Der neue Roman von Astrid Fritz Die mörderischen Fake News eines Hexenjägers

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Der Inquisitor Heinrich Kramer schreckt vor Lügen und Fälschungen nicht zurück: Der neue Roman der Murrhardter Autorin Astrid Fritz spielt im 16. Jahrhundert – und dennoch ist das Buch erschreckend aktuell.

Dieser  Stich aus dem Jahr 1555 zeigt eine Hexenverbrennung. Foto: dpa
Dieser Stich aus dem Jahr 1555 zeigt eine Hexenverbrennung. Foto: dpa

Murrhardt - Eine Verschwörung ist im Gange, eine überaus gefährliche, der es mit aller Macht zu begegnen gilt. Scheinbar ist sie nur einem aufgefallen, doch dieser eine Mann setzt alles daran, dem Treiben ein Ende zu setzen – auch wenn er lügen, betrügen und fälschen muss. Der Zweck heiligt die Mittel. Heinrich Kramer, Dominikanermönch aus Schlettstadt im Elsass, Doktor der Theologie und vom Papst legitimierter Inquisitor, ist der „neuen Hexensekte“ auf der Spur, wie er sie nennt.

In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts glauben zwar die meisten Menschen an Magie und Zauberei, doch Hexenprozesse sind selten. Mit Kramer, der sich latinisiert Institoris nennt, ändert sich das auf fatale Weise: Sein Buch „Der Hexenhammer“ wird rund 70 Jahre nach seinem Tod zur Anleitung für jene Fanatiker, die in ganz Europa Tausende, zumeist Frauen, auf die Scheiterhaufen schicken.

Ein Quertreiber und Querulant stößt auf Widerstand

„Das Buch erlebte erst im 16. Jahrhundert seine große Zeit“, sagt die Waiblinger Schriftstellerin Astrid Fritz, die mittlerweile in Murrhardt lebt und arbeitet. Für ihr neues Buch „Der Hexenjäger“ hat sie über das Leben des Autors des „Malleus Maleficarum“ recherchiert. „Es ist quasi die Vorgeschichte zu meinem Roman ,Die Hexe von Freiburg’, die rund 80 Jahre später dem Hexenwahn zum Opfer fiel.“ Ein Wahn, den Heinrich Institoris angezettelt hat. Zu Lebzeiten stieß er mit seiner Verschwörungstheorie allerdings auf Widerstand, vor allem in geistlichen Reihen.

„Er galt als Rechthaber und Querulant“, sagt die Schriftstellerin, die sich in ihrer Arbeit auf die Epoche der Frühen Neuzeit, dem ausgehenden Mittelalter in Süddeutschland spezialisiert hat. Über den durchaus intelligenten Mann, der ein gestörtes Verhältnis zu Frauen hatte – „einerseits fühlte er sich zu ihnen hingezogen, andererseits fürchtete er sie und zudem war er enttäuscht von ihnen“ – gibt es zwar nur wenige Quellen, doch sein Hauptwerk, der Hexenhammer, legt beredetes Zeugnis über seine Gedanken ab. Was er Frauen an Bosheit und Verdorbenheit unterstellt, weist auf einen krankhaften Frauenhass hin.

„Dabei zitiert er vor allem im ersten Teil des Buches sehr viel. Das Kloster Schlettstadt hatte eine berühmte Bibliothek, die er zu nutzen wusste“, sagt Fritz. Wenn es sein musste, „änderte“ Kramer Zitate allerdings so, dass sie in seine Vorstellungen passten. So macht er an vielen Stellen aus einem Zauberer, also einem Mann, eine Hexe. Frauen, so seine „Theorie“, seien vom Teufel viel leichter zu verführen als Männer.

Eine Blaupause für Verschwörungstheorien

Fake News würde man das auf Neudeutsch bezeichnen. In Zeiten von Verschwörungstheorien wie der drohenden Islamisierung Deutschlands und Europas, erhält der Roman einen ganz aktuellen Bezug. Das Muster ist immer das selbe: Eine mysteriöse Macht im Hintergrund zieht die Strippen und bedient sich willfähriger Gehilfen. An Hexen glaubt heute kaum noch jemand. Dass eine gleichgeschaltete „Lügenpresse“ Verlautbarungen von Regierungen weitergibt aber umso mehr. Ähnlich laufen auch Argumentationsketten von Antisemiten, die sich auf das perfide Machwerk der „Protokolle der Weisen von Zion“ berufen. Bis heute weigern sich Rassisten hartnäckig anzuerkennen, um was es sich bei dem Buch in Wirklichkeit handelt: eine bösartig zusammenfabulierte Fälschung.

Ein besonders perfider Trick Kramers bestand darin, seinen größten Widersacher, den zu seiner Zeit berühmten Theologen und Dominikanermönch Jakob Sprenger, im Hexenhammer so oft zu zitieren, dass man ihn bald für seinen Co-Autor hielt und er bis heute im Titel des Buches an erster Stelle steht. Dagegen wehren konnte sich Sprenger nicht, da das Buch nach seinem Tod erschien. „Kramer war ein Marketinggenie. Da Sprengers Name sehr bekannt war, zog dieser natürlich Aufmerksamkeit auf das Buch. Dabei hatte er mit Kramers Vorstellungen nichts zu tun, im Gegenteil. Er war der Überzeugung, man könne Ketzer durch Rosenkranzgebete retten. Von Verbrennen wollte er gar nichts wissen“, erklärt Astrid Fritz.

Die erste Lesung findet im Januar in Waiblingen statt

Der Verschwörungstheoretiker Kramer-Institoris scheiterte zwar zu seinen Lebzeiten, was den narzisstischen Menschen furchtbar traf. Doch postum machte sein Hexenhammer eine fürchterliche Karriere – warum, ist nicht bekannt. „Im 16. Jahrhundert war die Auflage des Hexenhammers nahezu so hoch wie die der Bibel, dem damals meistverkauften Buch.“ Im Hexenhammer ist genau beschrieben, welche Fangfragen man Verdächtigen stellen muss, damit es für sie kein Entkommen gibt. Das Buch gilt heute als eines der schlimmsten der Geschichte.

„Der Hexenjäger“ erzählt aus dem Leben des Inquisitors, als er im Begriff steht, den Hexenhammer zu verfassen. Anhand der fiktiven Schlettstadter Kaufmannsfamilie Mitnacht beschreibt Astrid Fritz das Leben des Schlettstädter Priors in der Stadt nahe des Rheins, aber auch die Ambivalenz seiner Persönlichkeit. Einerseits fühlt sich dieser zur Tochter der Familie hingezogen, beginnt sie jedoch zu hassen, als sie einen Kaufmann aus Straßburg heiratet. Diese vermeintliche Kränkung zahlt der Narzisst der völlig Ahnungslosen heim: er beschuldigt sie und andere Schlettstädterinnen der Hexerei und macht ihnen den Prozess. „Diesen gab es wirklich. Durch einen Brand sind jedoch die Akten vernichtet worden. Näheres ist nicht mehr bekannt. Für mich als Schriftstellerin war das die Gelegenheit, meine Figur da hineinzuschreiben.“




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