eher. Er steht nah beim Delinquenten, holt nur kurz Schwung, haut mit dem unteren Teil des Schwerts, zieht dann mit dem oberen Teil durch. Doch er soll nie mehr richten.
Die Belthles machen anderweitig Karriere. Georg Friedrichs Söhne werden Oberamtstierärzte und königliche Revierförster. Einer bringt es zum hoch dekorierten Stabsarzt und Ritter der Ehrenlegion. Nach jenem Dr. Christian Friedrich Belthle, Wohltäter der Universität, ist auch die Straße in Tübingen benannt.
Helmut Belthle hat so einige bekannte Namen gefunden, hinter denen ebenfalls Henker-Ahnen stehen: Albert Lortzing, Käthe Kollwitz oder Eric Carle, Verfasser der „Kleinen Raupe Nimmersatt“.
Auch im Kaiserreich und der Weimarer Republik werden Hunderte Menschen enthauptet. Henker gibt es aber kaum noch. Den Job erledigen eine Handvoll übrig gebliebener Spezialisten. 1933 erlassen die Nazis ihr „Reichsgesetz über Verhängung und Vollstreckung der Todesstrafe“, die einen bald bei jedem Delikt treffen kann – es reicht schon, wenn das „gesunde Volksempfinden“ dafür spricht. Das tut es in 12 000 Fällen. Die 20 000 Todesurteile von Kriegsgerichten nicht mitgezählt.
Am 18. Februar 1949 wird das letzte Todesurteil eines bundesdeutschen Gerichts vollzogen. Der Mörder Richard Schuh stirbt durch das Fallbeil. Den Mechanismus der Maschine löst Wilhelm Burkhard aus, Nachkomme einer alten badischen Scharfrichterfamilie. Er wird von seinem Arbeitgeber, einer Lederfabrik, für den Einsatz in Tübingen freigestellt. Dort, wo einst die Belthles richteten. Aber die haben schon lange nichts mehr damit zu tun.