Zwanzig Jahre lang wurde die Filmakademie Baden-Württemberg von Thomas Schadt geleitet. Jetzt tritt Andreas Bareiß in seine Fußstapfen.
Sie ziehen für Ihre neue Stelle von Berlin nach Ludwigsburg. Die Stadt ist aber keine Unbekannte für Sie.
Ich bin im Jahr 1980 nur wenige Meter von der Akademie entfernt im Klinikum geboren worden. Ich bin in Stuttgart aufgewachsen, aber auch mit Ludwigsburg verbinde ich nur schöne Kindheitserinnerungen. Und später bin ich nach vielen anderen Stationen zurückgekehrt, um hier zu studieren.
Sie haben zunächst Jura studiert und sind dann beim Film gelandet. Weshalb?
Film war für mich schon immer das Allergrößte. Während meiner Schulzeit habe ich im Kino Atelier am Bollwerk gearbeitet – als Kartenabreißer und Getränkeflaschen-Einsammler. Das war auch die Hochzeit meiner filmischen Grundausbildung. Ich habe wirklich jeden Film, der rauskam, mindestens dreimal gesehen! Auch in der Filmgalerie war ich Stammgast und habe auch selbst Trickfilme gedreht. Doch neben dem Film gab es noch eine zweite Liebe, und das war Frankreich. Da gab es die Möglichkeit, in Berlin und Paris ein deutsch-französisches Jurastudium zu machen. Jura war für mich immer eine Hassliebe. Ich habe das zwar immer engagiert verfolgt, doch das Maßgebliche war das Deutsch-Französische. Als ich mich später für die deutsch-französische Masterclass, eine Kooperation der Filmakademie in Ludwigsburg und der Hochschule Le Fémis in Paris, beworben habe, kam alles zusammen.
Sie treten in die Fußstapfen von Thomas Schadt, der die Akademie 20 Jahre geleitet hat. Heute gehört die Akademie zu einer der renommiertesten Filmausbildungsstätten weltweit. Woran liegt das?
Berlin strahlt immer ein bisschen greller, die Bayern sind ein bisschen lauter, aber das Schöne hier an diesem Bundesland ist, und deswegen freue ich mich so wahnsinnig, wieder da zu sein: Wenn man etwas anpackt, dann macht man es richtig. Das ist das Land der Tüftler und Erfinder, deshalb war die Akademie technologisch von Anfang an absolut State of the Art. Außerdem ist sie kein theoretischer Elfenbeinturm. Hier wird das Prinzip Learning by Doing betont. Die Studierenden haben ein kurzes Grundstudium, in denen sie die Grundlagen des Filmemachens und des visuellen Erzählens lernen, und dann geht es direkt in die Projektarbeit – was Studierende auch vor große Herausforderungen stellt und auch mal scheitern lässt. Thomas Schadt, selbst großer Künstler, war es immer wichtig, einen Raum zu schaffen, in dem man auch scheitern kann. Für die Kunst ist es essenziell, dafür einen geschützten Raum zu schaffen.
Was möchten Sie anders machen als Ihr Vorgänger?
Die Akademie ist da, wo sie ist, weil einfach wahnsinnig viel richtig gemacht wurde. Ein ganz großer Anteil liegt da bei Thomas Schadt. Deshalb geht es jetzt nicht darum, alles anders zu machen, sondern das Ganze weiter und durch die aktuellen Transformationsprozesse zu führen.
Dabei geht es doch wahrscheinlich auch um die Entwicklungen rund um Künstliche Intelligenz (KI), die in der Filmindustrie weitreichende Konsequenzen haben. Wie möchten Sie dem begegnen?
Aktuell schaffen wir eine KI-Koordinationsstelle, die sich des Themas abteilungsübergreifend annimmt: Wie können wir KI einbinden? Was bedeutet das für den Produktions-, Entwicklungs- und Schaffensprozess? Und was ist der richtige Umgang damit? Meiner Meinung nach darf man KI weder unterschätzen noch überschätzen. Wir müssen die richtige Haltung finden und auf das Thema beherzt und vor allem auch frohen Mutes eingehen.
Spüren Sie den frohen Mut in der Branche oder gibt es vor allem Ängste?
Es ist einerseits absolut erstaunlich, was gerade schon möglich ist. Andererseits ist KI bis jetzt nicht in der Lage, zwei Menschen in einem Raum zu generieren, die einen Dialog führen. Das sieht einfach grausig aus! Und selbst das, was bei KI sonst so an Texten und Bildern herauskommt, ist auffällig seelenlos. Und genau da muss man ansetzen. Wir müssen das tun, was die Akademie in Ludwigsburg schon immer getan hat: das bestmögliche Technologie- und Anwendungsverständnis vermitteln und sich andererseits darauf fokussieren, was erst einmal nicht abzuschaffen ist, nämlich das Menschliche, die Kreation, das Herz und die Relevanz. Denn was KI normalerweise nicht kann, das ist, zu überraschen und zu berühren. Und wenn man da ansetzt, dann muss man keine Angst vor KI haben.
Die Filmindustrie war schon immer im Wandel.
Absolut. Die Filmindustrie ist eine Industrie, die schon immer von solchen technologischen Innovationen heimgesucht wurde. Erst gab es den Schwarz-Weiß-Stummfilm, dann kam der Tonfilm – es gab Leute, die damals gesagt haben, das ist das Ende des Films! Dann war der Farbfilm das Ende, dann die DVD, Streaming und so weiter. Diese Paradigmenwechsel gab es in der Filmbranche schon immer. Man muss das Potenzial von KI sehen. Beispielsweise Geschichten zu erzählen, die sonst so gar nicht möglich wären oder jedenfalls nicht in einem angemessenen Budgetrahmen.
Die Art des Filmemachens mag sich ändern. Gilt das auch für den Geist des Filmemachens, oder bleibt der immer gleich?
Die Geschwindigkeit, in der Filme heute entstehen, ist atemberaubend. Was aber das Herz des Filmemachens betrifft, das ist so alt wie die Menschheit selbst. Wir können uns Geschichten übereinander erzählen, wir können uns Geschichten über das Miteinander erzählen. Das sind die ganz großen Narrationen der Gesellschaft - von Helden, von Werten, von Hoffnungen, von Demokratie. Und ich glaube, dieses grundlegende Bedürfnis und der Drang der Menschen, Geschichten zu erzählen, haben sich nicht geändert; das ist in unserem Geist verankert, das ist in unserer DNA verankert, das wird auch bleiben.
Die Welt befindet sich im Wandel und im Krisenmodus. Was macht das mit den Studierenden und wie muss die Lehre an einer Akademie darauf reagieren?
Mir war und ist es immer wichtig – auch bei meiner eigenen Tätigkeit als Dozent –, das Fachwissen bestmöglich und so ehrlich wie möglich zu vermitteln. Worum es mir aber immer und in jeder meiner Veranstaltungen gegangen ist und auch weiter gehen wird, das ist, Optimismus und Zuversicht zu vermitteln. Wir erleben gerade die Generation Krise: Die älteren Jahrgänge der jetzigen Studierenden haben während der Pandemie begonnen zu studieren. Sie sind ohne Campusleben sondern mit Zoom-Meetings gestartet. Dann kam der Ukraine-Krieg, Trump, die AfD wird stärker, der Klimawandel schlägt immer mehr durch. Deshalb muss man zwischen den Zeilen immer den Geist des Optimismus zeigen und Begeisterung vermitteln.
Welchen Stellenwert hat in dieser Situation ein Studium an der Filmakademie?
Wir bilden künftige Medienschaffende aus, das sind Multiplikatoren. Es ist immer wichtig, sich um den Nachwuchs zu kümmern, aber bei diesem Nachwuchs ist das noch wichtiger. Denn ich glaube wirklich, dass in Ludwigsburg – und jetzt kommt ein ganz großer Klopper! – die freiheitlich-demokratische Grundordnung verteidigt wird. Dort werden die Leute ausgebildet, die später die Geschichten erzählen, die von Freiheit und einem Leben in Freiheit erzählen und von einer inklusiven Gesellschaft, in der ich leben will. Es ist mir ganz wichtig, dass auch dieser Demokratieaspekt in Ludwigsburg betont wird. Deswegen halte ich es für so überragend wichtig, dass ein Land wie Baden-Württemberg nicht nur tolle Künstlerinnen und Künstler und künftige Wirtschaftsakteure ausbildet, sondern deutlich macht, dass die Lehre dort tatsächlich ein gesellschaftsrelevanter Bereich ist.
Das Gespräch führte Ina Schäfer.
Info
Leitung
Andreas Bareiß wurde in Ludwigsburg geboren. Der 44-Jährige war zuvor für die Filmproduktionsfirma Gaumont tätig. Zunächst als Leiter der Rechtsabteilung, später als Mitglied der Gesamtgeschäftsleitung und Chef des Berliner Büros. Zuletzt war Bareiß dort als leitender Produzent an der internationalen Serienproduktion „In Her Car“ beteiligt. Seit 2017 lehrt er an der Filmakademie in Ludwigsburg als Dozent. Seit Anfang Mai ist er zunächst für fünf Jahre nicht nur deren Direktor, sondern auch Geschäftsführer.
Hochschule
Die Filmhochschule Baden-Württemberg ist eine der führenden Filmausbildungsstätten weltweit. Sie hat einige bekannte Absolventinnen und Absolventen hervorgebracht, etwa Drehbuchautor und Regisseur Bora Dağtekin („Fuck ju Göhte) oder Nora Fingscheidt, deren erster Spielfilm „Systemsprenger“ zahlreiche Preise gewonnen hat.