Der neue Roman von Astrid Fritz Antisemitismus im Mittelalter

Die Schriftstellerin Astrid Fritz lebt und arbeitet in Waiblingen. Foto: Frank Eppler
Die Schriftstellerin Astrid Fritz lebt und arbeitet in Waiblingen. Foto: Frank Eppler

Die Waiblinger Autorin Astrid Fritz lässt ihre clevere Begine Serafina zum zweiten mal im Freiburg des 15. Jahrhunderts in einem mysteriösen Fall ermitteln. Dieses Mal geht es um Antisemitismus und Habgier.

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Waiblingen - Vorstellungen von der Welt des Mittelalters und der frühen Neuzeit sind bis heute durch Verklärungen des 19. Jahrhunderts geprägt. Nicht nur die Hörner an Germanenhelmen wurden damals erfunden, auch das Bild der mittelalterlichen Gesellschaft wurde durch munteres Fabulieren verzerrt. Erst die moderne Geschichtswissenschaft verhalf der Wahrheit wieder ans Licht. Dennoch herrschen in den Köpfen Bilder vor, die man in der Kindheit und Jugend kennengelernt hat. Umso größer sind die Aha-Erlebnisse, wenn man korrekt recherchierte historische Romane wie die der Waiblinger Schriftstellerin Astrid Fritz liest. Ihr neuer Titel „Hostienfrevel“ ist seit dieser Woche auf dem Markt und führt den Leser nach Freiburg im Breisgau zu Beginn des 15. Jahrhunderts.

Aha-Erlebnisse beim Lesen historischer Romane

Wieder ist die Begine Serafina die Hauptperson in dem Krimi, der sich nicht nur um einen Hostienfrevel im Freiburger Münster, sondern auch um den Tod des Küsters und vor allem um den Antisemitismus in der mittelalterlichen Gesellschaft dreht. Denn sofort, nachdem die Schändung der Hostien bekannt wird, fällt der Verdacht auf den jüdischen Schuster Mendel. „Damals gab es nur drei jüdische Familien in Freiburg“, sagt Astrid Fritz, die unter anderem in der Stadt Germanistik und Romanistik studiert hat und die sich mit deren Geschichte bestens auskennt. „Zuvor hatten die Freiburger alle Juden vertrieben. Die drei Familien durften nur bleiben, weil sie sehr hohe Abgaben bezahlten. Für die Freiburger waren sie auf der anderen Seite wichtig für Kreditgeschäfte.“

Von den drei Familien ist nur der Name Salomon historisch verbürgt, die beiden anderen wie der Schuster Mendel sind fiktiv, wie auch der wahre Täter. Wie sich im Lauf des Romans herausstellt, hat dieser den Antisemitismus seiner Mitmenschen perfide ausgenutzt, um seine eigentlichen Pläne in die Tat umzusetzen. Nachdem die Wahrheit ans Licht gekommen ist, kommt jener dennoch recht „billig“ davon, obwohl bei seinem Treiben der alte Küster zu Tode gekommen ist. „Er war ein angesehener Bürger. Das wurde damals im Urteil berücksichtigt“, sagt Astrid Fritz. Im Gegensatz zum modernen Strafrecht wog damals das Ansehen des Delinquenten viel mehr. So wird der Täter in diesem Fall auf Lebenszeit aus Freiburg verwiesen. Ein anderer hätte womöglich sein Leben verloren.

Das nächste Buch dreht sich um die Tochter eines Henkers

So starr, wie man sich die mittelalterliche Gesellschaft vorstellt, war sie auch nicht. „Die Beginen waren eine Art von Gemeinschaft, die Frauen große Freiräume verschafften“, erklärt Astrid Fritz. Zwar mussten sie den strengen Regeln ihrer Kommunität folgen, doch kamen die „Sozialarbeiterinnen des Mittelalters“ überall hin, in die Häuser der Reichen wie der Armen. „Die Frau des Bäckers hätte sich niemals so frei durch Freiburg bewegen können wie Serafina“, erläutert die Schriftstellerin, weshalb sie eine Begine zu Hauptperson ihrer Bücherserie „Das Aschenkreuz“ und „Hostienfrevel gemacht hat. „Mir macht es Spaß, mehr und mehr aus der Vergangenheit der einzelnen Personen um Serafina und sie selbst ans Licht kommen zu lassen“, sagt Astrid Fritz, die im Moment am dritten Roman um die so clevere wie couragierte Begine schreibt.

Und im Sommer kommenden Jahres erscheint der nächste große Roman. „Darin geht es um die Tochter eines Henkers und ihre Rolle in der damaligen Gesellschaft.“ Die Scharfrichterfamilien lebten nämlich am Rand der Gesellschaft. Umgang mit Menschen anderer Stände oder gar Heirat war ihnen verboten. „Auf der anderen Seite waren sie als Heiler hoch angesehen, da sie die Menschen, die sie folterten, bis zum Prozess wieder in einen mehr oder weniger unversehrten Zustand bringen mussten.“




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