Die FDP zerlegt sich in Hamburg wieder einmal selbst. Die Landesvorsitzende Sylvia Canel ist aus der Partei ausgetreten und hat zum Abschied FDP-Chef Christian Lindner noch mal scharf angegriffen.

Berliner Büro: Thomas Maron (tm)

Berlin - Das hat FDP-Chef Christian Lindner noch gefehlt. Nach der Wahlpleite in Sachsen und dem Verlust der letzten Regierungsbeteiligung zerlegt sich jetzt auch noch der Hamburger Landesverband. Dessen Vorsitzende Sylvia Canel ist unter Absingen schmutziger Lieder zurückgetreten. Vorangegangen war eine monatelange Schlammschlacht, den ein frustrierter Spitzenliberaler in Berlin angesichts der desolaten Lage der Partei mit den Worten umschrieb: „Machtkampf auf der Titanic“. Canel rang mit der Fraktionsvorsitzenden in der Bürgerschaft, Katja Suding, um Posten und Einfluss. Am Ende unterlag die einstige Bundestagsabgeordnete gegen Suding im Streit um die Spitzenkandidatur bei der Bürgerschaftswahl am 15. Februar 2015.

Die Auseinandersetzung war in der intrigenverliebten Hamburger FDP, die in 25 Jahren 13 Vorsitzende verschliss, standesgemäß ausgetragen worden. So veröffentlichte Canel im Juni, kurz vor dem entscheidenden Landesparteitag, auf ihrer Facebook-Seite den E-Mail-Verkehr mit ihrer Parteifeindin Suding. Diese hatte Canel darin eine Kampfkandidatur angeboten. Wer verliert, solle überhaupt nicht mehr kandidieren, so Sudings Vorschlag. Spätestens nach dieser Indiskretion war das Tischtuch zwischen den Spitzenfrauen endgültig zerschnitten.

In Hamburg steht auch Lindner zur Wahl

In guten Zeiten hatte man in Berlin den notorisch zerstrittenen Hamburger Landesverband schlicht ignoriert, wenn dort Intrigenalarm ausgerufen wurde. Aber die Zeiten sind für die FDP so schlecht wie nie. Sachsen ging verloren, in Thüringen und Brandenburg wird am 14. September gewählt, und auch dort kämpft die FDP auf verlorenem Posten. Ausgerechnet die Hamburgwahl soll der Wendepunkt sein.

Für Parteichef Lindner ist ein gutes Ergebnis in der Hansestadt aber nicht nur deshalb von großer Bedeutung, weil die verunsicherte Basis nur mit Erfolgen zu beruhigen ist. Bis zum Dreikönigstreffen in Stuttgart will Lindner die FDP inhaltlich neu positionieren und ihr Erscheinungsbild überarbeiten. In Hamburg steht deshalb im Februar erstmals auch die von ihm runderneuerte FDP zur Wahl. Und damit auch der Parteichef selbst.

Zum Abschied den Vorwurf: Falscher Korpsgeist

Deshalb sahen sich Lindner und sein Vize Wolfgang Kubicki im Juni auch genötigt, kurz vor dem Landesparteitag in Hamburg einzugreifen. Die beiden fürchteten, dass Suding aufgibt. Die 38-Jährige gilt aber in Berlin als Hoffnungsträgerin. 2011 hatte die damalige Politik-Novizin die FDP nach sieben Jahren außerparlamentarischer Opposition in die Bürgerschaft zurück gebracht. Seitdem führt sie unumstritten die Fraktion. Lindner und Kubicki wollten im Hamburger Wahlkampf unter keinen Umständen auf die Fertigkeiten, die Ausstrahlung und den hohen Bekanntheitsgrad der 38-Jährigen verzichten. Also drängten sie Canel, die nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag auf eine Anschlussverwendung in der Bürgerschaft hoffte, zum Verzicht auf eine Kandidatur. Zunächst sicherte die Unterlegene Suding noch Unterstützung zu. Aber jetzt schmiss Canel hin.

Auch aus der Partei trat die 56-Jährige aus. Über die Parteispitze fällte sie ein vernichtendes Urteil, beklagte einen „falschen Korpsgeist“. Sie habe „Toleranz und Meinungsfreiheit innerhalb der FDP überschätzt“. Sie wolle deshalb wieder „frei sein und für eine bodenständige Politik“ arbeiten können. Künftig will sie Najib Karim und den ehemaligen Zweiten Bürgermeister der Stadt, Dieter Biallas, bei der Neugründung einer Partei mit sozialliberaler Ausrichtung unterstützen. Karim war bereits im Juli vom Amt des FDP-Vizechefs in Hamburg zurück getreten.

In Berlin zeigte man sich überrascht davon, dass Canel sich jetzt zur sozialliberalen Traditionslinie der Partei bekennt, wo sie doch eher den Euro-Skeptikern um Frank Schäffler zugerechnet wurde. Natürlich sei die Entwicklung unerfreulich. Der Aufwand, Canel an einem Austritt aus der Partei zu hindern, habe sich dennoch „schwer in Grenzen gehalten“, heißt es.

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