Der neue Hospitalhof Haus mit Gedächtnis

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Der Neubau des Stuttgarter Hospitalhofs von Lederer, Ragnarsdottir und Oei wertet das ganze Stadtviertel auf. Durch das markante Ensemble des Evangelischen Bildungszentrums gewinnt es Identität und Ausstrahlung zurück.

Gut geworden: der Hospitalhof. Foto: Roland Halbe
Gut geworden: der Hospitalhof. Foto: Roland Halbe

Stuttgart - Muss Architektur heute wirklich so deprimierend aussehen, fragt sich haare­raufend, wer in Stuttgart auf Quartiere wie das Europaviertel oder das Gerber guckt. Die Antwort wird ihm – frohe Osterbotschaft! – an anderer Stelle der Stadt zuteil: Seid getrost, Brüder und Schwestern, der neue Hospitalhof ist anderen Geistes Kind. Weder weist er diese todlangweiligen fatzenglatten Fassaden auf, noch handelt es sich um eine Renditeerwartung in Hochbaugestalt oder, wie beim Vorgängerbau, um ein Haus mit nachkriegstypischem Gedächtnisverlust. So sehr hat sich diese Stadt an ihre wirtschaftsfunktionalistische Zurichtung als Normalfall gewöhnt, dass die Ausnahme schockartig in Erinnerung ruft, was wir alles vergessen hatten: dass Architektur einen Ort zu bilden imstande ist, dass sie nicht auf allen vier Seiten gleich aussehen muss, als könnte sie überall und nirgends stehen, dass sie auch kein ­solip­sistisches, sich selbst genügendes Gebilde sein muss, sondern auf ihre konkrete Umgebung und ihre Geschichte bezogen sein, dass sie – mit einem Wort – Stadt machen kann.

Schon vor der Eröffnung des umgebauten Evangelischen Bildungszentrums am letzten Aprilwochenende zeichnet sich ab, dass sich das Hospitalviertel durch dieses neue Ensemble zwischen Büchsen- und Gymnasiumstraße verändern und reurbanisieren wird. Vordem eine vom Zentrum durch die Schneise der Theodor-Heuss-Straße abgeschnittene, hauptsächlich dem Parksuchverkehr dienende Zwischenzone ohne Eigenschaften, hat dieses Stadtgebiet plötzlich wieder Identität und Ausstrahlung. Und die Evangelische Kirche, die als Bauherr in Stuttgart zuletzt mit dem innenräumlich nur halb geglückten Umbau der Stiftskirche hervorgetreten ist, meldet sich als konkurrenzfähiger Wettbewerber der sich stets auch durch ihre Architektur darstellenden (und manchmal, wie in Limburg, übers Ziel hinausschießenden) Katholiken mit einem Paukenschlag zurück.

Architekten knüpfen an die Historie des Ortes an

Dabei hat der Hospitalhof als Institution und Bildungszentrum Tradition, nur dass der Nachkriegsbau des Architekten Wolf Irion merklich in die Jahre gekommen war. Der Neubaubeschluss wurde jedoch aufgrund konstruktiver Mängel und strengerer Brandschutzvorschriften gefasst, nicht weil die Architektur zuletzt den Charme eines abgetragenen Anzugs verströmte, der selbst die gotischen Relikte der Hospitalkirche blass aussehen ließ. Man nahm vor lauter Graumäusigkeit schon gar nicht mehr wahr, dass man an einem mittelalterlichen Bau vorbeihastete.

Die Stuttgarter Architekten Lederer, Ragnarsdóttir, Oei, Sieger im Wettbewerb von 2009, ergriffen die Chance, mit dem Neubau an die Historie des Ortes anzuknüpfen und diesen so von der Amnesie zu kurieren, an der er seit 1945 gelitten hatte. Die 1493 vollendete Hospitalkirche in der sogenannten Reichen Vorstadt war nach der Stifts- und der Leonhardskirche der dritte große Sakralbau des Spätmittelalters in Stuttgart. Nach der Reformation gingen Kirche und die dazugehörige Dreiflügelanlage des Dominikanerklosters in den Besitz der Stadt über, die darin ihr Bürgerspital einrichtete – daher der Name Hospitalkirche. Im Krieg brannte die Kirche aus, die ehemalige Kloster­anlage wurde vollständig zerstört. Übrig blieben am Ende nur der Chor der Kirche und ein Stück der Südfassade.

Irion gruppierte sein Ensemble nach historischem Vorbild zwar um einen Innenhof, doch seine nüchtern-funktionali­stische Architektursprache und die Abkehr vom alten Stadtgrundriss kappten – ganz im Zeitgeist des Wiederaufbaus – die Verbindung zur Vergangenheit. Lederer, Ragnarsdóttir, Oei haben die Baumassen nun auf die Fluchten des Klosters zurück­geführt, so dass die Anlage, bedingt durch die Ostung der Kirche, wieder leicht aus dem orthogonalen Straßenraster gedreht ist. Man kann auch wieder sehen, wie groß der Kirchenbau früher war, denn der Torso der stehen­ gebliebenen Südwand wurde auf die ursprüngliche Ausdehnung verlängert.

Architektur besteht nicht nur aus einer Fassade zur Straße

Hinter den neuen Bogenfenstern verbirgt sich allerdings kein Sakralraum, sondern das Treppenhaus des Verwaltungstrakts beziehungsweise ein Büro – weshalb diese Inszenierung nicht so weit geht, das Maßwerk der gotischen Fenster zu imitieren, sondern sich mit schlichten Holzlamellen begnügt. Dennoch kann auch das ungeübte Auge diese baugeschichtliche Erzählung lesen: Es war einmal . . . Im Innenhof setzt sie sich fort in den schlanken, hochwachsenden Bäumen, die den Platz der Säulen im Mittelschiff der verschwundenen Kirche einnehmen. Und da die umliegenden Gebäudetrakte jetzt auch nicht mehr mit Büros, sondern mit breiten Fluren und Fenstertüren an den Gartenhof grenzen, ist die vollkommen heutige, vollkommen unsentimentale Reminiszenz an den einstigen mittelalterlichen Kreuzgang perfekt.

Architektur – auch das ist weitgehend in Vergessenheit geraten – besteht nicht aus einer Fassade zur Straße und einem Durchschlupf für die Angestellten oder Konsumenten, durch den sie ins Gebäude hinein- und wieder hinausgelangen. Architektur kann mehr, wenn man sie lässt. Das zeigt am Hospitalhof vor allem dieser Innenhof, der nach der Bauherrn-Devise „evangelisch, offen, mittendrin“ einen halböffentlichen Raum für alle bildet, nicht nur für Besucher der Veranstaltungen, Ausstellungen und Seminare des Bildungszentrums.

Ein Portal mit geschwungenem Betondach zwischen dem Haupteingang an der Büchsenstraße und der Kirche bildet die einladende Schwelle zwischen Straße und Gartenhof, in dem sich jeder niederlassen kann, der ein bisschen Ruhe sucht oder frische Luft schnappen oder sich in der Mittagspause am Anblick der Bäume und Rosen erfreuen will. Man denkt an das Biennale-Motto der japanischen Architektin Kazuyo Sejima zurück: People meet in Architecture. Gute Architektur ist immer sozial, ist immer ein Beitrag zur Stadt. Zugleich wertet das neue Portal die Kirche auf, die der Nachkriegsbau zum Anhängsel degradiert hatte. Vollständig rehabilitiert wird Jörg Aberlins ­gotischer Hospitalkirchenrest aber erst, wenn die Sanierung nach dem Kirchentag 2015 in Angriff genommen werden kann. Vorläufig muss man großzügig über das vergammelte Vordach und den Putz hinwegsehen, der farblich an orthopädische Strümpfe erinnert.

Mit dem hellen Backstein, den roten Linoleumböden, den Holzfenstern, den plastisch durchgeformten Treppenhäusern und den geschwungenen Lamellendecken bleiben Lederer, Ragnarsdóttir, Oei ihrem Material- und Formen­kanon treu. Alles ist ein wenig vom skandinavischen Design in­spiriert, alles eher Lowtech und handwerklich als industriell gefertigt. Zaubern können die Architekten auch: zu merken an den 39 runden, von Hand zu verstellenden Holzklappen vor den Bullaugenfenstern an der Bühnenrückwand im großen Saal. Offen schon hübsch, sehen sie geschlossen aus wie 39 kleine Sonnenfinsternisse mit leuchtender Korona drum herum.