Der Öko-Obstbauer Martin Geng Äpfel ohne Spritzmittel
In Staufen baut der Quereinsteiger Martin Geng sein Obst an wie früher – ohne Spritzmittel,nur mithilfe von Vögeln und Insekten.
In Staufen baut der Quereinsteiger Martin Geng sein Obst an wie früher – ohne Spritzmittel,nur mithilfe von Vögeln und Insekten.
Der Weg durchs Paradies ist beschwerlich an diesem Samstagnachmittag. 50 Menschen ziehen langsam über die Obstwiesen auf einem Hügel im südbadischen Staufen. Einige haben am Anfang der Führung bei den als Sonnenschutz angebotenen Regenschirmen zugegriffen. Die meisten flüchten bei jedem Halt unter die wenigen Schattenflecken der jungen Bäume.
Martin Geng, der hier sein „Obstparadies“ erklärt, trägt Jesuslatschen und Strohhut. Sein Sohn Johannes stellt indes unter einem kleinen Partyzelt, vor dem die Gruppe zweimal eine längere Pause macht, in charmanter Sommelierlyrik die Köstlichkeiten vor, die aus den familieneigenen Früchten entstehen: Säfte, Aufstriche, Essige, Liköre, Fruchtsekt. Fürs Anreichen der Versucherle sind weitere Familienmitglieder dabei.
Martin Geng widmet sich an diesem Nachmittag eher der Vertreibung aus dem Paradies – der verlorenen Unschuld der Landwirtschaft. Zwischendurch fragt der 60-jährige Hüne seine Zuhörer immer wieder nach ihrer Einschätzung der Lage. Wie oft wird Obst heutzutage üblicherweise gespritzt? „Mehr als 30-mal pro Jahr“, antwortet er selbst. Dass vor allem im Biobereich kupferhaltige Stoffe gespritzt werden, weil sie als natürlich gelten, verblüfft viele Gäste.
Martin Geng war von dieser Entwicklung so genervt, dass seine neunte Geschäftsidee daraus wurde. Schon mit 22 hatte er sich als Zimmermann selbstständig gemacht und immer wieder neue Firmen im Bereich des ökologischen Bauens gegründet. „Meine Ideen wurden zehn, fünfzehn Jahre später zum Trend“, erzählt Geng, Pionier auch beim Bau von Niedrigenergiehäusern im Land.
So kamen ständig neue Projekte dazu, die ihn mehr faszinierten. Irgendwann merkte er: „Du kannsch nicht beides gleich gut machen.“ Also verkaufte er seine Firma an Mitarbeiter. Das Ganze wiederholte sich mehrmals. Am Ende produzierte er mit einem Kompagnon Naturholzböden und Ökozäune. Mit Ende 40 hatte er dann, vor lauter 70-Stunden-Wochen, keine Lust mehr, seine Zeit auf der Autobahn zu verbringen und wegen jeder Reklamation nach Bremen oder Wien fahren zu müssen. Und so beschloss Geng, sein Berufsleben „mit e bissle Obstbau“ langsam ausklingen zu lassen – was aber nicht so richtig gelang.
Wenn er auf seinen Außendiensttouren abends mal in Obstplantagen oder Weinbergen spazieren ging, ärgerte ihn vor allem „die Spritzerei, wo du dann gesehen hast, wie die Insekten verenden“. Mit seinem eigenen Garten hatte sich Geng da noch nie ernsthaft beschäftigt. Und wahrscheinlich hat ihm genau diese Mischung aus Motivation und unvoreingenommener Offenheit zum Erfolg verholfen. „Wenn man nicht im System groß geworden ist, traut man sich Sachen, die sich viele Landwirte nicht trauen“, sagt er. Als erfahrener Hobbygärtner wäre Geng wohl nicht auf die Idee gekommen, im großen Stil Obst ohne Spritzmittel gegen Unkraut und Schädlinge anbauen zu wollen.
Seit er die ersten Schritte im neuen Metier unternommen hat, hört er den Kommentar: „Obstbau ohne Spritzen, das geht nicht!“ Sei es von etablierten Kollegen, von einem Landwirtschaftsminister während einer der vielen Preisverleihungen, bei denen Geng Auszeichnungen für ökologischen Landbau abräumte, oder kürzlich wieder von einer Gruppe Obstbauberater, die er durch seine Felder und Produktionsanlagen führte.
Martin Geng kennt die Abläufe. Er weiß, sagt er, dass die Landwirte alle paar Tage Empfehlungen bekommen, wann und was sie spritzen sollen. Viele der heute angebauten, modernen Sorten würden ohne die chemische Krücke den optischen Ansprüchen des Handels nicht mehr genügen.
Es fange schon damit an, dass herkömmliche Obstbäume ziemlich kleinwüchsig und dadurch nicht tief verwurzelt seien. Ein Vorteil dieser Wirtschaftsform bestehe darin, dass sie schon nach drei Jahren Erträge liefere. Dafür muss das Gras zwischen den Bäumen entfernt werden, weil es den Baumwurzeln das Wasser streitig macht. Im konventionellen Obstbau geschehe das mithilfe von Chemie. Im Biobereich werde das Gras mechanisch entfernt, was Martin Geng kaum besser findet. Denn dafür sei ein immenser Einsatz von Diesel nötig – „weder besonders öko noch besonders preisgünstig für die Landwirte“. Bei Familie Geng dürfen die Bäume wachsen und werden so geschnitten, dass sie eine große Krone entwickeln. Bis zur ersten Ernte dauert es deshalb sieben Jahre – für herkömmliche Bäume schon fast die Hälfte ihrer Nutzungszeit.
Ein großes Problem des heutigen Obstbaus sei, dass man zu viele empfindliche Sorten reingezüchtet habe, sagt Geng. „Die Landwirte wollen eigentlich raus aus der Sackgasse, aber das ist nicht ganz so einfach.“ Bäume sammeln nicht direkt über das Wurzelwerk Wasser und Nährstoffe, sondern über ein viermal so großes Geflecht aus Pilzfäden an den Wurzeln. Die pilzhemmenden Mittel, mit denen Obstbäume üblicherweise behandelt werden, zerstörten auch das wichtige Pilzgeflecht und ließen die Bäume damit anfälliger werden für Krankheiten, sagt Geng.
Wie es anders geht, hat er sich mit Fachbüchern aus der Zeit vor der chemischen Dauerberieselung erarbeitet. Inzwischen gibt er nicht nur Kurse in Baumschnitt-Techniken, sondern ist auch regelmäßig als Experte in Fernsehsendungen zu Gast.
Seine Grundidee besteht darin, auf Nützlinge statt auf chemische Schädlingsbekämpfung zu setzen. „Die Vögel sind unsere wichtigsten Mitarbeiter“, betont Geng gerne. 20 Vogelpaare pro Hektar werden bei Gengs mit Nistkästen unterstützt und im Winter gefüttert, damit sie bleiben. Dazu gibt es Nisthilfen für Insekten, an vielen Bäumen hängt ein umgedrehter Tontopf voll Stroh, damit sich Marienkäferlarven und Ohrenzwicker ansiedeln können, um die Läuse in Schach zu halten. Zwischen den Stämmen wachsen Sauerampfer und Ackerdisteln, damit die Läuse da zuerst drangehen – und nicht an das gute Obst.
Stolz berichtet Martin Geng, welche Tiere sich schon in den Obstgärten der Familie herumtreiben: Wildkatzen, Smaragd-Eidechsen, der Wiedehopf. Beim Mähen, das den Insekten zuliebe immer nur Stück für Stück erfolgt, komme er mit Zählen und Hochrechnen auf mehr als 600 Schmetterlinge.
Der Verzicht auf die übliche Chemie funktioniere auch, weil in dem Familienbetrieb keine modernen, ertragsoptimierten Obstvarianten angebaut würden. Über die kann sich Geng ohnehin ganz entspannt in Rage reden. Warum etwa Äpfeln ihre Bitterstoffe weggezüchtet werden, denen das Potenzial nachgesagt wird, vorbeugend gegen Krebs zu wirken – und man solche „Salvestrole“ dann als teure Nahrungsergänzungsmittel kaufen soll, erschließt sich ihm nicht.
Vor allem hätten die alten Sorten den Vorteil, „dass die schon vor 100 Jahren bewiesen haben: Es geht ohne Spritzmittel“, sagt Geng. Er beschränkt sich aber nicht auf die früher üblichen Früchte. Seine Idee ist, alles anzubauen, was hier auch wächst. Das sei viel mehr, als man früher kannte: Kornelkirsche, Mispel, Kiwi, Kaki, Indianerbanane, Maulbeere, Feige, aber auch Klassiker wie Mirabellen oder Quitten. Auf der anderen Seite gebe es traditionsreiche Früchte wie Kirschen und Walnüsse, die er zu den voraussichtlichen Klimaverlierern zählt.
Das Konzept rechnet sich vor allem, weil fast alles, was die Familie produziert, im eigenen Hofladen direkt vermarktet wird. Ein romantischer Naivling ist Martin Geng nicht. Die Nachfrage übersteige das Angebot der Familie um ein Mehrfaches, betont er. Mit 30 Hektar Anbaufläche und rechnerisch zehn Vollzeitstellen gehört der Betrieb inzwischen zu den größeren im Landkreis.
Martin Geng scheint auch sämtliche Wirtschaftszahlen rund um seinen Betrieb und den Obstbau allgemein im Kopf zu haben. So erfahren die Besucher, dass sich die Herstellungskosten halt um 38 Prozent erhöhen, wenn – wie bei den Gengs – faule Früchte aufwendig aussortiert werden. Sie hören auch, dass das Apfelsaftkonzentrat im Discounter-Schorle vermutlich aus China komme, wo ein Arbeiter auf dem Land umgerechnet nur 50 bis 100 Euro im Monat koste. „In Umfragen erklären 84 Prozent der Verbraucher, Obst und Gemüse aus der Region zu bevorzugen. Doch der tatsächliche Marktanteil solcher Produkte liegt nur bei 6 Prozent – Ungespritztes macht sogar nur 0,4 Prozent aus“, sagt Geng.
Immerhin, eine Mitte Juni auf den Weg gebrachte EU-Verordnung soll den Spritzmitteleinsatz bis in acht Jahren halbieren und auf sensiblen Flächen wie Wasserschutzgebieten sogar ganz untersagen. Die Begeisterung der Landwirte hält sich bis jetzt in Grenzen. Und Martin Geng hat für die Situation seiner Bauernkollegen durchaus Verständnis: „Der Druck muss von der Bevölkerung ausgehen. Die Landwirte bauen nur an, was die Bevölkerung kauft.“
Was steht in seinem Betrieb künftig noch an? „Rote Eiseräpfel waren früher im Naturkeller drei Jahre haltbar“, sagt Geng lapidar. Wenn da mal keine neue Geschäftsidee reift.